„Kunst inspiriert mich, wenn ich sie fühle“ – Luci van Org im Interview

Luci van Org, unter anderem auch mit dem Outbirdschen-Künstlernetzwerk verbunden und dadurch wiederholte Male Gast auf Geraer und Crimmitschauer Bühnen, ist inzwischen keine Unbekannte mehr, zumindest nicht innerhalb der schwarzen Szene. Auch in literarischen Kreisen kursiert dieser Name zu Recht seit geraumer Zeit, und nun mit ihrer „Yggdrasil“-Story erweitert sich der Szenekreis und es wird eine Zeit kommen, da kommt man um die sympathische Berlinerin nicht mehr drumherum. So eine Zeit gab es schon einmal. Das war 1994, „Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin“, sang da eine Lucilectric, die verspielt auf einer Schaukel in einem Filmstudio saß, die langen Dreadlocks wehen ließ und dem Mädchensein huldigte. Typische One-Hit Wonder könnte man meinen.

Als wir vor ein paar Jahren bei einer dieser typischen Youtube-Nächte auf die Formation „Übermutter“ stießen, wunderten wir uns darüber, dass wir doch verdammt nochmal die Sängerin kennen. Die Suchmaschine wusste natürlich Bescheid. Die uniformierte Dame, in dem Clip zu Heim und Herd, die da Fetisch, SM und schwarze Szene, irgendwie neu aber alt, irgendwie alt aber neu, verband, war einst auf VIVA und MTV zu sehen….

Da liegt die Frage nahe: Was ist passiert? Was, Wem oder welchen Umständen haben wir diesen, wie wir finden durchaus positiven, Wandel zu verdanken? Was geschah in all den Jahren der „Versenkung“ und wo kommt das Licht am Ende des Tunnels her?

Hallo Luci. Auch, wenn du diese Frage ganz sicher schon tausendmal beantwortet hast: was ist zwischen Lucilectric und Luci van Org passiert? Nach Jahren der vermeintlichen Stille ist Dein Name plötzlich wieder in vieler Munde, Du bist Kreativworkaholicerin, Moderatorin, Schauspielerin, Musikerin, hast unter anderem zahlreiche Bücher geschrieben. War es nur scheinbar still um Dich? Was hast Du all die Jahre gemacht?

Au wei, ich fürchte, das wird etwas länger, dafür beantworte ich die anderen Fragen kürzer…

Aaaaalsooo… Luci van Org hieß ich auch schon zu Lucilectric- Zeiten und still war es bei mir nie. Ich musste mir nach der Bandauflösung von Lucilectric nur eingestehen, dass ich für das Berufsbild „Popstar“ komplett untalentiert bin. Im Lucilectric-Tourbus haben alle mich immer „Höhlenkind“ genannt, weil ich mich am liebsten in meiner Koje vergraben und gelesen habe. Ich bin extrem schüchtern, brauche viel Ruhe und Zeit für mich allein. Auf Partys mit vielen, fremden Leuten fühle ich mich deplatziert, ich werde nicht gern fotografiert und auf Kommando strahlen kann und mag ich auch nicht. Ich war in der Welt, in der ich da funktionieren musste, also komplett falsch. Für viele Musiker ist der ganze Rummel eine Riesenbestätigung und ein Genuss. Für mich aber war er immer nur ein notwendiges Übel, dem ich mich mehr und mehr entzogen habe. Deshalb bin ich nach Lucilectric auch nie in irgendwelchen „Promi“-Formaten im TV aufgetaucht, obwohl mir von Dschungelcamp bis „Promi-Dinner“ nun wirklich schon alles und für viel Kohle angeboten wurde.

Stattdessen habe ich mich schließlich wieder darauf besonnen, so authentisch wie möglich kreativ zu arbeiten. Das ging bei Lucilectric nicht mehr. Wir hatten uns künstlerisch und auch menschlich viel zu weit voneinander entfernt. Aber ich stand ja schon lange vor Lucilectric als Musikerin auf der Bühne und im Studio, habe für andere Künstler komponiert und getextet, habe geschauspielert und ja ursprünglich Kunst studiert. Also war ich dann nach der Trennung dann einfach weiter kreativ. Zum Teil auch richtig erfolgreich. Nur eben, ohne mich um den ganzen Promi-Popstarzirkus zu bemühen, weswegen es von außen sicher stiller aussah.

Was die Hinwendung zur Szene angeht, habe ich mich übrigens gar nicht gewandelt. Ich habe lediglich zu meinen Wurzeln zurückgefunden. Bands wie The Cure, Siouxsie and the Banshees, Sisters of Mercy oder die Einstürzenden Neubauten haben mich als Teenie musikalisch, emotional – und auch optisch – sozialisiert, waren gewissermaßen meine Ursuppe. Nur „Gothic“ hieß das Ganze damals noch nicht, sondern „New Wave“ oder „New Romantic“. War vom Lebensgefühl aber so ziemlich dasselbe- und sah erstaunlicherweise auch fast genauso aus wie heute…

Je mehr Musik ich dann aber selbst gemacht habe, desto mehr haben mich auch Musikerinnen und Musiker aus anderen musikalischen Umfeldern beeinflusst und ich wollte kein Teil einer Szene mehr sein. Ist ja auch ganz normal und gesund, sich mit dem Erwachsenwerden zu verändern.

Auch hinter dem ersten Lucilectric- Album stehe ich bis heute voll und ganz. Wir waren in Deutschland immerhin die erste Band, die Technobeats mit Punkrock kombiniert hat. Auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. Und „Mädchen“ musste erst in Holland ein Hit werden, bis deutsche Radios sich getraut haben, es zu spielen, weil der Song – so albern das heute klingt – zu „schräg“ und zu „rebellisch“ war. Am Anfang waren Lucilectric wundervoller, lustiger Krawall, ganz nach meinem Geschmack. Dann aber hat die Plattenfirma uns durch jede noch so blöde Mainstream-TV-Show gejagt, übel in unserem 2. Album herumgepfuscht und mit heftigsten Vertragsstrafen gedroht, wenn wir uns nicht fügen. Da wurde es kurz mal schlimm. Heute würde ich in solchen Situationen nur den Mittelfinger zeigen, aber mit Anfang 20 habe ich mich von sowas leider noch beeindrucken lassen.

Immerhin haben wir es dann geschafft, die Firma zu wechseln. und mit dem dritten Lucilectric- Album „Tiefer“, von dem es ein Song damals sogar schon auf einen Gothic-Sampler geschafft hat, begann dann eigentlich bereits die Rückkehr zur Ursuppe. Allerdings erstmal ohne dass ich es gemerkt hätte. Bis zum Debütalbum von „Das Haus von Luci“, dem ersten Album, das ich komplett allein produziert habe. Da wollte ich einfach nur ein richtig tolles Album machen. Wollte der Welt und mir selbst zeigen wie ich mich anhöre, wenn ich keine Kompromisse machen muss, und ich selbst fand das Album sehr fröhlich und poppig. Für Radio, Presse und die Booker der großen Festivals war es aber „schräg“ und „düster“; und das erste Festival, auf dem „Das Haus von Luci“ dann schließlich gespielt haben, war das WGT 2004… Soviel zu dem, was aus mir rauskommt, wenn ich keine Kompromisse machen muss. Die Begeisterung und Offenheit, mit der mich das Publikum damals in der Moritzbastei empfangen hat, hat mich dann komplett überwältigt. Das war ein echtes Nach-Hause-Kommen.

Was war zuerst da, das Schreiben oder die Musik?

Die Musik. Ich konnte Noten vor Buchstaben lesen, wollte Sängerin werden, seit ich denken kann, habe mit 14 das erste Mal Geld fürs Singen bekommen und mit 16 angefangen vom Singen zu leben. Musik ist mein Zuhause, die Welt, in der ich mich absolut sicher und zu Hause fühle.

Songtexte geschrieben habe ich auch schon ganz früh. Und teilweise waren die ganz schön schlimm… gerade die englischen. Zum Glück gibt es von damals nichts im Internet… Geschichten oder sogar Romane zu schreiben, hätte ich mir früher aber nie zugetraut. Erst Ende der Neunziger hat mich ein sehr netter Journalist ermutigt, es mal mit dem Kolumnenschreiben zu versuchen, was dann so gut geklappt hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben.

Was macht mehr Spaß, das Schreiben oder die Musik (fiese Frage 😉)?

Bei Fleißarbeiten macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade nicht tue. Beim Gitarre üben oder beim Spuren editieren im Studio würde ich viel lieber was schreiben; wenn ich Romankapitel oder Drehbücher überarbeiten muss, würde ich gern viel lieber Musik machen. Aber wenn´s einfach läuft, gibt es keinen Unterschied. Dann bin ich einfach nur glücklich mit dem, was ich mache.

Was unterscheidet „Üebermutter“ von Deinem Elektroprojekt „Meystersinger“?

Viel weniger, als es zunächst scheint. Beide Projekte sind unterschiedliche Pole desselben Planeten. In beiden geht es – oft ziemlich politisch – mit ganz viel ehrlichen Emotionen um Zwischenmenschliches. Bei Üebermutter speisen sich diese Emotionen aber vor allem aus Wut und bei Meystersinger aus Mitgefühl und dem Willen zur Versöhnung. Diese beiden Extreme, zwischen denen ich in meinem Leben ständig hin- und herpendele, in einem musikalischen Kosmos zu vereinen, habe ich bisher noch nicht geschafft. Da braucht es einfach zwei Bands – mindestens…

Liegt dir eins der Projekte mehr am Herzen und wenn ja warum?

Immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ist mein wichtigstes Projekt und liegt mir am meisten am Herzen. Das kann morgens ein anderes sein als mittags und nachmittags wieder ein anderes.

Kunst ist Ausdruck des Ichs…. Ganz klar. Was Kunst für dich persönlich aus der Schöpferinnensicht bedeutet, liegt bei der Fülle an Projekten die du da am Laufen hast, auf der Hand. Gibt es auch Luci van Org die Konsumentin von Kunst? Was gefällt dir persönlich, was inspiriert dich und warum?

Kunst inspiriert mich immer dann, wenn ich echte Emotion spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht nur mit irgendeiner Masche, Mode, Form oder einem vermeintlichen Gefühl kokettiert, sondern wirklich den Drang hat, mir etwas mitzuteilen. So, wie zum Beispiel bei Trey Parker, dem Schöpfer von Southpark. In so gut wie allem, was er macht, und sei es noch so schwarzhumorig, ist der gnadenlos ehrliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren, liebevolleren menschlichen Dasein zu spüren. Wenn ich das irgendwann mal auch nur halb so überzeugend hinkriege, führe ich ein Tänzchen auf.

Seit wann ist Kunst und Kultur (so) wichtig für dich? Wie hast du entdeckt, dass du ein Faible für Kunst und Kultur hast?

Ich habe kein Faible für Kunst ins Kultur. Ich kann einfach nichts anderes, und nichts anderes würde mich glücklich machen.

Du nutzt Namen, Erfolge und Kontakte unter anderem auch als Schirmfrau des „Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID.e.V.)“. Welchen Bezug hast Du zu diesem Thema?

Den der Empathie und den der Einsicht, dass es Dinge gibt, die so entsetzlich und so grausam sind, dass ich sie nicht nachempfinden kann, wenn ich sie nicht selbst erlebt habe.

Ich kann Eltern, die den Tod ihres Kindes erleiden müssen, aber zumindest ein klein wenig beim Überleben helfen, und das versuche ich. Indem ich mich, wo immer es geht, darum bemühe, die Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Vereinsarbeit zu sensibilisieren und – ganz profan – auch Menschen davon zu überzeugen, Geld zu spenden. Am Wichtigsten ist mir aber, Berührungsängste gegenüber betroffenen Eltern abzubauen. Zu zeigen, dass im VEID trotz – oder sogar gerade wegen – der allgegenwärtigen Trauer auch gelacht und geliebt und gefeiert und geschimpft und sich gestritten wird. Davon zu erzählen, was für bewundernswerten Menschen mit oft übermenschlichen Kräften ich dort immer wieder begegne und wie viel ich von ihnen lerne. Genau dieser Kontakt mit den Betroffenen ist auch meine größte Motivation. Ich bin so dankbar für alles, was ich von ihnen schon lernen durfte und für das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Axel Hildebrand
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