[ Rezension ] Christian von Aster (Hrsg.) „Boschs Vermächtnis“

[Vorliegende Rezension ist ebenfalls in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen.]

„Es gibt Werke, die einen ein Leben lang nicht mehr verlassen. Sie schlummern vielleicht manchmal nach der Erstentdeckung Jahre vor sich hin, aber sie gehen nie ganz fort. Beispielsweise „Märchen aus 1001 Nacht“. Ich liebte sie und tue es noch. Erst unlängst nahm ich es wieder in die Hand, bevor andere spannende Stoffe die Hoheit übernahmen. Eines dieser spannenden Neuerscheinungen war und ist „Boschs Vermächtnis“ unter Christian von Asters Herausgeberschaft, ein Buch von mehr als 400 Seiten. Von Aster, dem Hieronymus Bosch im Alter von 14 Jahren ins Leben trat, trug sich lange Jahre mit dem Gedanken, Bosch zum Thema seiner literarischen Arbeit zu machen, bis diese Idee eines Tages herangereift war.

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Was heute nun vor mir liegt, ist ein Prachtwerk, dass mit AutorInnen wie Luci van Org, Sonja Rüther, Michael Schweßinger, Alex Jahnke, Vera Wehberg, David Gray, Astrid Mosler oder Christian von Aster selbst nicht nur einige der besten ErzählerInnen der deutschen Gegenwartsliteratur versammelt, sondern auch mit einer bestechenden Vielfalt Bosch´scher Deutungen aufwartet, die sich in eine schier unerschöpfliche Vielfalt fantastischer Geschichten ergießt. Oft wähnt man sich von mittelalterlichen Welten umgeben, folgt auf dunkle Pfade zwischen Bedrohlichkeit, Untergang und der Suche nach Erlösung, folgt den Charakteren oder vielmehr DEM Charakter auf psychedelische Rauschfahrten oder durch ihre Wahnvorstellungen. Dann wieder wird man in eine überirdische Nummer zweier Frauen auf dem Boden eines Museums hineingezogen, die in den Seelenverkauf einer ausgebrannten und ausgehungerten Spieleentwicklerin mündet, findet sich Seiten später in einem endlos bösen Trip Boschs wieder, der nur erahnen lässt, wie besessen dieser kongeniale Künstler gewesen sein muss (oder könnte?), um wiederum Seiten später vom obsessiven Briefwechsel zwischen Johanna I. von Kastilien und Hieronymus von Bosch mitgerissen zu werden.

„Boschs Vermächtnis“ besticht in vielen seiner fantastischen Erzählungen durch die wechselnden Perspektiven und Ebenen, die sich durch den Erzählsog mitunter erst später auflösen. Oft musste ich erst wieder auftauchen ins Jetzt und Hier, wenn ich in eine dieser Geschichten geraten war. Um festzustellen, dass man sich auf dieses Buch nur voll und ganz einlassen kann. Ich schätze, man würde – beispielsweise in der U-Bahn – die Welt mit all ihren Pflichten um sich herum vergessen und am Abgleich mit derselben scheitern. Vielleicht erklärt sich damit auch die Magie des Triptychons „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch: Sein weltberühmtes wie seinerzeit provokantes Gemälde wie auch dieses Buch schillern in so unendlich vielen Facetten, dass es einem Trip gleicht, ein vollendetes Verständnis davon erlangen zu wollen.

Man kann es als Geschenk verstehen, dass man dieses wundervolle Buch niemals ganz entschlüsseln wird, allein schon weil Bosch nur noch als herausragende Künstlerlegende existiert. Und – für mich – jetzt schon ein ähnlich starkes Schlüsselwerk wie ebenjene „Märchen aus 1001 Nacht“. Das nicht zuletzt dadurch glänzt, Bosch eine mehr als gebührende Erinnerung zu verschaffen.

Die Rezension schrieb Tristan Rosenkranz. Mehr Themen und Interviews finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird].
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Kai-Uwe Kohlschmidt „Kunst im Hauptberuf“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf seine Hörbücher in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto)]

„… Und das war dann eher so der Sound, den wir uns reinzogen. Da gab es dann auch dementsprechend schräges Personal. Und in der Boheme der Künstler, der Maler wuchsen wir dann eben ohnehin in einem Denken auf, dass die Künste sich überschneiden, dass es Crossings gibt. So kamen wir dazu, schon 1988 auch Performances zu machen. Das war dann eben so eine Art Labor, in dem wir dann Sachen ausprobierten, die später bei Sandow auch zum Tragen kamen. Wir haben dann Instrumentarien ausprobiert, Sprache untersucht und so war das immer eine permanente Entwicklung. Ebenfalls 1988 kam dann Theater dazu. 1991 habe ich schon die erste Filmmusik geschrieben, damals noch für einen Studentenfilm. Und so kommt es mit der Zeit, dass auch Leute an dich herantreten und dich fragen, ob du dir vorstellen kannst, mit ihnen zu arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein Kontinuum, und nicht wirklich etwas, das man sich ausgedacht hat, unter dem Motto: „Ich werde ab jetzt …“. Der Kreis von Leuten, die mit dir etwas machen wollen, wird immer größer.

Ich hatte auch immer wieder Heurekas. Zum Beispiel 2004 am Nanga Parbat. Da wollte ich ja „die Sinfonie der Todeszone“ schreiben (http://www.alpinclub.com/pdf/kunstexp.pdf), mit Sounds rund um die Bergsteiger und solchen, die ich selbst in 4500 m Höhe aufnehmen kann. Dann wurde das aber ein Hörspiel, weil sehr dramatische Dinge passiert sind und plötzlich erinnerte ich mich auch wieder, dass mir das ja liegt, also, das Schreiben. Ich hatte das schon länger nicht mehr gemacht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren nicht mehr geschrieben. Freilich Songtexte, aber nicht Dramatik und dann war das irgendwie eine Entdeckung. Auch die Entdeckung, sich fortzubewegen in schwerem, kompliziertem Habitat, in der Wildnis. Dieses Wachsein, diese Befreiung von Routine und diesem routinierten Denken, das war eine recht maßgebliche Entdeckung.

Was bedeutet Kunst bzw. künstlerische Arbeit für dich? Würdest du das, was du tust, jetzt mal unabhängig von der Bezahlung, als Job, als harten Beruf bezeichnen, oder macht dir alles Spaß und wird somit eher zu einer unvermeidlichen Sache … gewissermaßen einer Passion, die den positiven Nebeneffekt hat, davon leben zu können?

Wie Bukowski sagte: „Du kannst dich nicht dafür entscheiden. Wenn überhaupt wird es sich für dich entscheiden.“ Die ersten 15 Jahre sind verdammt trocken. Trocken in Sachen Geld verdienen meine ich. Das ist schon recht hart, weil du lange überhaupt kein Geld verdienst. Manchmal verdienst du etwas und dann reicht das auch mal ein halbes Jahr. Aber dann ist es auch wieder vorbei und was machst du dann? Auf die Baustelle willst du auf keinen Fall zurück und dann gibt es eben all die Künstler-Jobs. In diesen 15 Jahren entscheidet sich das dann eben, aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit. Es ist also keine Sache des Daran – Glaubens, keiner tut sich so etwas freiwillig an, viel zu schreiben und keiner liest es, oder viel Musik zu machen und keiner kommt zu deinen Konzerten, und das in Verbindung mit dem immensen Arbeitsaufwand.

Ich selbst bin jetzt in der Lage, dass ich ein sehr reiches und ausgefülltes künstlerisches Leben habe, mit immer wieder neuen und abwechslungsreichen Projekten. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen und ich hätte es mir auch so nicht ausdenken können, weil manche Dinge ja erst entstehen, indem du dich mal ordentlich ins Gebüsch schmeißt, weil da kein Weg ist. Und plötzlich entsteht da ein Weg.

Also könnte man sagen, dass du dich mit deiner Kunst und deine Kunst sich mit dir entwickelt hat?

Das ist bestimmt richtig, ja. Ich hatte ein Stück weit auch großes Glück, denn es betrifft ja nicht nur Fleiß oder Talent. Es betrifft ja die Tatsache, dass man die richtigen Leute trifft und man manchmal die falschen Leute auch wieder abstößt und sich auch mal durchsetzt in Momenten, in denen man lieber sterben als leben möchte. Nicht unwichtig ist auch, dass man sich nahezu von Allem inspirieren lassen kann. Und das muss nicht immer nur Kunst sein. Das kann zum Beispiel auch eine Landschaft sein.

Wer oder was inspiriert dich noch, also mal abgesehen von Landschaften und Reisen? Gibt es so etwas wie Hauptinspirationspunkte für dich? Welches war zum Beispiel dein zuletzt gekauftes Buch, deine zuletzt gekauftes Album?

Ich habe zuletzt von Jörg Friedrich „Der Brand“ gelesen, ein Buch über den Bombenkrieg, vor allem den alliierten Bombenkrieg und das in einer Sprache, die wahrscheinlich seit Golo Mann kein Historiker mehr hervorbrachte. Er zeigt auf, was dieser Bombenkrieg für Konsequenzen hatte und das ist dann so ein Moment, wo ich länger darüber nachdenke, weil es mir keiner vorher so erzählt hat. Und manchmal schlägt sich so etwas dann auch in Dingen nieder, die ich tue. Das kann auch mal zehn Jahre dauern, denn es geht auch darum, Muster zu erkennen in einer recht chaotischen Welt und manchmal dauert es eben, das jeweilige Muster zu erkennen und das dann auch abzugleichen. Ich bestehe immer auch auf eigenen Erfahrungen. Alles, was so auf dem Bildschirm gesehen werden kann, ist zwar auch Futter, aber vieles wirklich selbst gesehen zu haben, ist wesentlich elementarer.

Du spielst ja neben den vielen anderen künstlerischen Arbeiten und Sandow in zwei weiteren Bands. Bei allem, was du tust, gibt es ein einzelnes Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Ich glaube das sind immer die Tage, an denen man sich mit Inspiration betankt. Wenn ich auf einer Mangan25-Reise (siehe unten) bin zum Beispiel, dann wird daraus ja nicht nur ein Hörspiel. Da fließt vielleicht was zu Sandow rüber, manches geht komplett in den Kompott-Keller oder ins geistige Archiv und wartet dort auf Verwendung. Und da ich immer mit einer Thematik reise, ist das eigentlich immer das Spannendste. Was ich auch sehr mag ist, wenn Arbeiten sich finalisieren, wenn die Mischung kurz vorm Ende steht, wenn der Rohschnitt also steht und man das Werk zu spüren beginnt und alles, was man zum Beispiel zwei Jahre zuvor begonnen hat allmählich seinen Charakter entblößt. Das ist eben wie der Stein an dem man meißelt, oder ein anderes Material… das Material bringt ja auch ein eigenes Leben mit und deswegen ist es immer auch wieder überraschend, wenn dann alles zusammenkommt.

Gibt es bei dieser Fülle an Arbeit eigentlich auch den Privatmann Kai-Uwe Kohlschmidt, der sich Auszeiten nimmt, in denen er nicht über Projekte, Band, Musik, Texte, Features und so weiter nachdenkt? Hast du überhaupt Zeit für Auszeiten? Kannst du „abschalten“ wie man sagt und wenn ja, wie sieht das aus?

Das brauche ich eigentlich kaum. Das letzte Mal im Urlaub war ich, glaube ich, 1990 oder `93. Hin und wieder sind wir auch mal mit den Kindern verreist, dann aber auch meist nur ins Waldhaus meiner Eltern, um mit den Kindern Ferien zu machen. Wenn ich abschalte, mache ich etwas auf der Hazienda hier zu Haus, hacke Holz oder so was… (lacht).

Also gibt es schon so Tage, an denen du nichts machst, an denen du sagst „Heute lege ich mal die Füße hoch“?

Es ist immer gut, wenn man am Tag öfters mal für eine halbe, dreiviertel Stunde etwas anderes macht, das hilft schon. Wir wohnen hier an einem See, quasi wie im Urlaub und hin und wieder gehe ich ne Runde segeln oder treffe Freunde.

Kommen wir noch kurz zum Thema Reisen. Das scheint ja eine deiner Passionen zu sein. Du warst in den letzten 14 Jahren unter Anderem in Schottland, 2016 Papua Neuguinea, 2015 Maputo (Mosambik), 2014 Gotland / Christians Oe, 2013 Grenzland (Neisse), 2012 Namibwüste / Naukluft (Namibia), 2012 Grenzland (Oder), 2011 Rub-Al-Chaly (Vereinte Arabische Emirate), 2010 Anden / Regenwald (Venezuela), 2009 Spitzbergen (Arktis), 2008 Simpson Wüste (Australien), 2004 Nanga Parbat (Pakistan) … Bei vielen deiner Trips entstanden Radio-Features oder Hörspiele. Waren das Aufträge oder hast du hier das Nützliche mit dem Wesentlichen verbunden?

Es gibt schon auch Reisen, bei denen ich vorher keinen Sender hatte und ich mir sagte: „Das mache ich trotzdem, das wird schon.“ Das war zum Beispiel so, als ich nach Venezuela ging. Und diesen Stoff habe ich bis heute noch nicht verkauft. Ich müsste die Zeit finden, ihn nochmal neu anzugehen. Natürlich war die Reise nicht umsonst. Da ist ja zum Beispiel auch ein Text für Sandow entstanden. Vielleicht mache ich auch ein Theaterstück draus. Man muss einfach die richtigen Leute dafür finden.

Also das passiert durchaus. Aber dann gibt es eben sehr erfolgreiche Arbeiten, die finanzieren dann solche Ausfälle mit. Im günstigsten Fall, und das ist in zwei von drei Fällen so, habe ich einen Sender, der mir sein Vertrauen ausspricht und sagt „Das machen wir.“

In der Anfangszeit war das natürlich wesentlich schwieriger als heute. Es wird zunehmend gedeckter.

Bist du damals an die Sender herangetreten?

Ja na klar. Am Anfang hast du da erst mal niemanden, du weißt noch nicht mal, wo die Tür ist, geschweige wie derjenige heißt, zu dem du willst. Und selbst wenn, bist du dann auch nur jemand auf einem gigantischen Stapel.

Ihr habt 2004 die Künstlergruppe Mangan25 gegründet, die „bereisbare Erfahrungsräume aufsucht und ungewöhnliche Landschaften, schwer zugängliche Habitate und Expeditionen im Grenzbereich in ihren Fokus stellt“, wie der Webseite zu entnehmen ist. Ist diese Gruppe eigens ein Produkt deiner Reiselust oder entstand dieses Kollektiv quasi „nebenbei“?

Wir hießen erst recht umständlich und unglücklich „Deutsche Künstlerexpedition“, als wir 2004 zum Nanga Parbat fuhren. Danach haben wir eine gemeinsame Performance gemacht und hatten, auch in anderen Sparten, recht viele Arbeitsergebnisse. Und so dachten wir, dass wir nun einen richtigen Künstlergruppennamen brauchen und haben dann Mangan25 als Namen erwählt. Das ist aber auch eine eher lockere Vereinigung, also, wir kein sind Kunst-Verein mit Reise-Abo. Das hängt immer am Thema, wer fährt.

Was ist deine Intention in Sachen Reisen? Würdest du sagen, dass du eine Art Fernweh hast? Was zieht dich weg und wie wählst du deine Ziele aus?

Mich interessieren einfach immer bestimmte Themen und nach 14 Expeditionen kann man sagen, dass es da eine Tendenz zu historischen Themen gibt. Mein Vater ist ja auch Historiker, vielleicht gibt’s da auch eine erbliche Bestimmung.

Manchmal sind das Stoffe, die ich eher zufällig entdecke, manchmal aber suche ich auch direkt danach. Manchmal interessiert mich auch eine Landschaft und ich schau dann, ob es einen Stoff in der Gegend gibt. Und man kriegt inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis richtig viele Tipps und Anregungen.

Ich bin jedenfalls kein Geschichten-Nacherzähler. Das muss dann schon auch etwas mit mir zu tun haben. Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit Heute zu tun hat, selbst wenn die Geschichte 300 Jahre früher spielt. Und so habe ich etwa 10-15 Reiseideen, die vor sich hin gären, die aber noch nicht ausgereift, angereichert sind.

Gibt es denn konkret schon ein nächstes Ziel?

Ja, wir werden dieses Jahr nach Amerika gehen, also in die Vereinigten Staaten. Das sind zwei sehr schöne Geschichten, die ich jetzt aber nicht erzähle. In der Branche wird man auch mal abgeschöpft.

„Reisen fördert die Kreativität“, würdest du diesen Satz bestätigen?

Fürst Hermann von Pückler hat einmal gesagt: „Es geht nicht ums Reisen, es geht ums gereist zu haben.“ Er meint damit vor allen Dingen, dass Reisen sehr lange in einem nachwirkt. Papua-Neuguinea ist nun schon eine ganze Weile her, aber das hat so ein langes Echo in mir nach wie vor. Oder auch, wenn du am Nanga Parbat bist.

Es geht nicht darum, dass so innere Postkarten immer wieder hochfahren, sondern darum, dass man da echte Erkenntnisse erlangt hat und zwar die Eigenen und manche sind dann freilich auch mit Mühsal verbunden und mache auch mit Gefahren, auch, wenn wir die nie bewusst suchen. Und genau das kann man auch nur in eben dieser Form erleben. Das hilft, Muster zu erkennen. Wenn man beispielsweise im Fernsehen etwas über Schiiten und Sunniten sieht und hört, dass die sich da aufs Dach hauen… also ich war bei Schiiten, ich war aber auch bei Sunniten und zwar in Pakistan, wo es auch echt richtig gekracht hat und man hat plötzlich eine ganz klare Vorstellung und nicht diese Abziehbilder. Man weiß, dass die ja letztendlich auch eine Kultur verteidigen müssen. Eine komplett eigene Kultur, mit ganz eigenen Linien und Strukturen. So was kann dir kein schlaues Buch erzählen.

Was wünschst du dir für die Zukunft, vielleicht auch für dich ganz persönlich?

(überlegt) … Wünschen ist halt immer so etwas Profanes. (Lacht) Man wünscht sich, dass alles gut ist im Leben und dass man noch viele Entdeckungen vor sich hat. Das Meiste muss man sich erarbeiten.“

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Roberto Schirdewahn.
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Jennifer Sonntag „Individuelle Pfade der Selbstbestimmung“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf ihr aktuelles in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Seroquälmärchen“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Als blinder Mensch kann man quasi schon den Strick um den Hals haben und die verantwortlichen Therapieeinrichtungen lehnen einen ab, weil sie sich mit nichtsehenden Patienten überfordert sehen. Die Berührungsängste in den Köpfen des Klinikpersonals sind hier die eigentlichen Barrieren.
Als Inklusionsbotschafterin wünsche ich mir den Zusatz im Portfolio aller Kliniken auch in anderen medizinischen Bereichen, in denen es oft die gleichen Probleme gibt: Wir öffnen uns der Barrierefreiheit und sind für Menschen mit Behinderungen gern Ansprechpartner. Leider ist dies noch alles andere als selbstverständlich und natürlich müssen auch für die Kliniken vertretbare Bedingungen geschaffen werden.

Die beinahe surrealen, zerbrechlich-zarten Illustrationen fertigte Franziska Appel an, ebenfalls Hallenserin und Trägerin des Inklusionspreises. Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit, was verbindet Euch?

Willst du das wirklich wissen? Das ist nicht ganz jugendfrei! Menschen die etwas miteinander anfangen können erkennen sich glaub ich am Geruch. Darf ich das kurz erklären? Um das Unschöne besser beim Kragen packen zu können, befasse ich mich sehr intensiv mit Schönem und das definiere ich nach meinen Sinnesfreuden. Ich feiere meine Sinnesfreuden und veröffentliche auch erotische Kurzgeschichten. Mit meinem sehenden Partner habe ich erotische Kohle- und Kreidezeichnungen zu unserem Buch „Liebe mit Laufmaschen“ angefertigt. Wie man als blinde Zeichnerin mit einem sehenden Partner auf Papier agiert und mehr zu meinen erotischen „Eskapaden“ findet man auf der Website „Liebe mit Laufmaschen„. Und hier kommt auch Franziska Appel ins Spiel. Da auch blinde Menschen an erotischen Bilderwelten interessiert sind, hat sie unsere Zeichnungen für die blinden Besucher unserer Homepage wunderbar wortmalerisch beschrieben. Für blinde Menschen Bilder zu beschreiben und dann auch noch erotisch, das ist nicht einfach und es ermöglicht einen wahnsinnig aufregenden Dialog. Aber mit Franzi und mir ist es eine Art magnetische Anziehung und wir passen mit unseren Ideen immer wie ein köstlicher Cocktail zusammen. Sie kann nicht nur super Bilder beschreiben und Texte verfassen, sie ist eine sehr vielseitige Malerin und Zeichnerin und für mein „Seroquälmärchen“ fragte ich sie ob sie sich vorstellen könnte für mich Bilder zu entwickeln, die so oder so ähnlich auch in einer Psychiatrie hätten entstehen können. Wir verstehen uns in dieser Hinsicht blind und Franzis Stifte machen meine Gedanken immer wieder auf beeindruckende Weise sichtbar.

Stichpunkt Depression: Depression ist ja schon für Menschen ohne Behinderung ein schwarzes Monster; wie kann Mensch sich das zuzüglich einer Behinderung vorstellen? Haben es Menschen mit Behinderung ungleich schwerer, sich Selbstvertrauen und Souveränität anzueignen?

Behinderung plus Depression ist tatsächlich ein ungünstiger Doppel-Whopper. Nicht jeder behinderte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens eine Depression, aber wie bei jedem anderen Menschen ohne Behinderung auch, kann das natürlich vorkommen. Das ist jedoch leider ein Tabuthema und man erlebt den Behinderten lieber als Optimisten und Frohnatur, der seinem Gegenüber mit einem Lächeln auf den Lippen die Befangenheit und die Berührungsängste nimmt. Betroffene fallen tragischer Weise allzu häufig aus dem System, da dieses nur auf „normale“ Depressionen ausgelegt ist. Ich habe psychiatrisch Tätige z. B. oft sagen hören: „Was soll ich denn mit einem Blinden in der Ergo- oder in der Sporttherapie anfangen? Ich weiß doch gar nicht, was ich mit dem machen soll!“ Diese Ablehnungserfahrungen verbessern natürlich nicht gerade das Selbstwertgefühl des Hilfesuchenden, der vielleicht kürzlich durch einen Unfall sein Augenlicht verlor. Ich arbeitete viele Jahre lang in einem helfenden Beruf und musste später leider auch in einer schwierigen Lebenslage am eigenen Leib erfahren wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein und keine zu bekommen, weil man mit der Blindheit fremdelte. Dann kam immer die Aussage: „Ach Sie sehen gar nichts mehr, überhaupt nichts mehr? Dann können Sie nicht kommen, Sie können sich ja gar nicht zu den einzelnen Therapiestationen orientieren und wir haben kein Personal, was Ihnen die Therapieinhalte erklärt“. Ein Mensch mit Behinderung ist auch nur ein Mensch und er kann, wie jeder andere auch, psychisch erkranken. Dabei muss die Behinderung nicht die Ursache sein, sie wiegt aber schwerer in einer depressiven Episode, wenn ohnehin die Welt um einen herum in schwarz versinkt, dann wird man auch die Blindheit nicht gerade als „Lichtblick“ empfinden.

Du bist aufgrund einer Krankheit allmählich erblindet. Wie kann man sich das vorstellen, immer weniger bis irgendwann gar nichts mehr sehen zu können? Wie ist es überhaupt möglich, damit umzugehen und den Lebensmut nicht zu verlieren?

Wir alle verarbeiten herausfordernde Lebensveränderungen in Phasen. Am Anfang ist man natürlich schockiert, will das nicht wahr haben, lehnt das ab, verdrängt, rebelliert, zieht sich zurück, ist neidisch auf alle, die noch sehen können, da ist das volle Programm an Gefühlen dabei. In meinen Vorträgen nenne ich das Modell zur Behinderungsverarbeitung „Hinter den sieben Bergen“ und am Ende des Tunnels ist metaphorisch gesprochen immer Licht, wenn man selber will und sich Zeit gibt. In der Mitte der sieben Phasen kommt die Trauerarbeit, die ist ganz wichtig und auch hier muss man den Gefühlen Raum geben, um in die nächsten Phasen übergleiten zu können. Manchmal stagniert das auch oder man überspringt eine Phase, später beginnt man aber zu schauen, wie man sein Leben neu strukturiert und organisiert, welche Potenziale, Menschen, Talente man aus dem Leben davor mitnimmt, man lernt seine Grenzen zu kommunizieren und viele neue Lichtschalter zu aktivieren. Leben heißt nicht Sehen, man kann blind selbstbestimmt und glücklich leben.
Rückfälle in eine frühere Verarbeitungsphase sind möglich, z. B. wenn ein sehr belastendes Ereignis hinzukommt, etwa Mobbing am Arbeitsplatz, der Tod eines geliebten Menschen, eine zusätzliche Erkrankung. Bei mir war es die Depression, die mich unter Wasser zog und ich kann sagen, die macht es erst wirklich finster, nicht die Blindheit, mit der kann man lustvoll und sinnlich leben, nicht aber mit der Grabesplatte der Depression auf der Seele. Die legte sich auf mich wie ein verzehrender Schleier und das nicht wegen meiner Behinderung sondern wegen einer zermürbenden und unfairen Situation am Arbeitsplatz, die zu einer gesundheitlichen Abwärtsspirale führte.

Eines Deiner Lebensthemen ist (inklusive) Sexualität. Brauchen Menschen mit Behinderung eine Lobby für dieses Thema? Was unterscheidet sich vom sexuellen Selbstverständnis nichtbehinderter Menschen?

Ein großes Anliegen ist für mich die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen, die im Vergleich zu ihren nicht behinderten Geschlechtsgenossinnen überdurchschnittlich häufig von sexuellen Übergriffen betroffen und bedroht sind. Hier spielt die Sozialisation durch Schule und Elternhaus auch eine entscheidende Rolle und die eigene Körperbildwahrnehmung ist im Falle der Blindheit oft auf eine bestimmte Weise durch sehende Bezugspersonen geprägt, die ihre Vorstellungen auf das blinde Mädchen oder die blinde Frau übertragen. Das ist oft gut gemeint, kann aber im negativen Fall nachhaltig Narben hinterlassen. Oft mussten sich blinde Frauen sehr selbstwertschädigende Sätze anhören, wie ich während meiner Arbeit an der Anthologie „Hinter Aphrodites Augen“ erkennen musste. Sie berichteten von Sätzen wie: „Du kannst froh sein, wenn du überhaupt einen Mann abbekommst“, „Deine Augen sehen zum Kotzen aus“, „Als Blinde kannst du keine langen Haare tragen, die kannst du gar nicht pflegen“, „Wer mit einer Blinden zusammen ist, muss ja einen Helferkomplex haben“ oder „Wenn du als Blinde einen kurzen Rock trägst, muss du dich nicht wundern, wenn dir was passiert.“
Mutige Seminarteilnehmer fragten mich manchmal, ob ich überhaupt schon mal einen Freund hatte und wie das so funktionieren kann mit dem Kennenlernen, dem Verlieben, der Sexualität und dem Beziehungsalltag, wenn ich doch blind bin. Nicht selten ging man auch davon aus, dass mein sehender Partner meine Outfits zusammenstellt und mich wie ein Püppchen zurechtmacht und man zollte ihm großen Respekt dafür, dass er überhaupt mit mir zusammen ist. Seine „Lebenslaufmaschen“ waren ihm ja nicht auf die Stirn geschrieben.
All das macht natürlich auch etwas mit dem erotischen Selbstverständnis oder der Selbstbehauptung von Frauen mit Behinderungen und zeigt, dass diese Themen noch nicht ausreichend angenommen und angekommen sind. Ich möchte natürlich in die andere Richtung, ich möchte Frauen und Mädchen mit Behinderungen in ihrer Selbstwahrnehmung und im Ausdrücken ihrer Bedürfnisse stärken und tue dies auch in zahlreichen Projekten, etwa in meiner verschriftlichten Workshop-Sammlung „Der Geschmack von Lippenrot“, die zur Leipziger Buchmesse 2019 erscheint und in welcher ich blinde und auch sehende Frauen zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem äußeren und inneren Spiegelbild anrege.

Liebe Jennifer, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Noch ein Wort zu Veranstaltungsreihen konkret zu Behinderung und Sexualität, ich erhalte dazu häufig Anfragen. Fachvorträge oder Schulungen diesbezüglich biete ich schon deshalb nicht an, weil wir Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich ticken und wie alle anderen auch, sehr unterschiedliche Vorlieben haben. Ich bin nicht der Weisheit letzter Schluss, ich bin nur eine Idee. Aber ich möchte mit meiner Arbeit Türen aufstoßen und Interessierte anregen, dahinter noch viele weitere Türen, Spielräume und Spielarten zu entdecken. Deshalb möchte ich die Lesereihe „Querschnitte für Querköpfe“ meiner „Verlagsgeschwister“ Franziska Appel und Benjamin Schmidt leidenschaftlich empfehlen, denn hier werden zahlreiche dieser Türen und ungeahnte Erkenntnisaugen geöffnet. Wir erfahren, wie sich blinde Menschen erotische Bilderwelten erschließen, wie die Klänge unkonventioneller Berührungen zu Ganzkörperorgasmen anschwellen und wir lernen Querköpfe mit und ohne Querschnittslähmung kennen, die uns eine Menge über Körperflüssigkeiten aller Art erzählen können. Auch wenn dies kein Fachvortrag oder keine Schulung im eigentlichen Sinn ist, so werden doch verschiedenste Aspekte im Zusammenspiel von Sexualität und Behinderung thematisiert und erklärt. Und sind erst einmal die Türen geöffnet und anfängliche Hemmschwellen mit einer Rampe versehen, kann zudem der anschließende Austausch in lockerer Atmosphäre sehr aufschlussreich sein. Neugierig geworden? Interessierte wenden sich bitte an: Franziska Appel (appel.franziska[at]gmail.com).“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: malsehn! Media.
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Tami Weissenberg „Gewalt und neue Wege“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf Tami Weissenbergs in Kürze in unserer „Edition Outbird“ erscheinendes und bereits vorbestellbares Buch „Darjeeling pur„.]

„… Bekommt sie nicht was sie will oder spielt das Umfeld nicht mit, wie sie will, wird sich das Geforderte erzwungen – mit Gewalt. Sie hat schnell erkannt, dass sich Menschen mit Gewalt, Kontrolle und Unterdrückung perfekt kontrollieren und benutzen lassen – und ihr damit jeden Wunsch erfüllen. Wieso sie die Eigenart entwickelte am Höhepunkt ihrer Gewaltexzesse stets ein Abreagieren in Form von Sex mit fremden Männern zu suchen kann ich bis heute nicht erklären. Diese Methode kommunizierte sie jedoch stets sehr offen und lebte dies als völlige Normalität.

War eine körperliche Gegenwehr nie Thema für Dich?

Körperliche Gegenwehr war nie ein Thema für mich. Ich verachte bis heute jegliche Form von Gewalt. Ich lebe streng nach der Annahme, dass sich jegliche Konflikte gewaltfrei lösen lassen. Sie gab mir auch jederzeit unmissverständlich zu verstehen, dass sie – sollte ich mich wehren – mich jederzeit wegen Ausübung häuslicher Gewalt anzeigen würde. Zu oft verletzte sie sich vor meinen Augen selbst, fotografierte dies, und sagte dann das dies ein Beweis wäre das ich sie misshandle, sofern ich mich trauen würde mich zu wehren oder ihre Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Wie bist Du der Situation letztlich entkommen? Welche Hilfe wurde Dir zuteil und wie wirksam sind Therapien in Fällen wie deinem?

Welcher Impuls mich letztendlich hat gehen lassen ist mir bis heute unbekannt. Ich kann nur sagen, dass ich an einem Tag starke Halsschmerzen hatte. Ich war so unendlich sauer, dass ich mir es nicht mal erlauben kann Medizin dagegen zu kaufen (da jede Sekunde meines Tages kontrolliert wurde), dass ich aus einem mir bis heute unbekannten Impuls das Handy ausschaltete und nicht nach Hause fuhr. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte Halstabletten, kaufte mir danach ein paar Unterhosen und fuhr ab diesem Moment nie wieder zu dieser Frau zurück.

Meine größte Hilfe war damals, dass ich all meine Erlebnisse aufschrieb und mich Tag für Tag bewusst mit dem Erlebten auseinandersetzte. Eine Männerschutzwohnung oder gar ein Männerhilfsnetzwerk gab es damals noch nicht. Mit Freunden, Bekannten oder gar meiner Familie redete ich nicht darüber, da ich schnell merkte, dass in der Gesellschaft eine gewisse Ablehnung beim Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ besteht. Eine kurzzeitige Hilfe erhielt ich damals von meiner Arbeitskollegin und deren Mann, welcher Pfarrer ist. Ihnen konnte ich in Bruchteilen erzählen was mir widerfahren ist und ich fand Unterkunft im Pfarrhaus. Ein weiterer wichtiger Hilfsaspekt war eine gezielte Psychotherapie um das Erlebte aufzuarbeiten. Das Niederschreiben meiner Erlebnisse und die gezielte Psychotherapie waren im nachhinein betrachtet eine für mich sehr gute Verarbeitungshilfe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen – und dass ich mich im Nachhinein nicht als Opfer sehe – war mir die beste Basis. Ohne die hätte ich es nie geschafft ein eigenes Hilfsnetzwerk zu gründen.

Wie ist die statistische Opferquote zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?

Anbei ein paar Zahlen aus dem ‚Lagebild Häusliche Gewalt‘ des LKA Sachsen. Dort gab es im Jahr 2016 1804 männliche und 4277 weibliche Opfer über 18 Jahre. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 beträgt die männliche Betroffenheitsquote 25,7%. Überproportional häufig mit 43% werden Männer Opfer in der Kategorie „schwere Körperverletzung“. Um Missverständnissen vorzubeugen sei aber darauf hingewiesen, dass Männer auch etwa 78% aller Tatverdächtigen (bei genereller Gewalt) ausmachen.

Bundesweit lag die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe auf Männer im Jahr 2012 bei ca. 20.000, 2015 lag diese bei ca. 23.000. Sachsenweit wurden letztes Jahr ca. 1.700 Fälle zur Anzeige gebracht, 3 davon endeten tödlich. Auf die Polizeidirektion Zwickau herunter gebrochen gab es 86 Fälle, 61 davon fanden im Vogtland statt.

Im Januar 2018 wurde im Freistaat Thüringen eine Statistik veröffentlicht, aus welcher hervorging, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Die Studie zog sich über den Zeitraum von 2011 bis 2016 und wurde vom Innenministerium sowie der Polizei geführt. Bei den aufgelisteten Fällen handelte es sich u. A. um versuchte und vollendete Tötungsdelikte im sozialen Nahraum (Quelle: www.inSüdthüringen.de ).

Wie schätzt Du die derzeitige Situation in Deutschland, spezielle Mitteldeutschland und Sachsen ein, was Gewalt- und Opferschutz sowie Interventionsarbeit betrifft? Wie weit sind wir diesbezüglich in Sachen Gleichstellung?

Hier muss man eingangs sagen, dass man hier wirklich noch recht am Anfang steht. Sachsen zeigt sich stark engagiert, da es nunmehr seit Ende 2016 ein Pilotprojekt „Männerschutzwohnungen in Sachsen“ gibt, welches vom Freistaat Sachsen finanziert wird. Es existieren zwei Männerschutzwohnungen sowie dazugehörige Trägervereine. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen begleitet das Pilotprojekt fachlich und zusätzlich durch die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen.“ (www.gib-dich-nicht-geschlagen.de). Grundsätzlich können von Gewalt betroffene Männer jede Anlaufstelle aufsuchen die auch Frauen aufsuchen, wie z.B. die Interventions- und Koordinierungsstellen, die es in verschiedenen Bundesländern gibt, sowie die Beratungsstellen der Opferhilfe und des Weißen Rings. Jedoch existiert hier eine große Scham seitens der betroffenen Männer, sich zum einen erst einmal zu outen und zum anderen, sich an eine Stelle zu wenden, welche Gewalt mehr oder weniger im „Allgemeinen“ behandelt.
In Sachen Gewaltschutz sollte es zuerst eine einheitliche Regelung in allen Bundesländern sowie deutschlandweit geben, denn ohne diese Grundlage wird man keine wirkliche Gleichberechtigung schaffen. Sachsen z. B. verfolgt das Thema intensiv. Das Pilotprojekt Männerschutzwohnungen wird 2019/2020 für zwei weitere Jahre gefördert, um noch mehr Erfahrungen für den Betrieb von Männerschutzprojekten zu sammeln. Thüringen als benachbartes Bundesland hat zwar in den letzten Jahren große Versprechungen seitens der Politik gemacht – aber es wurde weder eingehalten noch umgesetzt. Somit musste der Thüringer Männerschutz, welcher in Gera einen sehr guten Anfang nahm und mit einem durchdachten Konzept eine Gewaltschutzwohnung umsetzte, nach nur kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden.

Gerade in Anbetracht der erst im Januar 2018 veröffentlichen Studie, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt im sozialen Nahfeld waren, ist dies nicht nachzuvollziehen. Hier herrscht, neben der allgemein fehlenden Lobby für dieses Thema, ein massives Ungleichgewicht, was die Wichtigkeit des Themas angeht.

Warum haben wir dieses extreme Ungleichgewicht? Abgesehen von der absolut indiskutablen AfD und in Teilen der FDP fahren ja alle Parteien ausschließlich frauenrechtliche Programme – wie kann daraus ein humanistisches Hilfesystem ohne diskriminierende Geschlechtergrenzen entstehen?

Dies ist eine Frage die mich sehr beschäftigt, auf die ich aber keine Antwort parat habe. Ich grüble momentan auch nicht über diese Frage nach, denn sonst wäre die Arbeit die wir leisten nicht machbar – sondern würde mich und uns nur resignieren lassen. Ich denke jedoch das es hier ein grundsätzliches Problem gibt von welchem alles ausgeht: der Mann ist jeher das stärkere Geschlecht. Er ist groß und stark und zeitlebens der Beschützer und Macher in der Entwicklung der Menschheit. Das auch dieser vermeintlich starke Mensch Hilfe benötigt und in Angst, Gewalt und Hilflosigkeit leben kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft praktisch nicht existent – in den Köpfen wie auch im wahren Leben. Dies gilt es zu allererst zu überwinden – es mangelt an Aufklärung.

Welche Akteure arbeiten in Deutschland derzeit am und für den Männerschutz? Wie viele Männerschutzwohnungen gibt es bei wie vielen Frauenhäusern?

In Oldenburg (Niedersachsen) engagieren sich Männer über den Männerwohnhilfe e.V. seit 2002 und bieten seitdem eine Zufluchtsstätte für gewaltbetroffene Männer an. Eine Zeitlang wurde das durch eine Beratungsstelle flankiert, die leider derzeit nicht mehr gefördert wird. In Sachsen betreiben der LEMANN e.V. in Leipzig sowie das Männernetzwerk Dresden e.V. Männerschutzwohnungen für jeweils 3 Männer und bei Bedarf auch ihre Kinder. In Plauen habe ich im Januar 2018 ebenso einen Verein zum Männerschutz gegründet – welcher auch eine Schutzwohnung betreibt. Seit Sommer 2018 existiert eine weitere Männerschutzwohung in Stuttgart, die durch die Sozialberatung Stuttgart betrieben wird. In Berlin und Ketzin (Brandenburg) werden Schutzprojekte ehrenamtlich ohne Förderung betrieben. Die Männerschutzwohnungen in Osterode am Harz und in Gera mussten leider inzwischen aufgrund mangelnder Rahmenbedingungen wieder geschlossen werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 353 Frauenschutzhäuser mit insgesamt über 6.000 Plätze. Hinzu kommen ca. 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. In Deutschland existiert ein sehr dichtes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Den 5 Männerschutzprojekten stehen somit bundesweit 353 Frauenschutzprojekte gegenüber. Politisch und fachlich werden derzeit 3 – 5 Männerschutzprojekte für jedes Bundesland gefordert.

Seit 2016 tauschen sich die existierenden Projekte sporadisch in bundesweiten Netzwerktreffen aus.

Symbolfoto

Du selbst hast in Plauen den Weissenberg e. V. initiiert, in dem zahlreiche hochrangige Fachleute sitzen bzw. ein kompetentes Netzwerk besteht – vom Fachanwalt über Therapeuten bis hin zu Ärzten und Leuten aus Politik und Medien. Darüber hinaus interessieren sich seit geraumer Zeit Leitmedien wie ZDF info, der Spiegel oder MDR Kultur für Deine Geschichte. Wie erklärst Du Dir diesen Zuspruch und dieses Vertrauen?

Ich gehe sehr offen mit meinem Erlebten um, berichte darüber und zeige mich als einen Mensch der daran nicht zerbrochen ist. Ich sehe mich nicht mehr als Opfer – sondern als einen ehemaligen Betroffenen, der noch auf beiden Beinen steht und sein Erlebtes nutzt um anderen Betroffenen zu helfen. Ich glaube, dass diese offene und selbstbewusste Art, die ich zu diesem Thema habe, dem ganzen ein Gesicht gibt – bzw. anfängt, dem ein Gesicht zu geben.

Dieser offene Umgang scheint ein Signal gesetzt zu haben. Ein Signal, was da heißt „dies ist kein Tabuthema“. Und gerade weil es bisher so ein Tabuthema ist, wird es als sehr willkommen gesehen das hier jemand so offen und selbstverständlich damit umgeht. Dies ist der erste Schritt dem Thema ein Gesicht zu geben und eine Lobby zu schaffen. Die Mitglieder und Unterstützer meines Vereines kennen mich als lebensfrohen, witzigen und stets offenen und hilfsbereiten Menschen. Dass auch ich viele Jahre von häuslicher Gewalt und Misshandlung betroffen war zeigt vielen Menschen die Gegensätzlichkeit und Unfassbarkeit auf – besonders im Hinblick darauf, dass es weder einen bestimmten Typ Mensch noch eine gewisse soziale Struktur bedarf, um von Gewalt betroffen zu sein.

Welche Ziele hast du dir über die Errichtung der Gewaltschutzwohnung und das nun erschienene Buch hinaus gesetzt?

Das wichtigste Ziel ist für mich, dass ich durch Offenheit und durch selbstbewusstes Umgehen mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ eine Lobby und ein Gesicht für dieses Thema schaffe. Kein Wegschauen mehr, keine Scham, kein Belächeln – sondern volle Akzeptanz, Gleichberechtigung und vollen Respekt. Jedes Lebewesen auf der Erde hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit !

Tami, wir bedanken uns für das Gespräch und dein Vertrauen.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Privat / Stockbroker.
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Markus Heitkamp & Wolfgang Schroeder „Ist Dabeisein wirklich alles?“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das im Verlag Torsten Low unter diesem Link erhältliche Buch „Phantastische Sportler“ (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

Markus Heitkamp

„… Genau diese Verknüpfung haben wir übrigens bei den beiden Western-Anthologien, die ebenfalls im Verlag Torsten Low erschienen sind, versucht, nämlich Western und Horror (Der Fluch des Colorado River) sowie Western und Steampunk (Dampfmaschinen und rauchende Colts).

Träumt Ihr Fantastik? Quasi so, dass man nachts so manche Idee ausbrütet, die sich später in Büchern wiederfindet? Oder lasst Ihr Euch von Serien, anderen Büchern oder im vorliegenden Fall gar der Sportschau inspirieren?

Wolfgang: Das mit dem Träumen funktioniert bei mir leider nicht, da ich mich in den seltensten Fällen an meine Träume erinnern kann. Allerdings fallen mir beim Einschlafen oft ganze Dialoge ein, die ich dann irgendwie zu notieren versuche. Dummerweise kann ich mein Gekritzel am nächsten Morgen meistens nicht mehr entziffern.
Ansonsten denke ich, dass es kaum einen Autor gibt, der sich nicht von anderen Schriftstellern oder auch von Filmen und Fernsehserien inspirieren und beeinflussen lässt.
Bei mir geht es oftmals in die Richtung von „Was wäre, wenn …“. Was wäre, wenn sich die Figur nicht wie beschrieben verhalten würde, sondern ganz anders oder wenn die Ausgangslage/das Setting für die Geschichte eine vollkommen andere wäre? Wie würde sich die Handlung, wie würden sich die Figuren dann entwickeln?
Bei der Sportschau sind mir diese Gedanken allerdings bisher noch nicht gekommen …

Markus: Auch hier eindeutig beides. Ich wache oft auf und muss zuallererst etwas Geträumtes aufschreiben. Vor dem ersten Kaffee, was für viel undenkbar ist. Von Serien und Büchern lasse ich meist nur visuell beeinflussen, heißt, ich versuche eine Stimmung nachzuahmen oder nachzustellen/schreiben. Was ich an der Frage vermisse, ist, dass man am meisten inspiriert wird, wenn man mit den Kollegen und den Lesern in regen Austausch tritt. Da kommen die besten Ideen auf den Tisch.

Wolfgang Schroeder

Wie muss man sich den Fantastikmarkt vorstellen? Als spleeniges, eigenwilliges Milieu? Er scheint ja seit Jahren kontinuierlich zu wachsen – wie erklärt Ihr Euch die wachsende Begeisterung der Leserschaft?

Markus: Wir sind eben das nicht. Spleenig und eigenwillig. Der Fantastikmarkt ist offen, warmherzig und wesentlich zugänglicher als manch anderes Genre.

Wolfgang: Wie Markus sagt, die Phantastik bietet durch ihre Vielfältigkeit eigentlich jedem, der will, die Möglichkeit, in ihr seinen Platz oder auch seine Nische zu finden. Das ist toll und das macht die phantastische Literatur so attraktiv – für uns Autoren, aber auch für die Leserinnen und Leser.

Wie entsteht eine Anthologie wie die Eure? Schreibt man Verlage an und bittet sie um Streuung eines Aufrufs unter AutorInnen, nutzt man Netzwerke oder nimmt man gar den Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Anspruch?

Wolfgang: Zuerst muss man natürlich eine zündende Idee, einen Aufhänger für die Anthologie haben. Das sollte schon etwas sein, was Autoren dazu motiviert, sich mit einer Geschichte daran beteiligen zu wollen.
Anschließend sollte man versuchen, einen Verleger von dieser Idee zu überzeugen und ihr/ihm die Zusage abzuringen, dass sie/er die Anthologie veröffentlichen wird. Der nächste Schritt ist der Ausschreibungstext, der die Idee näher beschreibt und der die Vorgaben enthält, die die Geschichten zu erfüllen haben.
Dieser Ausschreibungstext muss dann möglichst breit gestreut werden, sei es über soziale Netzwerke wie z.B. Facebook und Twitter, über Autorenforen wie z.B. die „Edition Geschichtenweber“ oder den „Tintenzirkel“ oder aber über (Literatur)blogs, die als Service Ausschreibungen veröffentlichen.
Und dann heißt es warten …

Apropos Netzwerke: Was ist das Phantastik-Autoren-Netzwerk? Was sind seine Aufgaben und Ziele?

Markus: Das Phantastik-Autoren-Netzwerk, PAN. e.V., ist ein Verein zur Stärkung und Vernetzung von Autoren der Phantastik-Branche. Der Verein versucht kurz gesagt, die Autoren der Phantastik Szene in unterschiedlichsten Belangen zu unterstützen und die Akzeptanz der Phantastik dauerhaft zu steigern und auszubauen. Jährlich stattfindende Branchentreffen, Kooperationen mit Verlagen, Teilnahme an literarischen Veranstaltungen und Vernetzung zu anderen Institutionen/Verbänden und Vereinen spiegeln sich in stetig wachsenden Mitgliederzahlen des Vereins wider.

Zahlreiche Texte flattern ins Haus – was kommt dann? Eignungsprüfung, Spannungsbogen ins Skript bringen, Coverentwürfe durchdenken…wielange dauerte es von der Idee bis zum fertigen Buch bei Euch? Welche Aufgaben waren zu bewältigen?

Wolfgang: Die Phantastischen Sportler haben aus organisatorischen und privaten Gründen etwas länger als normalerweise gebraucht, um das Licht der Buchwelt zu erblicken. Die ersten Gespräche mit Markus und Torsten Low als Verleger fanden September 2015 statt, Anfang Oktober ging dann die Ausschreibung online. Wir hatten uns für eine Ausschreibungsfrist von vier Monaten entschieden, was relativ kurz ist. Viele Ausschreibungen laufen ein halbes Jahr und manche sogar noch länger, weil sie thematisch sehr speziell sind oder durch umfangreiche Vorgaben die Autoren zu intensiven Recherchen „zwingen“.
Das war bei den Phantastischen Sportlern nicht der Fall, bis auf das übergreifende Thema haben wir eigentlich keine großen Vorgaben gemacht. Interessant ist übrigens, dass die meisten Autoren ihre Beiträge in der Regel erst wenige Tage vor Ausschreibungsende abschicken, gern auch erst am letzten Tag. Man muss sich also während einer Ausschreibung keine Sorgen machen, dass man nicht genug gute Geschichten zusammenbekommt, der große Packen kommt zum Schluss … Autoren sind halt so.

“Unsere“ Geschichten haben wir gleich nach Eingang gelesen und grob nach drei Kategorien eingeteilt, „muss rein“, „könnte rein“ und „passt nicht so ganz“. Und da Torsten von Anfang an die geniale Idee hatte, das Buch mit zwei Covern auszustatten, haben wir bereits beim ersten Lesen überlegt, welche Geschichte von der Grundstimmung her hinter welches Cover passen könnte.
Von den fast achtzig eingesandten Beiträgen wählten wir zwanzig aus und schickten diese zusammen mit den beiden Geschichten unserer Wunschautoren Luci van Org und David Falk zum endgültigen Abnicken an den Verleger. Und während die Autoren vom Lektorat gequält wurden, haben Chris Schlicht und Detlef Klever unsere laienhaften Coverideen phantastisch umgesetzt.
Womit die Anthologie eigentlich fertig war, aber dann machte uns das Schicksal einen Strich durch die Rechnung.
Doch frei nach dem Motto „Was lange währt, …“, konnten die Phantastischen Sportler die literarische Arena zum ersten Mal auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse betreten. Und seitdem darf der geneigte Leser entdecken, wie vielseitig und faszinierend das Thema Sport in der Phantastik sein kann.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweise: Hanna Nolden / Nina Horvath.
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Benjamin Schmidt „Kreativität als Droge“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf sein aktuelles in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Fick die Musen“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Für Jenny habe ich lediglich das Grafikdesign für ihr wundervolles „Seroquälmärchen“ übernommen. Ich liebe wirklich alles, was sie schreibt und in Zukunft wird es sicher noch die eine oder andere Überschneidung unserer Arbeit geben, weil es einfach eine Herzensangelegenheit ist.

Seit vielen Jahren schon bist Du mit M. Kruppe freundschaftlich und als Autoren- und Tourkollegen verbunden. Die letzte „Sex & Drugs & LiteraTOUR“ ist nun aber schon eine ganze Weile her. Wann gibt´s eine Neuauflage?

Ja, M.Kruppe und mich verbindet eine sehr innige Freundschaft und natürlich bewundere ich ihn auch für seine Texte, die kein anderer so schreiben könnte – davon bin ich überzeugt. Ich trinke oft nach einem Solo-Auftritt den ersten Schnaps auf ihn, aber das habe ich ihm nie erzählt. Die SDL-Touren sind deshalb immer etwas Besonderes für mich und auch in diesem Jahr soll es einige Auftritte geben. Dazu kann ich aber derzeit noch nicht viel verraten.

Leider habt Ihr beim damaligen Tourtermin in Gera die Erfahrung machen müssen, wie ein Veranstalter ganz und gar nicht ticken sollte. Einer Deiner Texte greift das Desaster auf. Was war passiert und was sollte ein Veranstalter unbedingt tun und unbedingt vermeiden?

Haha, nicht nur in Gera. Es gibt hier und da immer mal wieder Probleme, wenn Veranstalter glauben, es wäre die Aufgabe des Künstlers, Werbung zu machen. Meistens ist das Desaster vorprogrammiert, wenn Veranstalter nicht an ihre Veranstaltungen glauben, dann sollten sie diese nicht annehmen. Es ist scheiße, als Künstler irgendwo zu Gast zu sein und dann nicht wie ein Gast behandelt zu werden, sondern wie ein Störelement. Es gibt aber auch wahnsinnig sorgsame und engagierte Veranstalter, was wir auch schon sehr oft erleben durften. Ein fairer Deal und Höflichkeit sind eigentlich schon mal gute Voraussetzungen und wenn es mal nicht so läuft, trotz aller Bemühungen – dann Offenheit und der Wunsch für beide Parteien einen annehmbaren Kompromiss zu finden.

Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Und was magst Du Deiner und unserer Leserschaft mit auf den Weg geben?

Oh je – es gibt so viele Projekte, die in Aussicht zu stellen noch etwas gewagt wären. Das Kunstprojekt mit Franziska Appel liegt aber in greifbarer Zukunft, dazu soll es auch mehrere Lesungen und Ausstellungen geben. Mein Fantasy-Roman wartet auch schon ungeduldig auf Fertigstellung, sowie das ein oder andere musikalische Projekt – sehr spannend also!

Zum Schluss würde ich meinen Lesern gerne mein neues Buch mit auf den Weg geben in der Hoffnung, ihnen damit ein nachhaltiges Lesevergnügen zu schenken – und auch von ganzem Herzen im Interview genannte Künstler empfehlen: Leo Rumerstorfer, Jennifer Sonntag, Franziska Appel, M.Kruppe…

Benjamin, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken. Haut rein!“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Nightqueen.
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Axel Kores & Christoph Liedtke „Zwischen Kontrollabgabe & Neuanfang“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf Axel Kores´ Roman „Verschwendete Jugend“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto). Den Rhizom Halle-Leipzig Youtube-Kanal findet ihr unter diesem Link.]

Axel Kores

„… Das entspricht einer Form von kollektiver Weisheit. Zusammenarbeiten ist eine wunderbare Sache, wenn es funktioniert.

A. K.: Das ist auf Christophs und meinem Mist gewachsen, vermutlich im Proberaum; da haben wir die besten Ideen. „Rhizom Halle-Leipzig“ ist im Grunde nur eine nachträgliche Taufe für die gegenseitige Inspiration zwischen Leuten, die es schon zuvor gab. Wenn so etwas dann einen Namen bekommt, wird es plötzlich greifbar, lässt sich in der Welt verorten. Das erschien uns sinnvoll.
Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

C. L.: Das war mir gar nicht so klar, obwohl ich es mir hätte denken können. Hat uns eigentlich auch nicht interessiert. Die Idee des Rhizoms ist einfach sehr überzeugend. Ich bin während des Studiums darauf gestoßen, als ich mich mit Gilles Deleuze beschäftigt habe. Er und Felix Guattari haben diesen Begriff philosophisch vertieft und als Idee sehr interessant beleuchtet. Das sich davon Menschen inspirieren lassen, kann ich sehr gut nachvollziehen, hat aber nichts damit zu tun, was Menschen damit anfangen. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen dafür, dass auf einer gewissen Ebene Menschen gleiche Ideen befürworten.

Wie seht ihr das? Meint ihr, das ist ein Risiko oder seht ihr darin vielleicht sogar einen Vorteil?

C. L.: Risiko, vielleicht insoweit, dass man uns im Internet schwerer findet, aber daran soll die Unternehmung nicht scheitern. Ein Vorteil könnte darin liegen, dass ähnliche Ideen natürlich verbinden, aber ich hab mich bisher noch nicht mit anderen Kollektiven beschäftigt, das könnte man durchaus in Betracht ziehen.

Christoph Liedtke

Wer waren Deleuze und Guattari und wo seht ihr euren Verknüpfungspunkt zu den beiden?

C. L.: Deleuze und Guattari, Philosoph und Psychoanalytiker, haben in einer Co-Autorenschaft über diese Idee geschrieben. Der wichtigste Gedanke für uns daran war, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Ariadnefaden, aber auch als einen Raum der Vernetzung und zufälligen Begegnungen, in dem Ereignisse aufeinandertreffen können. Eine Art Generator, der die Karten neu mischt.

Genug des Theoretischen. Was wollt ihr erreichen, habt ihr Ziele und Strategien, diese zu erreichen? Was genau steht hinter Rhizom Halle-Leipzig? Gibt es kurz-, mittel- und langfristige Pläne?

C. L.: Wir verstehen uns als Plattform für künstlerisches Handeln. Wir verstehen künstlerisches Handeln ganz allgemein als Vorschläge, mit dem was da ist umzugehen. Der Künstler ist für mich jemand, der das Nichtkönnen kann und dafür nach neuen Ansätzen sucht, wie man das anstellt. Da draußen ist Chaos und Absurdität, der Künstler geht raus und macht was draus. Jenseits von „Ismen“, Gott und Utopie. Unsere Strategie: Alles was nützt, im Rahmen unserer Werte und Fähigkeiten Menschen zu mobilisieren, ihr gestalterisches Potenzial zu vergegenwärtigen, dass es besser wird, als es ist. Ich denke, alle Kunst zielt darauf ab, den Menschen zu erheben.

A. K.: Hinter allem steht im Grunde der Wunsch nach Verknüpfung. Rhizom soll möglichst interdisziplinär werden und wir stehen noch am Anfang der Reise. Im Videoformat lassen sich Arbeiten bestens dokumentieren bzw. präsentieren – deshalb der Youtube-Kanal. Wir haben mit den musikalischen und literarischen Projekten begonnen. Das muss wachsen. Verbissenheit ist uns jedoch fremd – es geschieht oder geschieht nicht. Wir experimentieren intuitiv und schauen, was sich auf der Bühne miteinander verbinden lässt.

Wie viele KünstlerInnen sind derzeit im Kollektiv aktiv, was machen sie, woher kennt ihr sie?

C. L.: Wir stecken in den Kinderschuhen und haben Frauenmangel. Es gibt einen organisatorischen Stamm und dann alle die bei Veranstaltungen auf der Bühne stehen. Du hast ja auch schon dazugehört (lacht).

Wieso Halle-Leipzig? Was ist der Beweggrund, Leipzig mit einzubeziehen, dass ja in Sachen Kunst schon ein bisschen overdosed ist? Also ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, aber die zunehmende Gentrifizierung hat in Leipzig ja nun schon erschreckende Ausmaße angenommen, was in Halle glücklicherweise (noch) nicht der Fall ist.

C. L.: Das ist lediglich eine lokale Verortung. Ein paar von uns kommen aus Leipzig. Was die da mit den Mietpreisen machen ist blöd, soll uns aber jetzt nicht davon abhalten. Uns interessieren da die Menschen.

A. K.: Diese Region ist sehr speziell und voller querschießender Energien, wie ich finde. Beide Städte liegen so dicht beieinander, dass sie in subkultureller Hinsicht gewisse Symbiosen bilden – spannende Wechselwirkungen, die man nur selten findet. Es gibt in unserem Umfeld etliche Leute, die sowohl hier, als auch dort aktiv sind. Da öffnen sich interessante Aktionsradien.

Seht ihr die Gefahr der Gentrifizierung auch für Halle und wenn ja, was meint ihr, wann es so schlimm sein wird wie in Leipzig? Und habt ihr vor, dem entgegenzuwirken? Wenn ja, wie?

C. L.: Das überschreitet meine Kapazität. Bevor ich mich direkt gegen Gentrifizierung engagiere, setzte ich mich in ein Schlauchboot und versuche damit, Öltanker zum Kentern zu bringen. Vielleicht gebe ich mal ein illegales Konzert auf ´nem Dach, aber dann würde ich auch eher Freedom und Peace von den Dächern schreien, als „Stoppt die Gentrifizierung“ (lacht). Bevor die Probleme nicht real sind, mache ich da wenig, es gibt einfach zu viele Probleme, für deren Lösung man sich einsetzen könnte.

A. K.: Gentrifizierung ist auch hier in vollem Gange. Ich will jetzt nicht zur umfassenden Kapitalismuskritik ausholen; aber die Raffgier hat sich an Allgemeingütern, zu der bezahlbarer Wohnraum definitiv gehört, einfach nicht zu vergreifen! Wenn wieder mal ein Hausprojekt platt gemacht wird, müssen alle loslegen, um das zu verhindern.

Halle ist das neue Leipzig. Würdet ihr dem zustimmen?

C. L.: Ich vergleiche diese zwei Städte ungern. Beide haben ihre Vorzüge und ich glaube nicht, dass Halle sich so urbanisiert wie Leipzig. Braucht es auch nicht, denn die Städte sind auch nur ´ne halbe Stunde voneinander entfernt und da ist es auch gut, dass sie verschieden sind.

A. K.: Ich halte wenig von solchen Vergleichen. Der Halle´sche Blick auf Leipzig ist häufig ein defätistischer; und ich frage mich stets: Warum? Man schwirrt doch eh in der halben Welt rum und erkennt überall Vielfalt. Wenn es jetzt heißt: Halle ist im Kommen. Umso besser! Hier geht auf jeden Fall was. Das ist allerdings schon seit Jahren so.

Allgemein gefragt: Kunst ist ein wirtschaftlich schwieriges Metier. Könnt ihr von eurer Kunst und dem, was ihr tut, leben?

C. L.: 2016 hab ich mein Studium beendet, vieles beginnt gerade anzulaufen. Davon richtig leben kann ich noch nicht. Viele Sachen die ich mache haben auch nichts mit „Schöner wohnen“ zu tun, da muss ich einfach durchhalten.

A. K.: Vom Grafik-Design kann ich leben. Vielleicht kommt in Sachen Literatur und Musik langfristig mal was rum. Aber was soll´s? Man fällt eh irgendwann einfach um, und das wird vermutlich deutlich vor ´m Renteneintrittsalter sein, gell. (lacht)

Wer oder was inspiriert euch?

C. L.: Das Geräusch von klappernden Pflastersteinen, wenn man mit dem Fahrrad darüber fährt.

A. K.: Brillanter Humor, der das Leid auffrisst.

Ich hörte, dass eure Band Klinke seit einigen Monaten immer erfolgreicher wird. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben und was meint der Begriff Erfolg in eurem Sinne?

C. L.: Axel hat das notiert: Irgendwas mit „Tataminimo mit autistischer Stimme und Hang zur Manie und Repetition“. Erfolg wie wir ihn verstehen, ich sag mal … Anerkennung und Moneten dafür was wir tun, ohne dabei unsere Seele an Dieter Bohlen zu verscherbeln.

A. K.: Christoph hat´s schon angedeutet. Ich konkretisiere: Klinke ist Post-Voodoo-Kraut mit autistisch beseelter Stimme und gesunder Aversion gegenüber Hörgewohnheiten – dekonstruktivistisches Tata-Minimo mit Hang zum Zwang. Erfolg ist, wenn man den ganzen Saal zum Explodieren bringt und das schon als Vorband.

Abschließend: Kann man Mitglied bei Rhizom Halle-Leipzig werden und wenn ja, was setzt das voraus? Was muss ich mitbringen, können und wollen, um mich dem Kollektiv anzuschließen?

C. L.: Er, Sie, Es sollte Telefonbücher zerreißen können, wir nehmen aber auch Leute auf, mit denen wir gerne Ideen aushecken und verrückt genug sein können, „es“ durchzuziehen. Ich glaube, das ergibt sich, wenn man aufeinander zukommt und wächst wie ein Rhizom.

Ich danke euch für das Interview und freue mich auf weitere Kooperationen.

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweise: Privat.
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Antje Horn „Geschichten für die Sehnsucht“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen.]

„… Was sollte, was muss ein guter (Nachwuchs)Erzähler an Talenten mitbringen? Was würdest Du an wichtigen Dingen mit auf den Weg geben?

In erster Linie Freude, Begeisterung, Selbstzweifel, Humor, Präsenz, Ausdauer… ach ich weiß nicht…

Wie schätzt Du das Potential, generell und insbesondere hinsichtlich Erzählen, Verlegen und öffentliches Lesen guter Geschichten wie auch mit Blick auf die vielen Aktiven, in Ostthüringen ein? Was bedarf Deiner Meinung nach kulturell noch einer besseren politischen Lobby?

Das weiß ich nicht wirklich…

Wenn man mit Dir zu tun hat, bekommt man schnell den Eindruck, dass Du ein enormes Arbeitspensum leistest. Wie sieht Dein energetischer Ausgleich aus? Und wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Ich brauche viel Zeit mit mir allein und gönne mir mehr und mehr Zeiten des Rückzuges. In zehn Jahren… bin ich sicher immer noch lernend und suchend und hoffentlich freudvoll erzählend.

Antje, wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch.

Bitteschön ;-)“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Gerhard P. Bosche.
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In Kürze & im neuen Outfit: Outscapes-Magazin #8

Wir freuen uns, nach intensiver Vorbereitungszeit das „Outscapes“-Magazin für alternative (Genuss)Kultur mit nunmehr Ausgabe #8 grafisch komplett überarbeitet ankündigen zu können. Neben „Sandow“-Frontmann Kay-Uwe Kohlschmidt als Headliner warten zahlreiche weitere spannende Interviews, Beiträge und Buchbesprechungen, so zum Beispiel mit der Moderatorin und Autorin Jennifer Sonntag, Axel Kores und Christoph Liedtke vom Künstlerkollektiv Rhizom Halle-Leipzig, der Erzählerin Antje Horn, der spannenden Anthologie „Boschs Vermächtnis“, der Berliner Likörschmiede „O´Donnell“ und vieles mehr auf ihre LeserInnen.

Bestellt und abonniert werden kann das Magazin ab sofort in unserem Onlinestore unter diesem Link; auch begrüßen wir an dieser Stelle gleich vier neue AbonnentInnen – mit dem Hinweis, dass wir unter den ersten NeuabonnentInnen zwei auf Wunsch handsignierte Bücher der Edition Outbird verlosen.

Herzlich willkommen und vielen Dank!
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