„Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als Ängste“ – Michael Schweßinger im Interview zu „In Buxtehude ist noch Platz“

Michael Schweßinger hat´s wieder getan. In diesen Tagen erscheint in der „Edition Outbird“ sein Erzählband „In Buxtehude ist noch Platz“, mit dem grafischen Herzblut von Benjamin Schmidt verfeinert und liebevoll lektoriert von Isa Theobald. Spätestens mit diesem Buchtitel dürfte der letzte Zweifel darüber verschwinden, dass Schweßinger charaktervollen, bisweilen gut abgehangenen Humor hat. Dieses Buch ist eine Sammlung von Momentaufnahmen, die auf seinen Reisen und Aufenthalten weit verstreut auf und um diese(r) Erde entstanden. Und so fühlt sich der Lesegenuss auch an: Mal ist sein Erzählsound weich und fließend und beinahe poetisch, mal schimmert da was Holpriges durch, als würde man mit ihm auf irgendeinem klapprigen Bike irgendwo in der Pampa die Mentalität der Umgebung erkunden, mal kommt da die Ahnung auf, dass die ein oder andere Erzählung irgendwo zwischen Suff, Kater und exotischen Dialogen entstanden ist.

Hallo Michael, „In Buxtehude ist noch Platz“ ist ein Buch, dass sich regelrecht entfalten durfte, nirgends hetzte da ein Zeitplan, und nun ist es da. Was hat diesen Erzählband entstehen lassen? Aufräumarbeiten liegengebliebener Texte auf der Festplatte? Pure Lust auf einen erzählerischen Blick in die Ferne? Oder dringend notwendiges Korrektiv zu dieser zunehmenden Kleingeistigkeit besorgter Bürger, diese Welt könne zu groß sein? Was hast Du damit zu sagen?

Ich muss sagen, ich bin nicht der strukturierteste Mensch, wenn es ums Schreiben geht. Manchmal habe ich Lust zwei Tage durchzuschreiben, dann fliegt das wieder in die Ecke, weil die Welt um mich herum gerade spannender ist. Jostein Gaarder prägte in einem seiner unbekannteren Bücher über Aurelius Augustinus mal den Satz: Wir müssen erst leben, dann können wir philosophieren. Also bei mir steht das Erleben immer an erster Stelle und es geht einher mit dieser Neugier auf die Welt, dann schreib ich das irgendwann auf. Der Ursprung der Philosophie ist das Staunen, sagte Aristoteles, wenn ich mich recht entsinne. Auch ein wunderbarer Satz in seiner Einfachheit, weil uns das leicht abhanden kommt, dieses Staunen. Und dieses Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als irgendwelche Ängste, jemand könnte mir etwas Böses wollen. Die Texte für „Buxtehude“ sind in den letzten fünf Jahren entstanden und irgendwo in Europa aufgeschrieben worden, also war mein Anliegen diese Texte zu publizieren, dann weiß ich erstens, wo ich sie finde – denn normalerweise türmen sie sich sonst zu unübersichtlichen Stapeln – und zweitens, dass sie mir egal sein können. So handhabe ich es immer. Was publiziert ist, geht mich als Künstler nix mehr an. Korrektiv? Nun ja, wem die Welt zu groß ist, der wird durch meine Texte auch nicht davon ablassen sie als Bedrohung zu empfinden, da mach ich mir gerade nicht so viele Illusionen, aber wenn einige Menschen ein wenig Freude daran haben, dann ist das doch schon ne schöne Sache.

Dein Erzählsound ist mal weich und fließend, mal Punk, mal verstiegener Humor, und immer schimmert da eine umfangreiche Datenbank an gesammeltem Wissen durch. Wenn Du Dich als Schriftsteller auf dieser literarischen Welt verorten solltest – mit welchen Worten würdest Du Dich beschreiben?

Also Selbstbeschreibung und Verortung ist nicht meine Stärke. Da gibt es nur wieder Zank und Eifersüchteleien zwischen meinen Selbsten. Hat wohl keiner besser beschrieben als Pessoa und deshalb lasse ich ihm hier den Vortritt: „Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.“

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Verlierst Du ob der vielen Reisen manchmal den Überblick über die Struktur der Welt und über Deine Bestimmung? Manchmal glaubt man, Du bist Globetrotter und Wissenssammler, meistens Bäcker, manchmal hilfst Du Menschen bei Behördenwegen und neben Deinen ethnologischen Wurzeln könnte man Dich für einen Sozialarbeiter halten.

Überblick über die Struktur der Welt und Bestimmung habe ich nicht, braucht es auch nicht. Das ist mir zu statisch und zu kompliziert. Da braucht es eine Menge Baugerüst im Hirn für. Ich liebe es da eher in Assoziationen zu denken, also wie alles aufeinander reagiert, ineinander überfließt, entsteht und vergeht. Die Tage bin ich zufällig auf den Mardalsfossen gestoßen, das ist ein Wasserfall, der stürzt 297 Meter tief ins Tal Eikesdalen und ist der vierthöchste Wasserfall der Welt. Ich fuhr einfach ein wenig durch die Fjorde und dann sieht man diese Urgewalt und denkt sich, da laufe ich jetzt mal hin, das ist ja irre schön, wie der seine eigenen Regenbögen erzeugt. Grundsätzlich mache ich auf meinen Reisen die Erfahrung, dass die wenigsten Menschen, denen ich begegne, mir negativ gesonnen sind. Also gehe ich einfach nach der Maxime: Ach da warst du noch nicht, da gehste jetzt mal hin. Es gibt ja überall was zu entdecken. Und mein Unwissen ist mir immer eine ausgezeichnete Motivation. Ich halt es da mit Paul Bowles: „Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Welche Länder entdeckt und durchquert Mensch mit Deinem Buch?

Ach das sind jetzt so viele, die mag jetzt gar nicht alle aufzählen, irgendwo zwischen Irland, La Gomera, Rumänien, Finnland, ich glaube es sind ein gutes Dutzend, aber Benjamin Schmidt, der das Buch wunderbar gestaltet hat, hat da so ne tolle Europakarte reingebastelt und ich hab mir die GPS-Daten zu den Entstehungsorten der Geschichten rausgesucht und dann haben wir das verortet, eigentlich weil ich wissen wollte, ob eine bestimmte Gegend einen bestimmten Sound beim Schreiben erzeugt, aber hab das noch nicht weiter verfolgt, weil wieder mal die Welt spannender war.

Dein Buch offenbart recht schnell Deinen Sinn für Humor. Du schreibst über einen Kotzexpress, das Sammeln exotischer Dialoge, die Stunde der Mittagsdämonen, aber auch mit spürbarem Genuss über die bahnbrechende Schweigsamkeit eines Müllers irgendwo kurz vor Lappland. Gerade die Skizzen von Menschen und Szenerien sind pures Herzblut. Haben Dein Wissensdurst und Dein Schreiberhirn irgendwann auch mal Pause?

Ja, wenn ich Brot backe, komme ich ziemlich gut runter. Das ist fast ne meditative Tätigkeit und entspannt die Birne ungemein.

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Wie „verwaltet“ Dein Wertesystem menschliche Begegnungen, derer Du ja ganz offenbar viele hast? Lässt Du nach der Abreise wieder los? Bleiben Freundschaften auf Distanz?

Ach, ich lass das einfach fließen. Hab da kein festes System. Man bleibt sich natürlich verbunden durch die gemeinsame Erfahrung, auch wenn man nicht ständig miteinander kommuniziert. Ich sags mal so, wenn ich in Lettland ne Autopanne hätte, wüsste ich, dass mich jemand abholen würde und was den größeren Rahmen betrifft, wir sind ja alle nur Gast auf Erden.

Wenn man Dich und Deine Bücher kennenlernt, weiß man um zwei beständige Begleitthemen: das Trinken und der Zustand dieser Welt, in der eine Menge konsumgesättigte, hassgeladene Menschen herumlaufen. Dein Kind fragt Dich in Gedanken, warum Menschen ertrinken, Du selbst siehst Europa als ein Kontinent, der seine Würde verloren hat. Wie siehst Du die derzeitige politische Lage? Warum kann Konsum ganz offensichtlich nicht glücklich machen?

Konsum kann aus dem einfachen Grund nicht glücklich machen, weil die Menschen in unseren Breiten schon längst glücklich wären, sind sie aber anscheinend nicht. Die Fragen an die Welt verändern sich natürlich mit Kind. Es ist nicht schön, einen moralischen Schrottplatz für die nächste Generation zu hinterlassen. Was wollen wir weitergeben? Was macht uns als Menschen denn aus? Die Anhäufung von materiellen Dingen? Je mehr ich unterwegs bin, desto unwichtiger wird mir das alles. Was bleibt, ist ja nicht das Materielle, sondern das Lebendige. Begegnungen mit Menschen und Landschaften. Frag mich nach einem Film oder gekauften Gegenstand aus dem Jahre 2015, keine Ahnung, aber ich weiß wahrscheinlich bis ans Ende meiner Tage, wie wunderbar es ist, wenn man auf der Burg Montségur steht und plötzlich der Himmel aufreißt und den Blick freigibt auf die verschneiten Pyrenäengipfel.

Welche Auswege bieten sich Menschen, die einfach nur noch Frieden und Stille wollen – weglaufen? Ist es damit getan oder wäre das nicht feige?

Keine Ahnung, da fragst du den Falschen. Also bei Frieden und Stille kenn ich mich nicht so gut aus. Wenn du die Antwort kennst, wäre ich auch daran interessiert. Grundsätzlich nimmt man sich immer mit, egal wie weit man reist. Jeder Mensch hat vermutlich seine Form von Eskapismus. Was dem einen die Gartenlaube, ist dem anderen die Ferne. Ich komme ganz gut mit mir klar, wenn mich die Welt vielfach und unterschiedlich spiegelt und mir nicht diese eine Identität aufzwingt. Unterwegs zu sein, heißt sich immer wieder neu erschaffen. Neue Seiten an sich entdecken, sich auf neue Umgebungen und Kulturen einzulassen. Das scheint mir das Gegenteil von feige zu sein. Da muss aber jeder seinen Weg finden. Was dem einen Heilmittel, ist dem anderen Gift.

Thema Trinken. Kaum einer, den ich kenne, der nicht gerne einen trinkt. Selbst, wenn Du die sich beständig wiederholende Steigerungsform Kaffee-Bier-Whiskey in einem abgeranzten Pub irgendwo in der Peripherie Irlands beschreibst, bekommt man Lust, umgehend dort anzudocken. Bist Du mit Leib und Seele Trinker? Und – Frage für Einsteiger – was definiert den Begriff „Trinkermelancholie“?

Trinken ist ein gutes Schmiermittel, manchmal auch um einer lahmen Story auf die Beine zu helfen. In dieser Story, die irgendwo in Kerry spielt, war es aber schon ne recht heftige Trinkerei. Also ich trinke schon gerne. Aber mit Leib und Seele? Also jetzt bin ich gerade in Norwegen und meine grob überschlagene Alkoholdosis liegt wegen der puritanischen Preise für Alkoholika bei 0,1 Liter Bier am Tag und ich bin nach zwei Monaten noch am Leben und beschäftige mich mit anderen angenehmen Sachen, wie Mountain-Biken oder Bergwandern, das habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gemacht und das ist einfach auch super, sich mal den eigenen Gewohnheiten zu verweigern und die Spurrinne zu wechseln. Und natürlich ein gutes Gefühl, hin und wieder König Alkohol eins in die Fresse zu geben, bevor er zu aufdringlich wird.
Trinkermelancholie, hmmh, wenn irgendwann beim Trinken plötzlich der Kanaldeckel aufgeht und du die „Unknown Pleasures“ als zu fröhlich empfindest, dann bist du in der Trinkermelancholie, würde ich sagen, oftmals natürlich dadurch auch viel Erkenntnisgewinn. Erkenntnis kommt ja meistens von den Rändern, nicht von der Mitte. Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl, der diesen Erkenntnisgewinn auf vier Stunden nach dem Vollrausch datiert hat, hat das mal so schön pathetisch ausgedrückt: „Dieses Zwischenreich, worin Psychologie und Alchemie, Metamorphose und Transsubstantation, Vergiftung und Leere, Nacht und Tag, Traum und Schrift, Grablegung und Auferstehung sich überlagern und manchmal komprimieren zu jenem herrlichen Moment unseres Lebens, wenn unser Denken vom Subjektiven ins Objektive umschlägt – Moment des überwundenen Todes.“

Irgendwo in Deinem Buch klingt durch, dass Du nach all den Jahren gar keine Lust mehr auf Brot backen hast, dennoch machst Du es, scheint´s, mit ganzem Herzen. Ist das einer Deiner ureigenen Widersprüche?

Ohne meinen Job könnte ich nicht reisen und ohne zu reisen, könnte ich nicht schreiben. Das ist so ein Grundparameter, dass ich nur aus der Entfremdung heraus die Dinge klarer sehe, so eine Art teilnehmende Beobachtung der Welt. Ein Schreibtisch ist mir null Inspiration, ich brauche da das Lebendige um mich herum und auch die Distanz. Manchmal hat man mehr Freude beim Backen, manchmal ist es einfach nur ein Job, da geht es mir grundsätzlich nicht anders als anderen Menschen. Wenn man gerade in einer kreativen oder philosophischen Phase ist, muss man schauen, dass man die Welten nicht zu sehr durcheinander bringt. Nicht jeder interessiert sich morgens in einer Backstube für die existentiellen Fragen der Welt, ebenso wenig wie ich mich dann für Alltagsthemen interessiere und für die Brotqualität ist abstraktes Denken auch selten von Vorteil. Das ist dann ein wenig Clash of Culture. Vor einigen Wochen beschäftigte ich mich mit der Chaostheorie und da gibt es dieses berühmte Beispiel der Baker-Transformation. Dabei wird ein Teig auf die doppelte Länge gezogen und dann zusammengefaltet. Diese Prozedur wiederholt sich, bis eine gute Vermischung entstanden ist. Zwei Rosinen im Teig, die ursprünglich nahe beisammen waren, sind nach mehrfacher Anwendung weit voneinander entfernt. Parallelwelten sozusagen. Das ist sehr faszinierend in seiner Einfachheit, um chaotische Strukturen zu erklären, allerdings nur für mich, nicht für meine beiden Kollegen in der Backstube, die mich ob meiner Erklärungen nur etwas rätselhaft anschauten und wir gingen dann auch zu anderen Themen über und buken unser Tagwerk an Brot und Zimtschnecken. Aber manchmal denke ich mir dann schon: Mann eh, wie kann euch das jetzt nicht interessieren? Trotzdem erscheint es mir meistens als eine recht angenehme Möglichkeit, die Welt zu entdecken, ohne von irgendwelchen Mäzenen abhängig zu sein oder jemanden nach dem Maul schreiben zu müssen.

Welche Frage (samt Antwort) fehlt diesem Interview aus Deiner Sicht noch?

Das waren doch schon recht viele Fragen. Ich denke, es ist gut.

Letzte Frage: Warum sollte und muss man Dein Buch unbedingt haben?

Muss man nicht. Das Leben geht auch so weiter.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das Interview zu seinem Vorgängerbuch „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ entnehmen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweise: Susanne Stoll, Christian Haubold, Edition Outbird _____________________________________________________________________________________

„Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir wichtig, denn Perfektion ist der Tod“ – Michael Schweßinger im Interview zu „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“

Michael Schweßinger dürfte zu den Autoren gehören, die nicht mehr ganz so unbekannt sind und trotzdem in der Welt der Großen noch nicht ankamen. Schweßingers Sprache ist deutlich, zuweilen mahnend, ist erzählend und beschreibend und zwinkert nicht selten mit einem Auge, aus dem immer mal wieder blitzartig ein grelles Licht der bitterbösen Ironie aufleuchtet.

Michael Schweßinger schreibt über Menschen, über das Reisen und über sich, seine Sicht auf die Dinge. Hier geht es ums pure (Über-)Leben, da geht’s um ein System, das längst an Beatmungsmaschinen hängt, dort wieder geht es um Liebe, um Weichheiten im Sein. Aber immer geht es um die Realität. Schweßinger braucht keine Erfindungen, keine ewig trägen Fantasy-Stränge oder fest strukturierte Plots. Schweßinger braucht, so scheint es, nur einen Stift, ein Notizbuch und den Drang, an den Menschen zu sein, am Leben zu sein. Das lesen wir auch in seinem nunmehr achten Buch, den „Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad“, einem weiteren – wie wir finden – Meisterwerk, erschienen bei „Edition Outbird“. M. Kruppe traf Michael Schweßinger und stellte ihm einige Fragen:

Hallo Micha, in der Einleitung zum Interview steht, dass du noch nicht in der Welt der „großen Schriftsteller“ angekommen bis, was mich persönlich wundert, gleichsam aber auch beruhigt. Wie siehst du das selbst, ist es dein Ziel, in der obersten Liga der Literatur mitzuspielen? Was bewegt dich überhaupt, den Stift in die Hand zu nehmen?

Was soll das sein, diese Welt der großen Schriftsteller? Ich kann mit solchen Formulierungen wenig anfangen. Haben die eine gemeinsame Welt? Wer bestimmt die Größe von etwas? Verkaufszahlen oder wie oft sie im Feuilleton auftauchen? Ich interessiere mich auch nicht für Ankunft. Ankunft ist statisch. Ich bin gerne in Bewegung und schreibe aus der Dynamik des Lebens heraus. Das hat wenig mit Lehnstuhl-Schriftstellerei zu tun. Um es kurz zu sagen: Mich interessiert diese Frage rein gar nicht.

Mit den Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad erscheint inzwischen, wenn ich richtig gezählt habe, dein achtes Buch. Kannst du dich an die die Veröffentlichung deines ersten erinnern? Welches war das und wie kam es dazu, bzw. wie und wann hast du angefangen zu schreiben?

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Das erste Buch, ja das war 2006 und enthielt philosophisch angehauchte Stories, die ich ursprünglich für SM-Magazine geschrieben hatte. Sehr romantisch und düster und weil ich gerade Thomas Wolfe hier liegen habe, könnte man mit ihm sagen, der »Hunger des Menschen in seiner Jugend«. Faustische Nachtstücke irgendwie, das klingt pathetisch, war es auch.

Während der Zeit des beinahe legendären Verlages Edition PaperOne in Leipzig gab es zu eine Gruppe von Undergroundschriftstellern, zu denen neben dir auch Hauke von Grimm und Volly Tanner gehörten, die Revierköter. Wer zählte da noch dazu und was verband euch damals, abgesehen vom Verlag selbst?

Das war eine Idee von Hauke von Grimm. Damals hatte einer ´ne Idee und dann machte man das, das war PaperONE und war auch Leipzig zu dieser Zeit. Einfach machen. Oliver Baglieri druckte als Verleger damals so ziemlich alles, solange es kein Nazimüll war. Bei der Ursprungsbesetzung war noch Kurt Mondaugen dabei. Kurt schrieb damals in seiner wunderbaren psychologisch-humorvollen Art über Plagwitz, ich hatte gerade »In Darkest Leipzig« am Start, was mächtig polarisierte und Vollys Poesie war auch tief im Social Beat, dazu kam Hauke, der damals einige feine Literaturshows in Leipzig hatte und tausend Leute in der Kulturszene kannte, darunter auch gute Fotografen, die dann die Bilder gemacht haben, also das war literarisch und menschlich sehr heterogen.

Vermisst du diese Zeiten und meinst du, dass der Underground noch einmal ein Comeback erleben könnte?

Ja, manchmal, wenn ich mir diese perfektionierten Literaturveranstaltungen in Leipzig ansehe, dann vermisse ich das. Die meisten schon mit 20 Jahren hochprofessionell im Vortrag, aber nix zu sagen. Ich erinnere mich an eine Lesung in Connewitz im Jahre 2006, da wurde starkes Zeug geraucht und irgendwann konnte ich nicht mehr lesen und hab das Publikum gefragt, ob sie nicht diesen Scheißjob übernehmen wollen, weil ich das Buch ja schon geschrieben habe und keinen Bock habe, das immer wieder vorzulesen. Das klappte damals und so gab es eine Lesung, wo der Autor zu Gast war. Heute überwiegt der ökonomische Gedanke. Wie werde ich erfolgreich und schadet sowas nicht dabei? Das interessierte damals nicht, man war einfach in seinem Element. Mit der Kategorisierung von Underground und Mainstream im Kopf hat man schon verloren, dann gibt es A oder B, da kommt dann auch A oder B raus. Als ich anfing zu schreiben, hatte ich keinen Plan davon, was ich schreiben will, ich schrieb einfach. Comebacks haben immer diesen Retro-Beigeschmack, sie zeigen auf, dass man der Welt keine eigene Deutung mehr geben kann, sondern, dass man die Krücken der Vergangenheit bemüht. Der Underground ist vielleicht schon da, nur wir sehen ihn nicht, weil wir Romantiker sind und auf den Underground warten, wie er uns vertraut ist.

Denken wir mal utopisch und an die Gruppe der sogenannten „Beat Generation“ und bilden uns ein, diese kleine Gruppe, die sich in den letzten zwei Jahren gebildet hat, ich denke da an dich, Benjamin Schmidt, Hauke von Grimm, Klaus Märkert, ich denke da auch an Markus Böhme, Axel Kores oder Christoph Liedtke und einige andere Autoren rund um den Verlag Edition Outbird… also hältst du es angesichts dieses Netzwerks für wahrscheinlich, dass man in zwanzig, fünfzig oder mehr Jahren von einer „neuen Avantgarde“ auf dem Literaturmarkt reden könnte?

Das ist wieder so eine Frage, die mich nicht die Bohne interessiert. Alleine, weil ich Literatur nicht als Markt begreife, das sind Vermarktungsmechanismen oder Eitelkeiten, die dann ein Label bekommen, das ist beim Schreiben nicht förderlich. Texte sprechen zu mir oder nicht, ob da jemand irgendwann ´ne Banderole draufklebt, ist mir völlig wurscht.

Machen wir einen kleinen politischen Schwenk und kommen auf diese Weise auch indirekt zu deinem neuen Buch. Siehst du Parallelen unserer heutigen Zeit zur grauen Vorgeschichte, die bekannter Maßen zu einer der größten Katastrophen der Geschichte, den 2. Weltkrieg und den Holocaust führte?

Die politischen Parallelen sind scheinbar offensichtlich, allerdings sind diese historischen Vergleiche immer etwas tricky. Wir leben in einer völlig anderen Zeit. Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Massenbewegungen, also politisch. Heute haben wir die Situation, dass die Politik praktisch aufgehört hat, eigenständig zu existieren. Es geht nicht mehr um den Willen des Volkes oder um demokratische Diskurse, die dann zu Entscheidungen führen. Es geht um die effiziente Steuerung neoliberaler Verwertung, mit dem Dekor demokratischer Teilhabe. Da kommen ganz andere Dinge auf uns zu. Wenn man alleine in die Pränataldiagnostik schaut, dann kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass wir es da in wenigen Jahren mit einer neuen Eugenik zu tun haben werden. Eine Behinderung ist unnützer Aufwand für eine Gesellschaft, die den Leistungsgedanken verinnerlicht hat. Auch im Bereich der Natur haben wir Perfektionierungen. Vor 15 Jahren war es in meinem Beruf als Bäcker weitaus schwieriger mit Getreide zu arbeiten, es gab saisonale Schwankungen, heute ist das alles gleichbleibend. Diese Perfektionierungen machen mir Angst, weil sie das Spektrum des Lebens einengen.

Was kann man deiner Meinung nach dagegen tun? Die Menschen scheinen ja immer dümmer zu werden. Wie kann man deiner Meinung nach dagegen vorgehen?

Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir persönlich sehr wichtig, denn Perfektion ist der Tod.

In den Robinsonaden erzählst du von einem Job, der schon ein bisschen an freiwillige Versklavung erinnert. Wie kamst du zu dem Job und würdest du ihn nochmal annehmen?

Ich arbeitet diesen Sommer in der Tourismusbranche für ein großes deutsches Unternehmen in Süditalien. Freiwillige Versklavung ist das sicherlich nicht. Das macht ja niemand freiwillig. Es ist die Realität in weiten Teilen Europas. Die Leute werden systematisch ausgebeutet und der Gewinn fließt nach Deutschland zurück. Es waren brutale vier Monate und nein, ich würde das nicht mehr machen. Diese vier Monate haben mir gezeigt, dass dieses System zum Scheitern verurteilt ist. Hoffen wir, dass es sich nicht mehr so lange hinzieht.

Was läuft deiner Meinung nach schief auf der Welt? Gehen wir einer Art (indirektem) Untergang entgegen?

Die Gier des Menschen scheint stärker zu sein als die Solidarität. Niemand muss sich wundern, wenn sich der Süden irgendwann seine Anteil holt. Ich nehm mich da nicht raus. Ich lebe kosmopolitisch, das heißt mein ökologischer Fußabdruck gleicht vermutlich einen Dinosaurier, ich badete im Sommer im Mittelmeer, wo die Leute 200 km weiter ersaufen. Ich bin kein moralischer Mensch, der asketisch lebt, und wenn da irgendwann jemand vorbeikommt und sagt, die nächsten dreißig Jahre Arbeitslager, weil du hast doch von diesem Scheiß gewusst, dann könnte ich ihm auch nicht böse sein. Der Mensch ist selektiv und egoistisch, manchmal kann er auch mehr sein. Zu diesem »mehr« hat jeder einen anderen Zugang. Niemand kann glaube ich ständig gut sein, aber sein Herz nicht zu vernachlässigen, diese Verletzlichkeit und das Berührtwerden von der Welt zulassen, das ist enorm wichtig. Mich stören Ungerechtigkeiten, deshalb schreibe ich dagegen an.

Die Welt ist schon so oft untergegangen, als dass ich unbedingt in das Geheule vom Weltuntergang einstimmen mag. Die Dinge sind immer im Wandel. Ich glaube, dass unsere Lebensart des Individualismus vergehen wird, alleine schon aus demografischer Betrachtung. Unsere Vorstellung von Romantik, alleine mit der Natur, das Ertragen von Einsamkeiten. Wo findet sich das noch? Facebook ist immer dabei. Ist das ein Problem? Probleme gibt es nur, wenn man das andere kennt. Für die Menschen, die nach uns kommen, wird es viele Probleme nicht mehr geben, über denen wir uns ´nen Kopf gemacht haben.

Wie sieht das Ganze im Kleinen für dich aus, wenn wir zum Beispiel vom Buchmarkt reden?

Die Lesegewohnheiten ändern sich, gleichzeitig gibt es immer mehr Publikationen. Wenn man versucht heute ein Buch zu vermarkten, ist das nahezu unmöglich für einen kleinen Verlag. Als ich damals »In Darkest Leipzig« schrieb, haben wir das Buch ohne Marketing und Internettamtam vierstellig verkauft. Das wäre heute nicht mehr möglich. Der Buchmarkt lebt von den Träumen der Schreiber. Er ist vielleicht eine der letzten Bastionen des American Dreams, vom Tellerwäscher zum Millionär, anders ist der Aufwand nicht zu erklären. Niemand würde sich über Jahre an einem Ein-Euro-Job versuchen mit der Hoffnung, davon mal leben zu können. Das ist völlig irrational und nirgends sind die Fantastereien größer als unter Künstlern. Ein Buch zu machen macht nur Spaß, wenn man den Markt weitestgehend ausklammert. Wenn ich ne Woche Brot backe verdiene ich mehr als mit einem Buch, also backe ich Brot und schreib was ich mag, ich bin damit praktisch mein eigener Mäzen und muss mir diese hässliche Seite der Literatur mit ihrem Neidfaktor und Gehacke nicht geben.

In deinen früheren Büchern befasst du dich oft mit Menschen vom Rande der Gesellschaft. Das hat sich zwar nicht signifikant geändert, aber ein anderer Aspekt kam bei den letzen vier Büchern hinzu: das Reisen. Was bedeutet reisen für dich, wie wichtig ist es dir das reisen und was ist es, das dich immer in die Ferne holt?

Reisen ist für mich das wichtigste. Ich kann nicht leben, ohne zu reisen. Wenn ich reise, bin ich lebendig, spüre mich und das Leben und daraus entsteht ein kreativer Prozeß, der dann zu Geschichten führt. Es ist ein Paradox: Wenn ich reise, steht mein Geist still und erholt sich und wenn ich stillstehe, dann denken sich die Gedanken ins Leere. Reisen ist mir Antidepressivum. 2013 hatte ich einen Burn Out und ich hatte nur die Wahl zwischen Psychiatrie und Welt. Ich hab mich für die Welt entschieden.

Abschließend noch einmal zu deinem neuen Buch: zwischen die Erzählungen hast du diesmal, was ich persönlich recht gut finde, Ausflüge in die Welt der Fakten gepackt. Wie kamst du auf die Idee und was hat dich bewogen, das zu tun?

Ich wollte keine durchgängige Erzählstruktur, wie man sie beispielsweise bei meinem letzten Buch »Beim Esel links« findet. Eine durchgängige Struktur glättet. Dieses Buch ist im Affekt entstanden. Ich schrieb viele Texte sehr emotional nach 12 Stunden Arbeit, anders hätte ich diese Welt nicht ertragen. Demgegenüber stehen die faktischen Texte. Diese fragmentarische Schreibweise war mein Weg dieser Machtlosigkeit Ausdruck zu verleihen und auch die Konturen zu schärfen.

Man muss nicht unbedingt ein aufmerksamer Leser sein, um in deinen Zeilen auch Verzweiflung und Wut zu erkennen. Bist du grundsätzlich ein Mensch, der dazu neigt, wütend zu werden und wie oft verzweifelst du woran?

Es braucht einige Zeit bis ich wütend werde, dann aber richtig. Verzweiflung ist das negative Wesen des Zweifels, also Ausweglosigkeit. Kierkegaard beschrieb das mal als »Nicht-Selbst-Sein«. Dazu bin ich zuviel unterwegs. Hat viel mit dem oben geschriebenen zu tun. Sich nicht in die destruktive Leere denken, dann lieber Bewegung. Gerade das Schreiben hilft mir auch zusammen mit dem Humor, diese destruktiven Gefühlen zu verarbeiten. Sind ja jetzt auch nicht die lustigen Taschenbücher, die man von mir erwarten kann, also ich zweifele oftmals, aber Verzweiflung, das ist ein Abgrund, da springe ich nicht mehr gerne rein, weil da hat Nietzsche recht: Wenn du lange genug in den Abgrund schaust, dann schaut er irgendwann in dich und es gibt glaube ich wenige Dinge vor denen ich im Leben Angst habe, aber die Lähmung einer Depression, wer das schon mal erlebt hat, dieses brutale Zersetzen des eigenen Ichs mit immer gleichen Fragen, das möchte ich nie mehr erleben.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte M. Kruppe. Das Interview zu seinem nachfolgenden Buch „In Buxtehude ist noch Platz“ entnehmen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweis: Susanne Stoll.
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