Schmuddl „Vom Fraß der Gentrifizierung“ [Interviewauszug] | Outscapes #4

„… Moin Schmuddl… Du tätowierst seit 20 Jahren, gestaltest Schmuck, Leder- und Wohnaccessoires, zeichnest und hast in Deiner Buchbar Lesungen zwischen Whisky und Tom Waits veranstaltet. Wo liegen Deine Wurzeln? Was treibt Dich an? Was gibst Du den Menschen?

[…]

Was treibt mich an? Neugierde?! Die Lust am täglich Erlebten, die Unlust zum Stillstand. Alltägliche Banalitäten die einem so über den Weg laufen. Positives, negatives, nützliches, sinnloses, gute Menschen, schlechte Menschen, Erfahrungen die man macht, dieses „er-LEBEN“ auch wenn es zuweilen wirklich dumm, beschwerlich und belanglos erscheint. Wenn du keine Erwartungshaltung hast, kannst du um so besser Überrascht werden was für mich ein großer Reiz ist. Natürlich im positiven wie im negativen Sinne aber da bin ich pragmatisch und zum Glück auch neugierig genug um sehen zu wollen was hinter dem „Müllkübel“ ist, manchmal wächst da nämlich was ganz wunderbares. Das Leben ist ein langer Kuss…(DAF)

Tabaktasche Steampunk und vieles mehr aus Schmuddls Werkstatt: bitte hier entlang

Was die Menschen von mir bekommen ist Authentizität (auch mit Arschlochtag), Individualismus, Unvoreingenommenheit, eine gute Portion Altruismus, manchmal einen Spiegel und unzähligen herum flitzenden Inspirationspartikeln sei dank, viele schöne Dinge…“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Thomas Templin

Dr. Mark Benecke „Man möchte Brücken schlagen“ [Interview Teil 2] | Outscapes #4

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines neuen, handsignierten Buches „Mumien in Palermo“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Hast Du selbst mal Texte geschrieben?

Ja, nee, früher bei den… nennen wir es jetzt mal Punkband — wir hießen „Die Blonden Burschen“ — da haben wir das so gemacht, dass wir zusammen immer ein zwei oder noch mehr Flaschen Rotwein leergemacht haben und ich hab‘ Gedanken aufgeschrieben und Klaus hat mit der Gitarre dazu rumprobiert, Leibwächter Smirnov hat Faxen gemacht und so haben wir es dann zusammen gebastelt. Aber ich seh‘ mich mehr auf der Seite der Produktion oder so… wie zum Beispiel, ist jetzt ein blödes Beispiel, bei Modern Talking oder so: Die können jetzt alles remixen alles und nochmal neu rausbringen, oder auch Abba. Das ist ja damals eigentlich nur so dauerhaft geworden, weil es von vornherein super produziert war. Auf dieser Seite bin ich eher, also bei der Orga. Ins Künstlerlische misch ich mich weder beim Text noch beim Eispielen ein, sondern mache haargenau das, was die Künstler und Tonleute mir sagen.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass Du ein Faible für Brücken hast… das ist ja quasi Architektur…

…naja, ich seh es allerdings eher von der Ingenieursseite allerdings…

…hat das für Dich was mit Kunst zu tun?

Mein Vater ist Ingenieur, muss man dazu sagen, eigentlich beide Väter, mein genetischer und mein sozialer Vater sind beide Techniker und Ingenieure. Die konnten immer Architekten und Kunst nicht leiden, weil die der Meinung sind „es muss funktionieren, das reicht, die Künstler nerven nur“. Da gibt es so klassische Sätze von meinem Vater, er hatte sehr viel mit Rollbändern und Fahrtreppen und so etwas gemacht, und hat damals bei der größten freitragenden Rolltreppe Europas mitgemacht, und manchmal haben wir über das eigentlich voll wichtige Formenverständnis der Architekten diskutiert, aber er meinte immer nur „die Funktion ist wichtiger!“ So zwiespältig ist das bei Brücken auch.

Ich seh eher den Zauber da drin, dass sie ja eine Evolution hinter sich haben, die Brücken, weil ja viele zusammen gebrochen sind aus Gründen, die man nicht verstanden hat. Zuletzt die Milleniumsbrücke in London, die hat ja mega geschwankt und musste umkonstruiert und gedämpft werden… im Jahr 2000, wo man so eigentlich langsam mal wissen sollte, wie man Brücken über die Themse baut. Haben sie aber erstmal nicht hingekriegt, und obwohl sie schon fertig war, musste sie umgebaut werden. Das finde ich halt interessant: Man möchte Brücken schlagen, kulturell, künstlerisch, sozial, politisch… der Wille ist da, aber dann fehlt die Fähigkeit, obwohl man ganz sicher ist, dass man es kann.

Die letzte Brücke, die Ines und ich uns angeschaut haben, die ist gigantisch, die ist in Edinburgh, eine ganz berühmte Brücke, sie ist dann auch ganz anders eindrucksvoll, wie ein überirdisches Kunstwerk.

Also, ich les‘ mir auch niemals einen Reiseführer durch, ich lese mir niemals eine Rezension durch, nichts, egal, das interessiert mich überhaupt nicht…. einfach hingehen, sich die Sachen angucken, und wenn es einem nicht gefällt, hat man halt Pech gehabt. Wichtig ist aber, den unbeeinflussten Eindruck zu kriegen – das ist halt immer geil, bei Musik, bei Kunst, aber auch bei Ingenieurskunst oder Architektur, bei Brücken oder wie auch immer.

Ich hab mal aus China, als man noch 32 Kilo Gepäck mitnehmen durfte, die letzten Kilos mit einem superfetten chinesischen Brückenbuch mitgeschleppt (lacht). Da hätte man auch was anderes mitnehmen können.

Wir hatten ja vorhin schon mal drüber gesprochen, was Outbird ist und was wir machen und dass wir halt auch edle Spirituosen im Shop haben… hast Du so eine Art Lieblingsgetränk im Bereich der Alkoholika?

Nö, wir trinken jetzt nicht mehr so viel. Ich würde mal sagen, wenn ich mich mit etwas auskenne… also, die haben ja jetzt in Berlin die ganzen Gin Tonic-Sachen mit den superseltenen Gins… wir sind da mittlerweile eher die Tonic-Spezialisten, weil wir nämlich des öfteren den Gin-Tonic ohne Gin trinken, und das ist sehr, sehr lustig, wenn du in eine gute Gin-Tonic-Bar gehst. Und natürlich extrem hochwertigen Rotwein, der wirklich was kann, unabhängig von der Marke und Bewertung durch irgendwen.

Ich bin ja Eröffnungs-DJ beim WGT immer, und Elvis, der das immer anleiert, der ist ja so richtig von Herzen Ossi. Er mixt dann immer so Getränke in der Plastikflasche, diesen Kaffeelikör aus dem Osten mit irgendwas anderem, und dann eben Pfeffi, den gab’s ja im Westen nicht, also lauter so Sachen. Das muss aus der Plastikflasche natürlich selbstgemixt sein. Das sind die drei Sachen, von denen ich Ahnung habe: Gin-Tonic ohne Gin, sehr guter Rotwein, und eben diese Mixgetränke zur WGT-Eröffnung aus der Plastikflasche…die sind für mich spannend. Ach ja, und Țuică und Ron Medellín, aber nur in kleinsten Mengen…das hat aber mehr mit sehr guten Erinnerungen vor Ort in Transilvanien und Medellín zu tun als mit den Getränken an sich (lacht).

Alkohol ist ja eine Droge, da brauchen wir ja nicht drumherum zu reden. Ich muss ja immer ein bisschen lachen, wenn es heißt, Alkohol ist keine Droge… gibt es für Dich einen Unterschied zwischen Drogengebrauch und -missbrauch?

Naja, das ist halt ein Kontinuum. Also, ich kann mal ein Beispiel sagen. Wenn du jetzt Leute hast, die psychisch labil sind, da kommt es natürlich erstmal darauf an, welche Sorte psychischer Labilität hat man. Bei den Gruftis haben wir davon natürlich viele Leute. Und wenn das jetzt Menschen sind, die beispielsweise Psychose-Neigung haben, also die eher so aus der Ecke Schizophrenie oder Borderline kommen oder so – für die ist es jetzt vielleicht nicht so gut, psychotrope Drogen zu nehmen. Also, da könnte dann auch schnell schon der erste Gebrauch der Droge Missbrauch sein, ohne dass das jetzt für jemand anderen ein Missbrauch sein müsste.

Oder Leute, die so diese Affektstörungen haben, diese extremen Stimmungsschwankungen, für die ist jetzt vielleicht Speed und Koks sehr, sehr schlecht. Da kann der erste Gebrauch auch schon missbräuchlich sein.

Für Leute, die jetzt eher aus dem depressiven Formenkreis kommen, die sollten vielleicht die Finger vom Alkohol lassen, weil sie dann zu sehr in Ungleichgewicht kommen.

Das ist vielleicht wie beim Autofahren, beim Party machen, beim nicht wirklich schlafen gehen: Du kannst das alles missbräuchlich machen. Auch Sport…das ist immer ein Kontinuum. Ich würde das gar nicht auf substanzgebundene Sachen festlegen. Spielsucht… Also, ich denke, Menschen die eine bestimmte Neigung in einem bestimmten Formenkreis haben, sollten sehr scharf drauf achten, ob das nicht in Suchtverhalten abdriftet. Egal, ob es substanzgebunden ist oder nicht.

Weswegen ich die Frage stelle, ist, und da muss ich jetzt erst einmal von mir ausgehen: als ich die ersten Berührungspunkte mit Literatur hatte, abgesehen vom Schulunterricht, und auch mit Kunst in Berührung kam, war’s immer jemand, den ich cool fand, also zum Beispiel hab ich die Bücher von Gottfried Benn gefressen, ich hab Bertolt Brecht genossen, ich liebe die Gedichte von Jim Morrison zum Beispiel… Villon, Kinski… alles Menschen, die ein Problem ohne Rausch hatten. Die Frage, die ich mir dann irgendwann mal gestellt habe: Braucht gute Kunst irgendeinen Rausch?

Nee, das ist andersrum: Die Leute sind vorher schon verrückt und nehmen deswegen Substanzen. Ihre Kunst würde auch ohne Substanzen funktionieren, die Substanzen verstärken das nur. Die Substanzen sind eigentlich nur die schwarzen Streusel da obendrauf. Wenn wir jetzt mal Harry Rowohlt nehmen oder auch Benn, die hätten das auch ohne Substanzen produziert, nur wäre es nicht so leicht an die Oberfläche gekommen. Oder der Kinski hätte vielleicht nicht diese theatralische Drama gemacht — aber an die Oberfläche kann man das auch so kriegen. Ist halt nur schwerer. Das weiß ich ganz sicher von Leuten, die abdriften und auf den Substanzen hängenbleiben versus den Leuten, die einfach einen Cut machen und dann sagen „okay, das rühre ich nie wieder an“. Man sieht keinen künstlerisch-essenziellen Unterschied in ihrem Schaffen. Phasenweise verändert sich vielleicht mal die Qualität oder das Motiv oder auch die Schärfe, aber das passiert mit oder ohne Substanzen genauso.

Ein Künstler, von dem ich viele Bilder habe, malt extrem präzise, fast jedes Haar einzeln in Öl, aber als seine Frau schwanger wurde, ist das alles zerflossen und wurde ganz organisch und bionisch. Das dauerte dann ein, zwei Jahre, und dann ging es wieder zurück zum Hochpräzisen.

Oder unsere gemeinsame Freundin Bianca Stücker zum Beispiel, die ist super präzisionsbesessen und du kriegst sie auch nicht davon weg. Sie hat mal ein Tattoo bei mir gemacht, da habe ich es auf der eigenen Haut erlebt. Dieser Zwang zur Präzision würde bei ihr niemals weggehen, egal, was sie nehmen würde — und bisher nimmt sie überhaupt keine Substanzen.

Wenn ich dir jetzt aber sage, dass ich eine ziemlich krasse Zeit hinter mir habe mit Alkohol, und in genau dieser Zeit die geilsten surrealen Gedichte geschrieben habe, und seitdem ich erst zwei Jahre gar nicht und nun nur noch in Maßen trinke, da kommen zwar Konzeptgedichte, aber es kommt nichts mehr Surreales bei rum.

Ja, das verstehe ich, aber das ist die Vertauschung von Substanz mit seelischer Eigenschaft. Du hast dich dann seelisch einfach weiterentwickelt und verändert, und der Alkohol ist nur das Symptom, das dazugehört. Das kann ich dir sowohl aus dem kriminalistischen Bereich als auch bei Gruftis als auch bei Künstlern oder Tätowierern darstellen, ich hab‘ da wirklich viele Andockstellen… man verändert sich charakterlich einfach.

Das ist wie, wenn Leute sagen „ach, früher bin ich immer voll auf die Rolle gegangen und hab Megaparty gemacht, und heute bleib ich lieber mal gerne zuhause“. Da ist der einfache Grund, dass sie einfach immer erwachsener werden. Also der Körper verändert sich, die Gehirnstruktur verändert sich, die Hormone verändern sich. Das hat nichts damit zu tun, was man oft glaubt, sondern ist einfach ein total normaler Prozess. Das ist nicht der Alkohol, das sind neue Verschaltungen durch Lebenserfahrungen und Eindrücke.

Gute Kunst braucht nicht unbedingt den Rausch – als Fazit?

Nein. Ich bin mir einfach ganz, ganz sicher, dass es für viele Menschen in der Zeit, in der sie sozusagen aus dem therapeutischen Bedürfnis heraus extrem viel Energie in die Kunst reinsetzen, einfach dazugehört, viel auszuprobieren oder exzessiv zu leben oder den Rausch auszuprobieren.

Aber da ich eben genügend Leute kenne, die mit Substanzen aufgehört haben, neben denen, die weitermachen, haben wir sowohl im Labor als auch privat beide Stichproben. Und ich sehe wirklich auch im Laufe von Jahren — und ich bleib‘ allen treu, so gut das geht — keine Verschlechterung in der künstlerischen Qualität. Veränderungen schon, aber keine Verschlechterung, außer, sie schießen sich ganz weg.

Bei halluzinogenen Substanzen kannst du das besonders gut sehen: Für die meisten Menschen reicht es komplett, dass die mal kurz in Berührung damit waren, und die Eindrücke, die die da gesammelt haben, die reichen fürs gesamte restliche Leben. Jetzt gibt’s aber Leute, die das zu einer Lebensgewohnheit gemacht haben, um sich Informationen, beispielsweise aus Pilzen, zu ziehen. Und die denken halt, das wäre notwendig. Aber wenn man sie nötigen würde, das zu lassen, würden sie genauso viele Informationen bekommen, wenn sie es wollten. Man darf da echt nicht Ursache und Wirkung vertauschen.

Die letzte Frage, und da will ich nochmal zum Thema Kunst und Kultur zurück, weil es mich persönlich in letzter Zeit sehr beschäftigt, auch an den Politiker Mark Benecke: Wir leben ja im sogenannten Land der Dichter und Denker, und ich als Kunst- und Kulturschaffender in meiner Region krieg halt immer wieder mit, dass genau diese Menschen, die immer wieder gepriesen werden, am langen ausgestreckten Arm verhungern, und der Staat schaut halt zu. Jetzt haben wir den Innenminister mit seinen zehn Thesen, der sich darauf beruft, dass wir in ebendiesem Land der Dichter und Denker leben, wo ich immer sage „normalerweise muss doch Kunst und Kultur von Staatswegen subventioniert werden“…

…ja, wird sie auch, massiv sogar. Vielleicht nicht genug, aber es fließt schon viel Geld da rein.

Ich kenne sehr, sehr viele Künstler, die leider an der Armutsgrenze und im ALG II–Bezug leben, und die, wenn sie nicht in ein oder zwei Jahren Geld verdienen mit ihrer Kunst, zum Altenpfleger oder anderem umgeschult werden, und darüber überhaupt erst depressiv werden. Eigentlich muss es doch einen Weg geben, wenn ich nachweise, dass ich künstlerisch produktiv bin…

Naja, das sind zwei Sachen. Das Eine ist, wir bieten in Deutschland schon das beste Auffangnetz für Künstler auf der Erde – über die Künstlersozialkasse zum Beispiel. Wenn du dort nachweisen kannst, dass du künstlerisch produktiv bist, bist du komplett abgesichert. Das gibt’s in keinem Land der Erde, das ich kenne, und das ist großartig in Deutschland. Das sichert natürlich nicht dein Einkommen, aber da hast du deine komplette Sozialversicherung. Es gibt kein anders mir bekanntes Land auf der Welt, wo du volle, komplette, unlimitierte, Kranken-, Sozial- und Rentenversicherung und deine Miete auch als Künstler hast, der meinetwegen sieben Monate im Jahr nicht aus dem Bett kommt und schwere Depressionen hat.

Dann gibt’s das Zwischending, das sind die Künstler, die sehr viel in die Vermarktung gehen, die können Glück oder Pech haben, da das den Marktgesetzen oder Launen der Kunden folgt. Es kann ja kein Mensch entscheiden, was gute oder schlechte Kunst ist, das kann kein Mensch entscheiden. Aber leider entscheidet es ja der Markt. Schau dir Gerhard Richter an, der aus Ostdeutschland stammende, hochgehandeltste Künstler der Erde. Ich finde seine Sachen super, das Fenster im Kölner Dom finde ich großartig, und ich versteh‘ auch die Konzepte, die er macht. Aber es ist mir eins der größten Rätsel, warum die Leute dafür so viele Millionen hinlegen. Ich begreife nicht, warum das so viel wert sein soll.

Zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten am richtigen Ort…

…richtig, genau, und natürlich Fleiß ohne Ende. Aber wenn du dich zum Beispiel mit den großen Galerien oder Politikern gut verstehst, dann klappt es viel leichter. Das ist das Zweite.

Das Dritte sollte ich auch noch sagen: Das sind die, die ins Ausland gehen wie zum Beispiel Martin Schöller, der als Fotograf jetzt Cheffotograf beim New Yorker ist.

Und dann, das vergisst man leicht, dass viele Künstler, die wir heute auch im Grufti-Bereich ganz gut finden, entweder gar nicht oder hochgradig subventioniert wurden — meinetwegen Goethe oder Schiller: Die hatten halt megareiche Mäzene. Dieses Konzept existiert aber nicht mehr. Aber da muss man natürlich fragen, wer hat die Leute finanziert? Das waren öfters Menschen, von denen heute kein Künstler mehr direkt Kohle annehmen würde.

Oder aus meinem Bereich: Der Schokoladenfabrikant König, auf den das Museum König in Bonn zurückgeht – den würde man heutzutage als Künstler auch nicht mehr so unbedingt gerne als Subventionsgeber annehmen, weil das ein absolut großindustrieller Kapitalist war. Das kannst du heute als Künstler gar nicht mehr bringen, das wäre so, als ob dich heute VW finanzieren würde. Das Geld würdest du glaub‘ ich nicht annehmen, weil es dir wichtig ist, in der Szene präsent und glaubwürdig zu sein. Oder nehmen wir mal Nestlé, das kann man einfach nicht bringen, von denen Geld zu nehmen. Da haben sich einfach die kulturellen Wahrnehmungen geändert. Für die Künstler und Schriftsteller der damaligen Zeit war es überhaupt kein Problem, von Kapitalisten oder Herrschern riesige Geldsummen anzunehmen.

Oder auch andere Leute, Astronomen zum Beispiel, die von Regierungen oder Industrieunternehmen gefördert worden oder an Höfe gegangen sind. Heute arbeiten sie an Universitäten oder sind selbständig. Welcher Astronom würde sich heute noch direkt an das dicke Geld binden?

Bis ins auflaufende Mittelalter hat sich ja jeder Hof seine Künstler gehalten…

…das war auch viel später noch so, bis ins 19. Jahrhundert. Aber früher sind viel, viel mehr Künstler untergegangen mangels Versicherung und so, die sind einfach krepiert. Die meisten jüngeren Gruftis wissen überhaupt nicht, dass fast alle der Bands, die sie für Gruftistars halten, einen ganz normalen 40-Stunden-Job haben. Fast alle unserer Szene-Stars haben von neun bis fünf einen anderen Job…

…und gehen dann noch proben und Touren fahren und zwar von ihrem Urlaub…

…richtig, und zwar auch von den größeren Acts. Meine Antwort wäre in einem Satz: Früher sind sie einfach verhungert. Und ja, man kölnnte eine coolere Kulturförderung machen. Aber am Beispiel Köln siehst du, dass es oft einfach nicht geht: Wir hatten oder haben ja dort die größte Anzahl von freien Theatern und Galerien europaweit. Wenn du denen aber Geld gibst, bekriegen sie sich teils zu Tode. Du kannst dir nicht vorstellen, was da los ist.

Die Frage ist einfach, um das zu konkretisieren: Ich veranstalte seit drei Jahren eine Lesereihe namens „Das rote Sofa“, und mein Anspruch ist es, das kostenlos anzubieten. In einer kleinen, 13.000-Einwohner-Stadt, wo sowieso nicht soviel Kultur geboten wird. Wenn du da auch noch fünf Euro Eintritt verlangst, um die Künstler zu bezahlen, dann kommt natürlich kein Gast. Oftmals ist es so, dass ich die Gagen aus eigener Tasche bezahle oder eben einen einzigen Topf anzapfen kann, dann muss ich es aber immer politisch begründen.

Wenn es aber da einen staatlichen Fördertopf gäbe für Veranstaltungen in der ländlichen Region…

…doch, gibt’s, aber über einen blöden Umweg. Bis zuletzt waren das die Sparkassen, weil die ja im Prinzip der Stadt oder dem Kreis gehören, und keinen Gewinn erwirtschaften dürfen. Nur: Da müssen sie dich mögen.

Die Lösung, die ich sehe, ist, dass du es halt sexy und zeitgemäß machen musst. Bianca hat mit ihren Tribal Fusion-Tanzchoreographien ja auch das Problem: Da gehen schon viele Leute hin, aber es gibt Veranstaltungen, da dürfen dann nur Frauen hin. Kein Witz! Da stellt sich die Frage, wie sie das finanziert bekommen wollen, wenn die Veranstalterinnen einfach mal die Hälfte der Bevölkerung ausschließt aus Befindlichkeiten, die kein Mensch — oder zumindest ich nicht — verstehen kann. Das ist ja jetzt nicht supersexualisiert, das Ganze.

Ein anderes Beispiel: Ich hab‘ drei Jahre lang die Leute vom WGT fast schon erpresst. Also dass ich das mit der Tribal Fusion organisatorisch übernehme, aber mit der Bedingung, ihr sagt den Tänzerinnen, die es nicht können, vorher, dass sie leider nicht auftreten können. Die Qualitätsunterschiede in den Tribal Fusion-Shows am Rand des WGT waren ja von genial bis Trash breitgefächert. Kurioserweise ist das an den WGT-Leuten gescheitert, die einfach keinen Bock auf Tribal Fusion haben, obwohl ich alles gemacht hätte, nachdem die vorigen Veranstalterinnen die Segel gestrichen haben.

Als wir mit den „Blonden Burschen“ in den 1990er Jahren in Berlin aufgetreten sind, hatten wir manchmal nur eine Matratze für die ganze Band, und die war voller Flecken. Heizung gab’s nicht, Klo war damals noch im Treppenhaus, aber unbenutzbar verkeimt, es war sogar außen und innen komplett schwarz vor verkrustetem Shit. Ich hab‘ auch mal im Kofferraum des Leibwächter-Transporters gepennt. Einmal konnte man sogar von unserer Unterkunft aus in die Wohnung drunter gucken, weil die Holzbalken vom Boden total verrottet waren.

Also, es gibt fünfzig Millionen Ecken, an denen es im künstlerischen Bereich scheitern kann. Wenn das Publikum bei deinen Abenden aber keinen Mini-Eintritt zahlen will, ist das auch bekloppt. Fünf Euro ist ja nun eine faire Ansage für einen schönen Abend. So oder so, meine Meinung ist grundsätzlich: „Augen zu und durch“. Ich machs ja auch die ganze Zeit so.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview! 

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Mark Benecke online: Website / Facebook

Bildnachweis: Felix Berner

Romina Nikolić „Ästhetik des Tötens“ [Interviewauszug] | Outscapes #4

„… Wie erklärst Du Dir die Faszination, die der Stoff „Hannibal“ noch zwei Jahre nach Absetzen der Serie auf unzählige Fannibals ausübt? Immerhin handelt es sich ja um finsterste Morde eines äußerlich höchstkultivierten Therapeuten.

Die Morde haben zum einen tatsächlich eine herausragende ästhetische Qualität und zum anderen sind sie in der Serie aber eben nicht nur was für Gore-Fans, sondern in ihrer Symbolträchtigkeit vor allem Mittel zur Kommunikation zwischen den beiden Hauptcharakteren, Hannibal und Will, die beide ja auf ihre jeweils eigene Art sehr außergewöhnlich und dadurch einsam sind, und irgendwie gegen alle Wahrscheinlichkeiten im anderen den perfekten Gegenpart finden. Das ist eine schöne, natürlich auch romantische Vorstellung, dass man, egal wie weird man ist, jemanden finden kann, der zu einem passt. Das spricht, glaube ich, viele Fannibals an. Und die Tatsache, dass Bryan Fuller und sein Team die Geschichte auf eine visuell, filmisch, erzähltechnisch ganz neue Ebene gehoben haben, spielt bei der Faszination auf alle Fälle auch eine sehr große Rolle.

[…]

Kannst Du uns etwas zum literarischen Genre der sogenannten „Fanthology“ sagen? Seit wann existiert dieses Genre, wo hatte es seinen Ursprung?

Da müsste ich jetzt selber googeln… Es ist als größere Text- und Bildsammlung eine Erweiterung der typischen Fanzines, also Fan Magazines zu einem bestimmten Thema, die es ja schon seit Ewigkeiten gibt. Ich glaube, das geht zurück bis in die 1940er Jahre. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Germaine Bierbaum & Romina Nikolić

Majorlabel „Wir sind kein Punk-Label!“ [Interviewauszug] | Outscapes #4

„… Das Majorlabel wurde 1998 gegründet. Wie verrückt muss man sein, ein Independentlabel zu gründen, was war die Initialzündung? Welche Voraussetzungen habt ihr mitgebracht?

Mein Labelkollege Robert hatte damals mit dem Schlagzeuger der „Fliehenden Stürme“ schon ein eigenes Label betrieben, und irgendwie hat das dann nicht mehr ganz so gut funktioniert. Er wollte dennoch weitermachen, und da wir beide aus dem ostthüringischen Ort Berga kommen und ich damals die Band „Verbrannte Erde“ am Laufen hatte, kamen wir bei einer unserer Proben letztendlich ins Gespräch. Quasi entstand aus denselben Interessen und der gemeinsamen Idee, von Bands, die wir cool finden, Platten zu veröffentlichen, dann das Majorlabel. Begonnen hatte damals alles mit einer Rostocker Band namens „State of Emergency“. Die hatten wir in Weimar erlebt und rotzfrech gefragt, ob wir deren drittes Tape auf Vinyl veröffentlichen können. Somit ist der erste Tonträger auf dem Majorlabel entstanden. Das war die Initialzündung für weitere Veröffentlichungen.

[…]

Ihr verlegt unter Anderem Bands wie Die Art, Sandow, Fliehende Stürme, EA 80, aber auch Hörbücher von preisgekrönten Hörbuchautoren wie Kai-Uwe Kohlschmidt oder Kai Grehn – Vorsprung durch Vertrauen oder gute Geschäftsfreundschaften? Gibt es so etwas wie einen Kollektivgedanken in der Szene?

Wenn wir Veröffentlichungen ankurbeln, ist es dann schon auch eher eine freundschaftliche Basis mit den Künstlern. Also, wir machen keine Verträge, das wäre uns auch zuwider….und das funktioniert bis jetzt ganz gut. …“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Im Bild: Andreas Ettler („Eddie“).

Kathy Kahner „Literatur und Skurrilität“ [Interviewauszug] | Outscapes #4

„… Hallo Kathy, Surrealismus als einflussreiches Experimentierfeld zwischen Kunst, Literatur und Psyche und mit Größen wie Breton, Tzara oder Aragon war ja der experimentelle Inbegriff des Traumhaften, Unbewussten, Absurden… Was fasziniert Dich am Surrealismus und am Dadaismus, was bedeuten diese Strömungen für Dich?

Beide Kunstrichtungen haben die gesellschaftlichen Grenzen ihrer Entstehungszeit überschritten und nehmen sich selber nicht so ernst. Eine Eigenschaft, die mir oftmals in vielen Bereichen zu fehlen scheint. Was ich noch am Dadaismus schätze, ist, dass er trotz oder gerade durch seine ironischen Gebrochenheiten und der demonstrativen Unernsthaftigkeit eine politische Dimension erhält. Zudem führt der Dadaismus ebenso wie der Surrealismus durch sein Spiel mit der Skurrilität den Alltag ad absurdum – das fasziniert mich nicht nur, ich finde es zudem unglaublich erheiternd. Da ich selber mitunter die Skurrilität als humoristisches Stilmittel in meinen Werken verwende, komme ich nicht um hin, diese Kunstrichtungen zu lieben.

Was ist für Dich gelebter Dadaismus?

Als Laie kann ich bei Leibe nur von meiner Auffassung sprechen, aber für mich persönlich ist das Erschaffen skurriler und absurder Werke, deren Unsinnigkeit sich die Schöpfer bewusst sind, und der Kontrast dieser zu einer verkrampften Ernsthaftigkeit in der Kunst gelebter Dadaismus. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Nadine Trojan

M. Kruppe „Im Land der Dichter und Denker“ [Kolumnenauszug] | Outscapes #4

„… So lange unsereins nicht die Zeit gegeben wird, das zu tun, was wir vielleicht wirklich könn(t)en, solange wird’s auch nichts mit der professionellen Schreiberei. Klar haben wir uns unser Leben so ausgesucht, aber die Zwänge, vertretend zum Beispiel vom hämisch grinsenden Jobcenter-Mitarbeiter, sind garstige Klauen, die sich in deinen Schopf graben und dich am selben durch die Botanik deines Daseins zerren. […]

Durch meine Arbeit im Kunst- und Kulturverein Corvus e.V. kenne ich einige Künstler*innen, deren Bilanz eben die eines Künstlers ist, und deswegen gezwungen werden, sich zum Altenpfleger, Kinderpfleger, Kloputzer weiterbilden zu lassen, um als solche ihr Dasein fernab aller Kreativität zu fristen. Bestenfalls werden sie so Wochenend- oder Hobbykünstler, deren Schaffen nichts Halbes und nichts Ganzes ist.

[…]

Ein Land, das sich stets darauf beruft, das der „Dichter und Denker“ zu sein, das sich stolz geschwollener Brust in die vorderen Reihen stellt und seine Künstler lobt, seine kulturelle Tradition in alle Himmel hebt, lässt dieselben am ausgestreckten Arm verhungern und schlimmer noch: es geißelt sie, es peinigt sie, es macht sie lächerlich, stellt sie bloß und reduziert den Ruf. „Oh sie sind Künstler?! Sie schlafen also bis Mittags, spielen dann mit Pinsel und Farbe und machen sich gegen fünf die erste Flasche Wein auf, um sich dann im Laufe des Abends vollends abzuschießen!“ …“

Die gesamte Kolumne finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Stef Schmidt

„Outscapes“-Magazin #4: in Kürze lieferbar

Mit unserem in Kürze erscheinenden und bereits jetzt vorbestellbaren Vierteljahresmagazin für Alternativkultur „Outscapes“ #4 schließt sich quasi das Jahresrad. Einmal mehr um vier Seiten gewachsen, konnten wir für die 4. Ausgabe den Forensiker Mark Benecke für ein langes Interview zu(m Zustand de)r Kunst der schwarzen Szene gewinnen, aber auch Eddie vom Jenaer („Wir sind kein Punk-)Label(!“) „Majorlabel“, Romina Nikolić zur wahrhaft hochästhetischen Anthologie „Radiance“ zur Serie „Hannibal“, Autorin Kathy Kahner zum Dadaismus ihrer Texte sowie den Dresdener Allroundkünstler Schmuddl zum Fraß der Gentrifizierung am Beispiel der Dresdener Neustadt befragen. Einmal mehr ein spannendes Magazin, welches neben genannten Protagonisten selbstverständlich auch in Sachen Kolumne, Rezension, Lyrik und Kulturkritik nicht zu kurz kommt.

Abonnieren lohnt sich (nicht zuletzt wegen der Verlosung eines aktuellen, handsignierten Mark Benecke-Buches) 🙂 – Empfehlung!

Vorankündigung: Verlosung handsigniertes Mark Benecke-Buch

Wir freuen uns, im Rahmen unseres in Kürze erscheinenden „Outscapes“-Magazins #4 unter den ersten zehn Neu-Abonnenten* ein handsigniertes Exemplar des aktuellen Buches von Mark Benecke, „Mumien in Palermo„, verlosen zu können. Unser Jahresabonnement kostet 10€, unser Jahresförderabonnement kostet 30€ (inkl. eines 10€ Shop-Gutscheins). Sie brauchen nichts weiter zu tun, als eine Mail mit dem Abowunsch und Ihre Anschrift an info[at]outbird.net zu schicken oder das Abonnement Ihrer Wahl in unserem Onlinestore auszuwählen.

Einsendeschluss und Bekanntgabe des Gewinners* sind der bzw. erfolgen am 15. August 2017. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Wir wünschen viel Glück!

*Gemeint sind – selbstverständlich – immer alle Geschlechter.

Ausblick #4: Interview mit Mark Benecke

Wir freuen uns sehr, für Ausgabe 4 unseres „Outscapes“-Magazins Mark Benecke im Interview-Porträt ankündigen zu können (vielen herzlichen Dank, Bianca Stücker!). Unser Redakteur M. Kruppe interviewte den überaus bekannten Forensiker in Erfurt, und stellte ihm natürlich nicht all diese Fragen erneut, die er seit Jahren den Medien zum Besten gibt, sondern legte den Schwerpunkt ganz der Philosophie unseres Magazins entsprechend auf Beneckes Sichtweisen, Erfahrungen und Verbindungen mit der und zur alternativen Kunst und Kultur. Das Interview beleuchtet nicht zuletzt neue Facetten des Menschen Benecke und wird neben weiteren spannenden Machern unsere kommende Ausgabe um weitere vier Seiten reichhaltiger machen.

Abonnieren Sie uns! Damit sind Sie vorn dabei, erhalten das Magazin bequem und pünktlich postalisch, unterstützen unsere Herzblutengagement für alternative Kreativwirtschaft und erhalten, beispielsweise beim Jahresförderabonnement, zusätzlich als Dankeschön einen Geschenkgutschein für unseren Onlineshop.

Vielen herzlichen Dank!

Bildnachweis: Ines Benecke (Im Bild: Mark Benecke, M. Kruppe und Ines Benecke)