„Mir ging es darum, nicht zu vergessen, wie viel Unrecht in einer Diktatur geschieht, ohne dass jemand hinsieht.“ – Mona Krassu im Interview zu „Falsch erzogen“

Mona Krassu veröffentlichte ihren dritten Roman „Falsch erzogen“ unlängst in der Edition Outbird und damit eine umfassende Geschichte über die Entwicklung und das Schicksal eines Mädchens, das die Scheidung ihrer Eltern miterlebt und mit ihrem zunehmenden Aufbegehren gegen den Stiefvater und den Diktaturstaat DDR immer mehr in Konflikt gerät. „Falsch erzogen“ ist von einer atmosphärischen Dichte, die den Leser bald glauben lässt, selbst Bestandteil der elterlichen sowie Konflikte mit der Obrigkeit, ihrer Gespräche mit der Schauspielerin Eleonore Sattler oder ihrer Streifzüge als Herumtreiberin zu sein.

Mona, in Deinem Roman „Falsch erzogen“ greifst Du den Umgang mit geschlechtskranken Mädchen und Frauen in der DDR bzw. deren Einweisung in sogenannte „Tripperburgen“ ohne medizinische Indikation auf. Wie kamst Du zu diesem wenig bekannten Thema der DDR-Aufarbeitung?

Ich hörte dazu einen Beitrag auf MDR Kultur und war sofort gebissen von diesem Thema. Bei ersten Recherchen stieß ich auf das Sachbuch „Disziplinierung durch Medizin“ von Florian Steger und Maximilian Schochow. In mir brannten Fragen, z. Bsp. was wurde genau mit diesen Mädchen und Frauen gemacht? Was hatte das für Folgen für ihr späteres Leben? Viele Mädchen waren noch Jungfrau und in der Pubertät, also in einem Alter, in dem sie die Geschehnisse nicht einordnen konnten und deshalb irgendwann wirklich glaubten, sie seien Abschaum und nichts wert. Ich selbst war erschüttert über die Vorgehensweise von Ärzten und Schwestern in den sogenannten Tripperburgen der DDR und entschloss mich, diesen Roman zu schreiben, um die Gräuel für andere fühlbar zu machen. Das klingt jetzt vielleicht nach Sensationslust. Mir ging es aber darum, dass wir nicht vergessen, wie viel Unrecht in einer Diktatur geschieht, ohne dass jemand wirklich hinsieht und hinterfragt.

Stichwort „fühlbar machen“: Wie schaffst Du es, eine derartig dichte, beklemmende Atmosphäre zu schaffen? Man glaubt ja unweigerlich, dass Du das alles selbst erlebt und darüber Tagebuch geführt hast.

Wenn ich schreibe, bin ich ganz bei meiner Figur. Ich habe nur einen sehr vagen Plot, da meine Figuren schon bald die Oberhand gewinnen und mir diktieren, was sie als nächstes tun und wie sie sich dabei fühlen. In diesem Fall ging es mir teilweise sehr schlecht beim Schreiben. Ich schlief z. Bsp. manche Nächte nicht. Nach der Befragung einer der Frauen, die bereit war, mit mir darüber zu reden, weinte ich schon im Auto während der Heimfahrt.

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Ist ein derartiges Einfühlen für Dich unumgänglich, um den Stoff „um Dich herum“ weben zu können? Verlierst Du Dich beim Prozess des Schreibens mitunter?

Zum Einen ja, ich fühle nicht mehr mich. Ich sehe die Figur vor mir und krieche ins Geschehen. Allerdings gibt es auch Momente, dann bin ich zu bewegt. Dann muss ich mich rausnehmen. Ich höre dann Musik, tanze ein bisschen oder werfe einen kleinen Ball an die Wand.

Wie sah Deine Recherche zum Buch aus, mit wem hast Du gesprochen, welche Orte hast Du aufgesucht?

Meine Recherchen führten mich mehrmals nach Halle / Saale. Ich selbst war so verrückt, mich bis spät in die Nacht im „Kühlen Brunnen“ (Gasse unweit der Poliklinik Mitte) auf einen Klapphocker zu setzen. In einer fremden Umgebung, um mich herum Dunkelheit und Geräusche, die ich nicht zuordnen konnte. Ich hielt es knappe zwei Stunden aus, die sich wie mindestens fünf anfühlten. Wie schon erwähnt, durfte ich mit einer Frau sprechen, die selbst 1979 dort zwangseingewiesen worden war. Das war das traurigste und intensivste Rechercheerlebnis.

Gab es im Rahmen Deiner Recherche auch schöne Erfahrungen?

Ja, es gab auch schöne Rechercheerlebnisse: So durfte ich im Theater Altenburg / Gera im Schauspielsaal bei mehreren Proben anwesend sein. Es war für mich ergreifend, zu sehen, wie so ein Stück Stunde um Stunde ein berauschendes Ganzes wird, wie die Schauspieler sich jede Szene erspielen und aneignen. Natürlich ging ich auch in die Vorstellung, gleich zweimal. Ein anderes interessantes Erlebnis war die Besichtigung der Poliklinik Mitte in Halle. Sie wird derzeit umgebaut und der Architekt Torsten Schwartz von „Bauart“ nahm sich drei Stunden Zeit für eine Besichtigung. Er erklärte mir, wo sich die Waschräume befanden, wo man Wände entfernt hatte usw.

In der Klinik gibt es einen wunderschönen Raum mit Stuck und Säulen und Mosaiken an den Wänden. Also ein totaler Widerspruch zu den Misshandlungen und Demütigungen, die dort vorgefallen sind. Aber natürlich gab es auch dort einen „ganz normalen Klinikalltag“, wie man ihn aus DDR-Zeiten kennt.

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Wie hast Du selbst die DDR erlebt? Und wie konntest Du Dir ein so detailgetreues Gedächtnis bewahren? Du verwendest ja teilweise zeitgenössische mundartliche Begriffe, die längst ausgestorben scheinen.

Ich selbst war auch ziemlich unangepasst. Ich hatte zum Beispiel Ärger, weil ich Udo-Lindenberg-Fan war und dies auch bei jeder Gelegenheit kund tat und seine Songtexte verbreitete. Meine Eltern wurden deshalb vorgeladen, (ernstes Gespräch mit der Schuldirektorin :)), heute unvorstellbar. Ich hatte aber gute Noten und deshalb konnten die mir am Ende nix. Später gab es dann im Betrieb, in dem ich arbeitete, Ärger, weil ich nicht zu Wahl ging. Ich war auch aktives Mitglied des „Neuen Forum“. Auf meiner alten „RUF“-Schreibmaschine tippte ich nachts Flugblätter ab, mit Durchschlagpapier. Ich glaube, ich hatte großes Glück, dass die Wende kam.

Wenn man einmal anfängt, sich zu erinnern, fließt es. Eine Erinnerung bringt die nächste mit. Aber ich habe auch manches nach geschlagen in alten Schulbüchern, die ich noch habe.

Ich erzähle ja eine Geschichte. Zum Erzählen gehört es für mich unbedingt dazu, Ausdrücke und Sprache aus jener Zeit zu verwenden. Es widerstrebt mir, dann beispielsweise zum Broiler Hendl zu sagen.

Was glaubst Du, kann ein solcher Stoff bewirken? Was würdest Du Dir wünschen?

Ich finde, wir durchleben gerade eine Zeit, in der unsere Demokratie ins Wanken gerät. Damit meine ich nicht die Einschränkungen im Rahmen des Coronavirus. Meiner Meinung nach wird zu vieles von vornherein tabuisiert. Anfang des Jahres war ich bei einer Tagung im Literaturhaus Leipzig. Ein Themenpunkt war Political Correctness in der Literatur. Ich finde, wir setzen die Debatte falsch an. In einem literarischen Text muss ich bestimmte Ausdrücke verwenden dürfen. Zum Beispiel „Neger“, wenn der Roman in der Zeit des Sklavenhandels spielt. Aber jeder sollte ganz laut aufschreien, wenn ein Schwarzer auf diese Art beleidigt wird. Entschuldigung, ich schweife ein bisschen ab. Es geht mir darum, dass solche Dinge nicht vergessen werden. Es ist ja noch nicht lange her. Und es gibt Stimmen, die sagen: „Nun ist´s aber mal genug mit der DDR.“ Nein, ist es nicht, weil die Frauen gerade mal 300 EUR Entschädigung bekamen. Besser als nichts, aber viele von Ihnen haben keinen Mann und keine Kinder, weil sie sich nicht von diesen Demütigungen frei machen können.

Vielleicht kann mein Roman einen kleinen Beitrag leisten, dass wir wachsam sind und bleiben gegen Unrecht und Machtmissbrauch jeder Art.

Und nach Fertigstellung: Brauchst Du dann Abstand zum Stoff, Urlaub vom Schreibprozess?

Ich falle erst einmal in ein Loch. Es fühlt sich wie ein Abschied von lieben Freunden an. Manchmal arbeite ich dann an einer Kurzgeschichte, bis die Arbeit mit dem Lektor beginnt.

Am Ende von „Falsch erzogen“ finden Deine LeserInnen eine Gedenktafel. Was hat es damit auf sich?

Dieser Gedenkstein wurde vor der ehemaligen Poliklinik Mitte in Halle am 14. 09. 2015 zur Erinnerung aufgestellt. Wie ich schon erwähnte, war ich mehrmals in Halle und ich war erschüttert, als ich bei einem dieser Besuche entdeckte, dass jemand mit blauem Stift „richtig so“ drauf geschrieben hatte. Zum Glück hat man diese Schmiererei inzwischen entfernt. Dennoch fragte ich mich, wie sich eine Frau fühlen muss, die dort selbst gedemütigt und misshandelt wurde und nun dieses Geschmiere liest, vermutlich von jemandem, der keine Ahnung hat und dem es wahrscheinlich zu gut geht.

Zuguterletzt: Wo wirst Du in Lesungen und Gesprächen zu erleben sein?

Ich bin sehr dankbar, dass es mehrere Lesungen in verschiedenen Städten gibt, vorausgesetzt, die Lesungen können stattfinden. Bisher sind folgende Lesungen geplant:

10. 09. 2020 / 19.30 Uhr / Stadtbibliothek Gera

02. 10. 2020 / 19.00 Uhr / Karl-Theodor-Liebe-Buchhandlung Neustadt / Orla

06. 10. 2020 / 19.00 Uhr / Stadtbibliothek Greiz

09. 10. 2020 / 19.30 Uhr / Stadtbibliothek Bad Klosterlausnitz

10. 10. 2020 / 17.00 Uhr Saale Galerie Saalfeld

16.10.2020 / 19.00Uhr  / Salon Annaberg-Buchholz

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Lisa Ginty
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„Den einen oder anderen dazu bringen, Flüchtlinge als Menschen zu sehen“ – Mona Krassu im Interview zu „Freitagsfische“

Von Mona Krassu, Geraer Schriftstellerin und Romanautorin, ist dieser Tage bei Edition Outbird ihr zweiter Roman „Freitagsfische“ erschienen. Ein Roman, der den Leser schnell glauben lässt, in die Nachkriegszeit versetzt worden zu sein, so authentisch und genau ist Monas Blick.
Merkwürdiger Name, denkt man, bevor man auf den Klappentext schaut und neben Feridun Zaimoglus unbedingter Leseempfehlung das Thema erfasst: Flucht aus Breslau in die Sowjetische Besatzungszone und damit in ein schweres Leben voller Feindseligkeiten und Schwierigkeiten mit dem System.

Mona, was hat Dich bewogen, dieses Buch zu schreiben? Worum geht es darin?

Schon in frühester Kindheit lauschte ich den Gesprächen zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester. Da hieß es immer: „Unsere Mutti hat es so schwer gehabt. Da hat sie Tag und Nacht genäht und wir lebten trotzdem von der Hand in den Mund.“ Nähere Erklärungen dazu gab es nicht. Ich wollte aber wissen, warum und wieso das so war. Die Mutter meiner Mutter, also meine Oma, war aber schon tot, als ich noch nicht mal auf der Welt war. Sie konnte ich also nicht fragen. Mutter und Tante antworteten ausweichend.
Um diesen Roman zu schreiben, befragte ich andere Zeitzeugen. Zu Flucht und Vertreibung, zu Anfeindungen in der neuen Heimat und so weiter. Wie im Roman üblich ist einiges, das hier erzählt wird, fiktiv. Es ging mir darum, diese Zeit für mich selbst begreifbar zu machen und auch darum, meiner Oma ein Literarisches Denkmal zu setzen und damit auch all den anderen Frauen, die in jener Zeit ihre Kinder allein satt kriegen mussten.

Das Buch weist deutliche Parallelen in die Gegenwart auf, Stichwort Flüchtlingspolitik. Ist und war das Deine Absicht, angesichts der seit Jahren laufenden Einwanderungsdebatte einen Rückblick zu gestatten? Welche (gesellschaftliche) Aufgabe siehst Du in Deinem Roman?

Ehrlich gesagt nein. Als ich mit der Arbeit an diesem Roman begann, war dieses Thema noch nicht so präsent. Die Parallelen sind mir erst, während wir zusammen lektorierten, bewusst geworden. Aber ich muss zugeben, es würde mich freuen, wenn dieser Roman den einen oder anderen (möglichst viele Menschen 🙂 ) dazu bringen würde, Flüchtlinge als Menschen wie du und ich zu sehen. Da steht ein Mensch vor mir, ich betone das Wort Mensch. Und dieser Mensch hat Schreckliches erlebt, Kriege, Tod, Armut usw.. Wir, denen es so gut geht, vergessen manchmal, dass es das Geburtsrecht eines jeden Menschen ist, ein Leben in Gesundheit und Freude zu leben. Das könnte also Aufgabe des Romans sein, wenn man in der Literatur überhaupt von Aufgaben sprechen kann. Ein anderes Lesegeschenk, dass der Roman machen kann, ist hauptsächlich an die jüngere Generation gerichtet. Was wissen junge Menschen heute über diese Zeit? Es ist sehr ernüchternd, wenn man manchen 16- bis 25-jährigen diese Frage stellt.

Wenn man sich mit Dir unterhält, merkt man rasch, dass Du das Schreiben sehr ernst nimmst. Wie sieht bei Dir der Schaffensprozess des Schreibens aus?

Ja, das Schreiben hat sich den ersten Rang in meinem Leben erobert. Die Themen finden mich, ich suche nicht nach ihnen. Sie entstehen durch intensives Beobachten der Welt, in der ich lebe oder mir erzählt jemand direkt etwas aus seinem Leben. Es ist, als würde ein Hund mich beißen, meist weiß ich sofort, das ist aber ein packendes Thema. Wenn ich also auf diese Art infiziert bin, mache ich mir Notizen. Ich kann dann genau sagen, wie meine Hauptfigur aussieht, wie alt sie ist, was sie will. Mehr aber nicht. Ich entwickle Romane von Szene zu Szene. Das heißt, die Figuren entwickeln den Roman weiter. Ich kann vorher kein Handlungsgerüst erstellen. Das habe ich versucht. Aber das waren dann keine Menschen, sondern Figuren, die auf Stelzen daher kamen und schnell umkippten. Geschrieben wird möglichst jeden Tag nach dem Brotjob. Das heißt auch an Feiertagen und im Urlaub.

Wie kamst Du zum Schreiben?

Schon als Kind las ich lieber, als draußen zu spielen. Die Bibliothek in Weida war nicht gerade groß, die Auswahl nicht so umfangreich, wie man das heute kennt. Schon im Alter von 13 Jahren hatte ich da alles gelesen, was mich mehr oder weniger interessierte.
Meine Mutter gab mir das Buch „Christa“ von Jurij Brèzan. Das war mein erstes großes Leseerlebnis, weil ich mit Christa fühlte, und wie sie aus Liebeskummer weinte. Mit ihr litt ich, als sie erkannte, was für ein Mensch ihr leiblicher Vater wirklich war. Auch später dachte ich hin und wieder an Christa. Jurij Brèzan hatte es also geschafft, dass Christa eine reale Person für mich wurde. Es dauerte trotzdem noch viele Jahre, bis mich das Schreiben fand. Meine erste Leidenschaft war nämlich die Musik. Meine Kindheit war geprägt durch das Singen im Chor. Singen machte mir Freude und ich kam mit dem Chor viel rum.
Und als ich mein Idol fand, Udo Lindenberg, da träumte ich, zu sein wie er, zu leben wie er, Lieder zu singen wie er, mit den gleichen Inhalten, was natürlich in der DDR unmöglich war. Der Traum platzte, als ich mich kurz nach der Wende bei einer Band als Sängerin bewarb. Ich erschrak selbst darüber, wie schräg mein Gesang beim Vorsingen klang. Ganz zu schweigen von dem Versuch, das Gitarrespielen zu erlernen.
Ich war unzufrieden mit dem öden Leben, als 22-jährige zur Arbeit zu gehen, nach Hause zu kommen, zu putzen, fernzusehen. Das konnte nicht alles sein. Durch die Kölschrock-Gruppe BAP wurde ich auf Heinrich Böll aufmerksam. Als ich „Wo warst du Adam“ und „Und sagte kein einziges Wort“ las, war es endgültig mit mir passiert. Ich wollte schreiben lernen und zwar so großartig wie Heinrich Böll.

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Was sind Deine Träume als Autorin und Mensch?

Natürlich träume ich wie jeder Schreiber davon, vom Verkauf der Romane leben zu können. Außerdem lese ich sehr gerne vor Publikum, auch wenn ich dann kurz vor einer Lesung immer denke: Warum tust du dir das an? Es ist einfach bewegend zu erleben, wie der Text auf die Zuhörer wirkt, wie sie ihn in eigenes Erleben umwandeln. Man wohnt dann einer Metamorphose bei, selbst wenn die Reaktionen negativ ausfallen sollten. Mir wurde ja schon mehr als einmal gesagt, dass meine Texte düster seien. Dazu stehe ich, weil es ein Ansinnen und somit auch ein Traum von mir ist, die Leser für Mitmenschen zu sensibilisieren, denen es nicht so gut geht. In einer Welt, wo Geld und Konsum bei vielen (vielleicht unbewusst) an erster Stelle stehen, finde ich es wichtig, dass wir uns wieder auf die eigentlichen Werte besinnen. Die liegen meiner Meinung nach im Miteinander, im gegenseitigen Austausch, im Ausdruck des Selbst, im Entdecken der Natur und im Weitergeben an nachfolgende Generationen. Amen. Große Worte, und ich zeige dabei auch auf mich, denn ich lebe selbst nicht immer nach diesen Werten. Aber ich bemühe mich.

Wie schätzt Du den Buchmarkt der (nahen) Zukunft ein? Welche Risiken und Chancen siehst Du?

Es wird viel gejammert über rückläufige Verkaufszahlen. Ich aber sage, Totgesagte leben länger. In Büchern steckt ja so viel mehr, als eine Geschichte. Obwohl alle dasselbe Buch lesen, liest doch jeder etwas anderes, weil der Leser eben sich selbst beim Lesen mit einbringt, seine Phantasie, seine Erfahrungen. Lesen kann Anregung oder Entspannung sein, es kann Nachdenken sein und Erkennen. So ein Medium stirbt nicht aus. Die Zahl der Leser wird wieder steigen. Was mich oft ärgert, ist die Vielzahl der Bücher, die auf den Markt geworfen werden. Weil das kein Mehrwert ist, sondern nur der Profitgier großer Verlagsgesellschaften geschuldet ist. Du bist da zum Glück eine positive Ausnahme.

Nicht selten sind kreative Geister sehr selbstkritisch und streng zu sich selbst. Was glaubst Du, woher das rührt? Was rätst Du solchen Skeptikern?

Jetzt hast Du mich aber voll erwischt. Ich bin auch so ein Schreiber. Ich finde immer wieder Textstellen wo ich denke: „mein Gott, was hast Du da bloß für Mist geschrieben?“. Aber ein paar Tage später ist dieselbe Textstelle dann wieder richtig gut.
An Tagen, an denen ich vor Beklemmung und Angst gar nicht schreiben kann, zwinge ich mich, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und trotzdem zu schreiben. Man kann es ja notfalls wegwerfen oder löschen, aber man ist in Gedanken in der Geschichte geblieben, das ist wichtig. Mein Rat also: „Sitzen bleiben!“

Horst Sakulowski, Thüringer Künstler (entwarf die Covergrafik)

Eine letzte Frage: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Wo wirst Du lesen, welcher Romanstoff wird auf „Freitagsfische“ folgen?

Lesen möchte ich gern überall. Feste Termine für den Roman Freitagsfische gibt es bisher in Suhl am 22. 8. in der Kulturbaustelle, in Weida am 8. 9. im Rahmen des Tages des offenen Denkmals in der Lohgerberei (bereits ab 11 Uhr), in Gera am 10. 9. in der Stadtbibliothek, am 3. 10. im Clown-Museum Leipzig und in Saalfeld am 2. 11. um 17 Uhr in der Saalegalerie (die fehlenden Uhrzeiten bitte erfragen, d. Red.).
Der nächste Roman ist in der Rohfassung schon fertig. Er spielt wieder in der ehemaligen DDR. Anhand der Hauptfigur, einem Mädchen, 1966 geboren, wird für den Leser sowohl geistig als auch körperlich erfahrbar, wie es war, in einer Diktatur aufzuwachsen. Das wurde schon in einigen Nachwenderomanen erzählt, ich weiß. Aber hier geht es um die Disziplinierung durch Medizin. Ein Thema, dass bisher nur in einem Sachbuch aufgearbeitet wurde. Die Opfer kämpfen noch heute um Entschädigung.
Es wird aber auch weitere Kurzgeschichten und Gedichte geben. Und mich hat schon wieder ein Thema für einen Roman gebissen. 🙂

Liebe Mona, ich wünsch Dir viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat.
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