„Im Endeffekt liefen während des Schreibens zwei Themen aufeinander zu oder konkurrierten miteinander.“ – Klaus Märkert im Interview zu „Das Besondere kommt noch“

In Kürze erscheint in der Edition Outbird der neue Roman von Klaus Märkert, dem – will man seiner Vita glauben – alterslosen Autoren-Urgestein aus dem Ruhrgebiet. Titel: „Das Besondere kommt noch“. Märkerts Bücher sind Garanten für morbiden, verstiegenen und bisweilen staubtrockenen Humor (von ihm selbst als „Nachthumor“ bezeichnet). Man kennt ihn auch als Mitbegründer und DJ der der legendären Bochumer Dark Wave-Disco „Zwischenfall (1985-2011) Dass sich hinter dem Humor seiner Short Stories und Romane auch Schrecken und Verletzbarkeit verbirgt, vermag sich manchem Leser erst mit diesem Interview erschließen.

Hallo Klaus, schön Dich hier im Interview näher kennenlernen und vorstellen zu können. Mit der 1985er Gründung des Bochumer „Zwischenfall“ hast Du eine Dark Wave-Disco mit aufgebaut, die bald überregionale Bekanntheit erlangt hatte, und in DIE musikalische Umbruchszeit schlechthin fiel. Kaum einer, der von der Musik dieser Zeit nicht maßgeblich bis heute geprägt worden wäre. Wie muss man sich das Leben als Clubbetreiber vorstellen? Wild, unberechenbar und ungesund?

Von allen 3 Dingen ein bisschen.

Als markantesten Wendepunkt in Deinem Leben gibst Du einen mit 34 ungewöhnlich frühen Herzinfarkt mit nachfolgendem Posttraumatischen Belastungssyndrom an. Wie kam es dazu und was hat sich damit in Dir und Deinem Leben verändert bzw. verändern müssen?

Die Herzkrankheit war/ist in erster Linie genetisch bedingt. Die Verwandtschaft mütterlicherseits hatte ausnahmslos dieses Leiden. Allerdings war ich mit meinen 34 Jahren das jüngste Infarkt-Opfer. Mein Zugeständnis an die Zeit danach, keine Zigaretten mehr und – etwas später – den Job als Steetworker/Sozialarbeiter schmeißen. Das Positivste: Es hat mich dem Schreiben/Autorendasein nähergebracht. Die Krankheit – insbesondere die psychische Komponente – entfernte mich zunächst auch von der Diskotheken-Szenerie und konfrontierte mich mit einer Welt des (inneren) Schreckens, der Unberechenbarkeit und Verletzbarkeit (posttraumatische Belastungsstörung), die sich wohl auch in meinen Short Storys spiegelt, wo den Protagonisten häufig und ganz unvermittelt furchtbare Dinge widerfahren. Mit dem Verfassen erster Storys begann ich automatisch meine Umgebung intensiver wahrzunehmen, gerade auch scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten Aufmerksamkeit zu schenken. Oft sind es diese Kleinigkeiten, die ins Notizbuch notiert und später in die Storys eingefügt dem Erzählten – und erscheine es noch so abstrus – eine gewisse Glaubwürdigkeit verleihen.

Du bist Diplom-Sozialarbeiter, hast als Taxifahrer, DJ, Schallplattenverkäufer, Diskothekenbetreiber und Musikredakteur gearbeitet? Waren diese Sprünge einer langen Lebensphase des Treibenlassens geschuldet?

Nein. Alles interessante Jobs, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Das gesamte Arbeitsleben in ein und demselben Büro/Firma zu verbringen war für mich immer schon unvorstellbar. Ein Alptraum. Natürlich gehören zu einem erfüllten Arbeitsleben auch Ruhephasen, Um-Orientierungsphasen, meinetwegen auch Phasen des Treibenlassens.

In der Zeit nach dem Herzinfarkt vollzogst Du die Hinwendung vom DJ zum Schriftsteller und anstelle eines lauten Clubs lauerte da die Einsamkeit nächtlicher Schreibstunden. Wie ist die Wandlung vom tosenden Feiervolk zum stillen Schaffensprozess eines Autors zu schaffen? Und wieviele Jahre Schreibens lagen vor Deinem Debüt „Hab Sonne“?

Als Bücherfan schon in Kinder- und Jugendzeiten entstand recht schnell der Wunsch, selbst einmal Bücher zu schreiben, jedoch dauerte es ewig, bis ich innerlich dazu bereit war. Ideen gab es schon früh jede Menge. Weitaus komplizierter war es, die Stunden der Einsamkeit während des Schreibprozesses ertragen zu lernen, mit dem Fernziel irgendwann einmal das eigene Buch in den Händen zu halten. Das funktionierte erst in den Jahren 2006 bis 2008, in denen dann „Hab Sonne“ entstanden ist. Und der Kampf war/ist damit nicht ausgestanden. Vor jedem neuen Buchentstehungsprozess beginnt die Auseinandersetzung aufs Neue.

„Hab Sonne“ erschien beim – ebenfalls legendären – Leipziger Verlag Edition PaperONE, in dem Du Dich neben AutorInnen wie Jennifer Sonntag, Hauke von Grimm, M. Kruppe, Volly Tanner und Michael Schweßinger einreihtest. Dem ging eine intensive Verlagssuche voraus. Wie kamst Du zu Oliver Baglieris „Edition PaperONE“?

Auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2009 lernte ich Oliver Balieri kennen, der dort einen Verlagsstand hatte. Auf eben dieser Messe begegnete ich außerdem Michael Schweßinger und Hauke von Grimm, zwei Autoren der PaperONE, die dort eine Lesung hatten. Sympathie auf den ersten Blick. Nachdem ich der PaperONE mein Manuskript zugesandt hatte, ging alles ganz fix. Schon im Mai 2009 erschien „Hab Sonne“.

Welche literarischen EinflussgeberInnen gab bzw. gibt es?

Autoreneinfluss … Ist immer so eine Sache, kann man nur erahnen. Gern gelesen habe ich aus der Abteilung Short Storys: Woody Allen, Roald Dahl, Ambrose Bierce und Edgar Allen Poe. Aktuell: Heinz Strunk „Das Teemännchen“ – Romane, da gibt es unzählige. Fürs Autobiografische spielt vielleicht Henry Miller eine Vorreiterrolle (insbesondere: Wendekreis des Steinbocks), aber auch Knut Hamsuns „Hunger“, oder aktueller Michel Houellebecq (Elementarteilchen, Ausweitung der Kampfzone), sowie Andreas Altmanns Roman „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ haben mich jedenfalls nachhaltig beeindruckt.

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Das zentrale Thema deines vierten autobiografischen Romans sollte ursprünglich dein Weg zum Autor/Schriftsteller sein. Dann entwickelte sich parallel die Idee, „Das Besondere, was einem im Leben widerfährt“ zum Thema zu machen. Wie kam es zu dieser thematischen Wegänderung?

Die Idee entstand beim Schreiben der ersten Geschichte des Romans über den Schulfreund, der schon mit Mitte dreißig glaubte, alles Besondere im Leben hinter sich zu haben. Im Endeffekt liefen dann während des Schreibens beide Themen aufeinander zu oder konkurrierten miteinander, was ich sehr spannend fand, zumal ich über den Themenkomplex „Das Besondere“ viele recht aktuelle Begebenheiten in den Roman habe einfließen lassen können, was ihm – vielleicht sogar ungewöhnlich für eine Autobiografie – eine moderne, zeitgemäße Note gibt. Dabei blieben einige Episoden aus dem Bereich „Schreiben-Weg zum Autor“ außen vor und werden vielleicht später mal erzählt.

In Deinem neuen Roman „Das Besondere kommt noch“ lässt Du Dich literarisch von Deiner Musik treiben bzw. inspirieren. Welche Bands sind bzw. waren das?

Vorwiegend Bands aus dem Dark-Bereich mit Songs aus den 2000er – 2018er Jahren wie Myrkur, Rome, Ordo Rosarius, IamX, Lebanon Hanover aber auch Deep House, Heavenly Voices oder Club-Acts wie Monolink, Conjure One oder Molly Nilsson, dazu (Dark) Wave Classix wie Alien Sex Fiend, Skinny Puppy, Deine Lakaien, Brendan Perry oder Killing Joke bishin zum ungewöhnlichen Duo: Casper/Blixa Bargeld.

Wo wirst Du mit Deinem neuen Buch zu erleben sein?

Zunächst am 21.11.19 auf Initiative der Buchhandlung Gimmerthal im Café Cheese in Bochum Langendreer, am 29.11.19 in der Stadtbücherei Bochum-Gerthe, am 6.12.19 im Antiquariat „Le Chat Qui Lit“ in Dortmund und am 08.12.19 im Neuland (Bochum-City).

In 2020 wird es dann weitergehen, ich hoffe auch wieder in Leipzig 😊.

Lieber Klaus, vielen Dank für das Gespräch.

Danke dir, lieber Tristan für die tolle Verlagsarbeit!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat _____________________________________________________________________________________