„Schreiben ist ein guter Prozess, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. An mancher Stelle haben die Untergebrachten das schmerzlich festgestellt.“ – Lisa Swietek im Interview zu „Geschichten aus einer anderen Welt“

„Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ die Insassenanthologie „Geschichten aus einer anderen Welt“ von Herausgeberin Lisa Swietek. Mithin das nach Corina Gutmanns Anfang 2019 erschienener Anthologie „Kopfkino“ zweite in unserem Verlag erschienene Buch aus dem „Knast“, welches nunmehr die Erlebens- und Gefühlswelt Untergebrachter in der Sicherungsverwahrung der JVA Werl aufzeigt. Wir befragten Lisa Swietek unter anderem über ihre Beweggründe, in diesem Arbeitsfeld tätig zu werden, die damit verbundenen Herausforderungen und den Arbeitsprozess des Literaturkreises bis zum Zustandekommen des Buches.

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Lisa, welche Gründe führten dazu, dass Sie ausgerechnet in der Sicherungsverwahrung tätig wurden? Zur Erklärung: Die Sicherungsverwahrung ist eine Maßregel der Sicherung und Besserung. Die dort Untergebrachten haben bereits eine zeitige Freiheitsstrafe verbüßt und werden nun zum Schutz der Allgemeinheit verwahrt. Der Fortbestand der Gefährlichkeit der Insassen wird regelmäßig im Rahmen einer Prognosebegutachtung festgestellt.

Im Rahmen meines Rechtsreferendariats habe ich das Arbeitsfeld einer Vollzugsjuristin kennengelernt, das mir so gut gefallen hat, dass ich auch meine Wahlstation in der JVA Werl verbracht habe. Dort war ich zur Sachbearbeitung dann in der Sicherungsverwahrung eingesetzt. Im Unterschied zu der Strafhaft, ist die Sicherungsverwahrung an ein Leben in Freiheit angeglichen, das heißt zum Beispiel, dass die Türen der Sicherungsverwahrten den ganzen Tag offen sind. Sie dürfen sich im Wohnbereich außerhalb des Nachtverschlusses frei bewegen. Die juristische Arbeit in der Sicherungsverwahrung, die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit bspw. Psychologen, dem allgemeinen Vollzugsdienst und dem Sozialdienst haben mir Spaß gemacht und ich erlebe diese auch jetzt noch als sehr abwechslungsreich.

Weil es damals in dem neu errichteten Wohnbereich der Sicherungsverwahrten noch kein eigenständiges – von der Strafhaft unabhängiges Literaturangebot gab – habe ich als Freizeitmaßnahme den Literaturkreis angeboten, bis die Bibliothek eröffnet worden ist. Acht Sicherungsverwahrte zeigten sich interessiert, lasen fleißig die Bücher die wir gemeinsam ausgewählt hatten und schrieben eigenen Texte, die nun in diesem Buch abgedruckt sind.

Wie unterscheiden sich die Unterbringungsbedingungen zwischen dem Strafhaftbereich und dem Bereich der Sicherungsverwahrung?

Die Sicherungsverwahrten haben größere Zimmer, wie oben schon erwähnt ist die Tür außerhalb des Nachtverschlusses geöffnet, sie erhalten in größerem Umfang vollzugsöffnende Maßnahmen etc.

Dadurch, dass die in der Sicherungsverwahrten meist schon sehr hafterfahren und lebensälter sind, ist der Alltag im Vergleich zu dem in der Strafhaft weniger turbulent. Es gibt z.B. fast keine körperlichen Auseinandersetzungen unter den Untergebrachten o.ä. Die „Hörner sind bereits abgestoßen“.

Im Mittelpunkt steht bei vielen, einer Arbeit nachzugehen (wozu die Sicherungsverwahrten anders als die Strafgefangenen nicht verpflichtet sind), die Therapiegespräche zu führen oder eben einfach den Tag so gut es geht zu verbringen.

Symbolbild.

Wie kann man sich Ihre Arbeit in der JVA Werl vorstellen?

Ich bin u.a. zuständig, gemeinsam mit dem Behandlungsteam einen Vollzugsplan für den jeweiligen Untergebrachten zu erstellen. Darin ist festgehalten, welche Einzel- und/oder Gruppenmaßnahmen angezeigt sind, wie der Behandlungsstand ist, ob derjenige arbeitet oder schulische Maßnahmen wünscht, welche vollzugsöffnenden Maßnahmen gewährt werden und auch, welche Maßnahmen noch erfüllt werden müssen, falls der Untergebrachte „entlassen“ wird.

Vom Zeitpunkt Ihrer Kontaktaufnahme mit unserem Verlag bis hin zur Veröffentlichung ist einige Zeit vergangen. Welche Chancen und Hoffnungen verbinden Sie und die Insassen mit der durch das Buch erreichbaren Öffentlichkeit?

Eigentlich wollten wir ursprünglich – wie eine Art Buchclub – gemeinsam über gelesene Literatur sprechen. Die Insassen äußerten dann aber relativ schnell den Wunsch, auch eigene Geschichten schreiben zu wollen. Damit diese tollen Geschichten nicht einfach in der Schublade landen, haben wir einen Verlag gesucht – und zum Glück Sie gefunden – um ein Buch auch wirklich als fertiges Werk am Ende in den Händen halten zu können.

Schreiben ist sicherlich ein guter Prozess, um sich mit sich selbst, seinen Gefühlen, seinem Alltag, Erlebtem und Erträumtem zu beschäftigen. An der einen oder anderen Stelle haben die Untergebrachten das auch – manchmal schmerzlich – festgestellt.

Einerseits war sicherlich der Weg (also das Schreiben) das Ziel. Andererseits ist es wunderbar, dass die Insassen nun ihr fertiges Werk in den Händen halten können und etwas bis zum Ende „durchgezogen“ haben.

Vielen Dank Ihnen, für die Ermöglichung dieses Projektes!

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Lisa Swietek / JVA Werl
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