„Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir wichtig, denn Perfektion ist der Tod“ – Michael Schweßinger im Interview zu „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“

Michael Schweßinger dürfte zu den Autoren gehören, die nicht mehr ganz so unbekannt sind und trotzdem in der Welt der Großen noch nicht ankamen. Schweßingers Sprache ist deutlich, zuweilen mahnend, ist erzählend und beschreibend und zwinkert nicht selten mit einem Auge, aus dem immer mal wieder blitzartig ein grelles Licht der bitterbösen Ironie aufleuchtet.

Michael Schweßinger schreibt über Menschen, über das Reisen und über sich, seine Sicht auf die Dinge. Hier geht es ums pure (Über-)Leben, da geht’s um ein System, das längst an Beatmungsmaschinen hängt, dort wieder geht es um Liebe, um Weichheiten im Sein. Aber immer geht es um die Realität. Schweßinger braucht keine Erfindungen, keine ewig trägen Fantasy-Stränge oder fest strukturierte Plots. Schweßinger braucht, so scheint es, nur einen Stift, ein Notizbuch und den Drang, an den Menschen zu sein, am Leben zu sein. Das lesen wir auch in seinem nunmehr achten Buch, den „Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad“, einem weiteren – wie wir finden – Meisterwerk, erschienen bei „Edition Outbird“. M. Kruppe traf Michael Schweßinger und stellte ihm einige Fragen:

Hallo Micha, in der Einleitung zum Interview steht, dass du noch nicht in der Welt der „großen Schriftsteller“ angekommen bis, was mich persönlich wundert, gleichsam aber auch beruhigt. Wie siehst du das selbst, ist es dein Ziel, in der obersten Liga der Literatur mitzuspielen? Was bewegt dich überhaupt, den Stift in die Hand zu nehmen?

Was soll das sein, diese Welt der großen Schriftsteller? Ich kann mit solchen Formulierungen wenig anfangen. Haben die eine gemeinsame Welt? Wer bestimmt die Größe von etwas? Verkaufszahlen oder wie oft sie im Feuilleton auftauchen? Ich interessiere mich auch nicht für Ankunft. Ankunft ist statisch. Ich bin gerne in Bewegung und schreibe aus der Dynamik des Lebens heraus. Das hat wenig mit Lehnstuhl-Schriftstellerei zu tun. Um es kurz zu sagen: Mich interessiert diese Frage rein gar nicht.

Mit den Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad erscheint inzwischen, wenn ich richtig gezählt habe, dein achtes Buch. Kannst du dich an die die Veröffentlichung deines ersten erinnern? Welches war das und wie kam es dazu, bzw. wie und wann hast du angefangen zu schreiben?

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Das erste Buch, ja das war 2006 und enthielt philosophisch angehauchte Stories, die ich ursprünglich für SM-Magazine geschrieben hatte. Sehr romantisch und düster und weil ich gerade Thomas Wolfe hier liegen habe, könnte man mit ihm sagen, der »Hunger des Menschen in seiner Jugend«. Faustische Nachtstücke irgendwie, das klingt pathetisch, war es auch.

Während der Zeit des beinahe legendären Verlages Edition PaperOne in Leipzig gab es zu eine Gruppe von Undergroundschriftstellern, zu denen neben dir auch Hauke von Grimm und Volly Tanner gehörten, die Revierköter. Wer zählte da noch dazu und was verband euch damals, abgesehen vom Verlag selbst?

Das war eine Idee von Hauke von Grimm. Damals hatte einer ´ne Idee und dann machte man das, das war PaperONE und war auch Leipzig zu dieser Zeit. Einfach machen. Oliver Baglieri druckte als Verleger damals so ziemlich alles, solange es kein Nazimüll war. Bei der Ursprungsbesetzung war noch Kurt Mondaugen dabei. Kurt schrieb damals in seiner wunderbaren psychologisch-humorvollen Art über Plagwitz, ich hatte gerade »In Darkest Leipzig« am Start, was mächtig polarisierte und Vollys Poesie war auch tief im Social Beat, dazu kam Hauke, der damals einige feine Literaturshows in Leipzig hatte und tausend Leute in der Kulturszene kannte, darunter auch gute Fotografen, die dann die Bilder gemacht haben, also das war literarisch und menschlich sehr heterogen.

Vermisst du diese Zeiten und meinst du, dass der Underground noch einmal ein Comeback erleben könnte?

Ja, manchmal, wenn ich mir diese perfektionierten Literaturveranstaltungen in Leipzig ansehe, dann vermisse ich das. Die meisten schon mit 20 Jahren hochprofessionell im Vortrag, aber nix zu sagen. Ich erinnere mich an eine Lesung in Connewitz im Jahre 2006, da wurde starkes Zeug geraucht und irgendwann konnte ich nicht mehr lesen und hab das Publikum gefragt, ob sie nicht diesen Scheißjob übernehmen wollen, weil ich das Buch ja schon geschrieben habe und keinen Bock habe, das immer wieder vorzulesen. Das klappte damals und so gab es eine Lesung, wo der Autor zu Gast war. Heute überwiegt der ökonomische Gedanke. Wie werde ich erfolgreich und schadet sowas nicht dabei? Das interessierte damals nicht, man war einfach in seinem Element. Mit der Kategorisierung von Underground und Mainstream im Kopf hat man schon verloren, dann gibt es A oder B, da kommt dann auch A oder B raus. Als ich anfing zu schreiben, hatte ich keinen Plan davon, was ich schreiben will, ich schrieb einfach. Comebacks haben immer diesen Retro-Beigeschmack, sie zeigen auf, dass man der Welt keine eigene Deutung mehr geben kann, sondern, dass man die Krücken der Vergangenheit bemüht. Der Underground ist vielleicht schon da, nur wir sehen ihn nicht, weil wir Romantiker sind und auf den Underground warten, wie er uns vertraut ist.

Denken wir mal utopisch und an die Gruppe der sogenannten „Beat Generation“ und bilden uns ein, diese kleine Gruppe, die sich in den letzten zwei Jahren gebildet hat, ich denke da an dich, Benjamin Schmidt, Hauke von Grimm, Klaus Märkert, ich denke da auch an Markus Böhme, Axel Kores oder Christoph Liedtke und einige andere Autoren rund um den Verlag Edition Outbird… also hältst du es angesichts dieses Netzwerks für wahrscheinlich, dass man in zwanzig, fünfzig oder mehr Jahren von einer „neuen Avantgarde“ auf dem Literaturmarkt reden könnte?

Das ist wieder so eine Frage, die mich nicht die Bohne interessiert. Alleine, weil ich Literatur nicht als Markt begreife, das sind Vermarktungsmechanismen oder Eitelkeiten, die dann ein Label bekommen, das ist beim Schreiben nicht förderlich. Texte sprechen zu mir oder nicht, ob da jemand irgendwann ´ne Banderole draufklebt, ist mir völlig wurscht.

Machen wir einen kleinen politischen Schwenk und kommen auf diese Weise auch indirekt zu deinem neuen Buch. Siehst du Parallelen unserer heutigen Zeit zur grauen Vorgeschichte, die bekannter Maßen zu einer der größten Katastrophen der Geschichte, den 2. Weltkrieg und den Holocaust führte?

Die politischen Parallelen sind scheinbar offensichtlich, allerdings sind diese historischen Vergleiche immer etwas tricky. Wir leben in einer völlig anderen Zeit. Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Massenbewegungen, also politisch. Heute haben wir die Situation, dass die Politik praktisch aufgehört hat, eigenständig zu existieren. Es geht nicht mehr um den Willen des Volkes oder um demokratische Diskurse, die dann zu Entscheidungen führen. Es geht um die effiziente Steuerung neoliberaler Verwertung, mit dem Dekor demokratischer Teilhabe. Da kommen ganz andere Dinge auf uns zu. Wenn man alleine in die Pränataldiagnostik schaut, dann kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass wir es da in wenigen Jahren mit einer neuen Eugenik zu tun haben werden. Eine Behinderung ist unnützer Aufwand für eine Gesellschaft, die den Leistungsgedanken verinnerlicht hat. Auch im Bereich der Natur haben wir Perfektionierungen. Vor 15 Jahren war es in meinem Beruf als Bäcker weitaus schwieriger mit Getreide zu arbeiten, es gab saisonale Schwankungen, heute ist das alles gleichbleibend. Diese Perfektionierungen machen mir Angst, weil sie das Spektrum des Lebens einengen.

Was kann man deiner Meinung nach dagegen tun? Die Menschen scheinen ja immer dümmer zu werden. Wie kann man deiner Meinung nach dagegen vorgehen?

Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir persönlich sehr wichtig, denn Perfektion ist der Tod.

In den Robinsonaden erzählst du von einem Job, der schon ein bisschen an freiwillige Versklavung erinnert. Wie kamst du zu dem Job und würdest du ihn nochmal annehmen?

Ich arbeitet diesen Sommer in der Tourismusbranche für ein großes deutsches Unternehmen in Süditalien. Freiwillige Versklavung ist das sicherlich nicht. Das macht ja niemand freiwillig. Es ist die Realität in weiten Teilen Europas. Die Leute werden systematisch ausgebeutet und der Gewinn fließt nach Deutschland zurück. Es waren brutale vier Monate und nein, ich würde das nicht mehr machen. Diese vier Monate haben mir gezeigt, dass dieses System zum Scheitern verurteilt ist. Hoffen wir, dass es sich nicht mehr so lange hinzieht.

Was läuft deiner Meinung nach schief auf der Welt? Gehen wir einer Art (indirektem) Untergang entgegen?

Die Gier des Menschen scheint stärker zu sein als die Solidarität. Niemand muss sich wundern, wenn sich der Süden irgendwann seine Anteil holt. Ich nehm mich da nicht raus. Ich lebe kosmopolitisch, das heißt mein ökologischer Fußabdruck gleicht vermutlich einen Dinosaurier, ich badete im Sommer im Mittelmeer, wo die Leute 200 km weiter ersaufen. Ich bin kein moralischer Mensch, der asketisch lebt, und wenn da irgendwann jemand vorbeikommt und sagt, die nächsten dreißig Jahre Arbeitslager, weil du hast doch von diesem Scheiß gewusst, dann könnte ich ihm auch nicht böse sein. Der Mensch ist selektiv und egoistisch, manchmal kann er auch mehr sein. Zu diesem »mehr« hat jeder einen anderen Zugang. Niemand kann glaube ich ständig gut sein, aber sein Herz nicht zu vernachlässigen, diese Verletzlichkeit und das Berührtwerden von der Welt zulassen, das ist enorm wichtig. Mich stören Ungerechtigkeiten, deshalb schreibe ich dagegen an.

Die Welt ist schon so oft untergegangen, als dass ich unbedingt in das Geheule vom Weltuntergang einstimmen mag. Die Dinge sind immer im Wandel. Ich glaube, dass unsere Lebensart des Individualismus vergehen wird, alleine schon aus demografischer Betrachtung. Unsere Vorstellung von Romantik, alleine mit der Natur, das Ertragen von Einsamkeiten. Wo findet sich das noch? Facebook ist immer dabei. Ist das ein Problem? Probleme gibt es nur, wenn man das andere kennt. Für die Menschen, die nach uns kommen, wird es viele Probleme nicht mehr geben, über denen wir uns ´nen Kopf gemacht haben.

Wie sieht das Ganze im Kleinen für dich aus, wenn wir zum Beispiel vom Buchmarkt reden?

Die Lesegewohnheiten ändern sich, gleichzeitig gibt es immer mehr Publikationen. Wenn man versucht heute ein Buch zu vermarkten, ist das nahezu unmöglich für einen kleinen Verlag. Als ich damals »In Darkest Leipzig« schrieb, haben wir das Buch ohne Marketing und Internettamtam vierstellig verkauft. Das wäre heute nicht mehr möglich. Der Buchmarkt lebt von den Träumen der Schreiber. Er ist vielleicht eine der letzten Bastionen des American Dreams, vom Tellerwäscher zum Millionär, anders ist der Aufwand nicht zu erklären. Niemand würde sich über Jahre an einem Ein-Euro-Job versuchen mit der Hoffnung, davon mal leben zu können. Das ist völlig irrational und nirgends sind die Fantastereien größer als unter Künstlern. Ein Buch zu machen macht nur Spaß, wenn man den Markt weitestgehend ausklammert. Wenn ich ne Woche Brot backe verdiene ich mehr als mit einem Buch, also backe ich Brot und schreib was ich mag, ich bin damit praktisch mein eigener Mäzen und muss mir diese hässliche Seite der Literatur mit ihrem Neidfaktor und Gehacke nicht geben.

In deinen früheren Büchern befasst du dich oft mit Menschen vom Rande der Gesellschaft. Das hat sich zwar nicht signifikant geändert, aber ein anderer Aspekt kam bei den letzen vier Büchern hinzu: das Reisen. Was bedeutet reisen für dich, wie wichtig ist es dir das reisen und was ist es, das dich immer in die Ferne holt?

Reisen ist für mich das wichtigste. Ich kann nicht leben, ohne zu reisen. Wenn ich reise, bin ich lebendig, spüre mich und das Leben und daraus entsteht ein kreativer Prozeß, der dann zu Geschichten führt. Es ist ein Paradox: Wenn ich reise, steht mein Geist still und erholt sich und wenn ich stillstehe, dann denken sich die Gedanken ins Leere. Reisen ist mir Antidepressivum. 2013 hatte ich einen Burn Out und ich hatte nur die Wahl zwischen Psychiatrie und Welt. Ich hab mich für die Welt entschieden.

Abschließend noch einmal zu deinem neuen Buch: zwischen die Erzählungen hast du diesmal, was ich persönlich recht gut finde, Ausflüge in die Welt der Fakten gepackt. Wie kamst du auf die Idee und was hat dich bewogen, das zu tun?

Ich wollte keine durchgängige Erzählstruktur, wie man sie beispielsweise bei meinem letzten Buch »Beim Esel links« findet. Eine durchgängige Struktur glättet. Dieses Buch ist im Affekt entstanden. Ich schrieb viele Texte sehr emotional nach 12 Stunden Arbeit, anders hätte ich diese Welt nicht ertragen. Demgegenüber stehen die faktischen Texte. Diese fragmentarische Schreibweise war mein Weg dieser Machtlosigkeit Ausdruck zu verleihen und auch die Konturen zu schärfen.

Man muss nicht unbedingt ein aufmerksamer Leser sein, um in deinen Zeilen auch Verzweiflung und Wut zu erkennen. Bist du grundsätzlich ein Mensch, der dazu neigt, wütend zu werden und wie oft verzweifelst du woran?

Es braucht einige Zeit bis ich wütend werde, dann aber richtig. Verzweiflung ist das negative Wesen des Zweifels, also Ausweglosigkeit. Kierkegaard beschrieb das mal als »Nicht-Selbst-Sein«. Dazu bin ich zuviel unterwegs. Hat viel mit dem oben geschriebenen zu tun. Sich nicht in die destruktive Leere denken, dann lieber Bewegung. Gerade das Schreiben hilft mir auch zusammen mit dem Humor, diese destruktiven Gefühlen zu verarbeiten. Sind ja jetzt auch nicht die lustigen Taschenbücher, die man von mir erwarten kann, also ich zweifele oftmals, aber Verzweiflung, das ist ein Abgrund, da springe ich nicht mehr gerne rein, weil da hat Nietzsche recht: Wenn du lange genug in den Abgrund schaust, dann schaut er irgendwann in dich und es gibt glaube ich wenige Dinge vor denen ich im Leben Angst habe, aber die Lähmung einer Depression, wer das schon mal erlebt hat, dieses brutale Zersetzen des eigenen Ichs mit immer gleichen Fragen, das möchte ich nie mehr erleben.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Susanne Stoll.
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