Tommy Krappweis „A Fantastic Workaholic“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„…  Welche literarischen Empfehlungen würdest Du aussprechen? Und warum sollte man unbedingt „Mara und der Feuerbringer“ gelesen haben?

Das Buch, das mich besonders beeindruckt hat, war die Biographie von Harpo Marx (Marx Brothers) mit dem Titel „Harpo Speaks“, direkt danach „My Wonderful World Of Slapstick“ von Buster Keaton. Ansonsten einfach alles von oben genannten Autoren lesen. „Mara und der Feuerbringer“ sollte man lesen, wenn man Freude an humorvoll erzählter Fantasy hat und sich nicht davon gestört fühlt, nebenbei ein bisschen was über Germanen und Co zu erfahren.

Wie schätzt Du die Chancen und Risiken des rückläufigen Buchmarktes ein? Wie kann man dem grassierenden Smartphone- und Serienwahn entgegen und wieder zu mehr Lesehunger hinwirken?

Ich bin kein Kulturpessimist. Wenn man Smartphone und Co. mitzählt, lesen und schreiben die Leute heutzutage mehr denn je. Es hat sich nur das Werkzeug geändert. Ich bin auch kein Stratege und somit nicht kompetent genug für einen seriösen Ausblick in die Zukunft. Generell geht es mir darum, Geschichten zu erzählen und die Menschen damit gut zu unterhalten. Ob das auf dem Tablet, in einem Buch, auf YouTube oder mit einem Brettspiel geschieht, ist für mich nachrangig. Wichtig ist, ob es was taugt und ob es den Leuten Freude macht. Mit „Mara und der Feuerbringer“ ist mir das gelungen und die Special Edition ist auch ein Dankeschön an die Fangemeinde.

Tommy, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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Simone Buchholz „Trotzig, rebellisch, intelligent“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Also ist die Tatsache, Mutter zu sein, eine Ursache für ein eher untypisches Buch von dir, denn mit „Jonny und die Pommesbande“ hast du ein Kinder- bzw Jugendbuch geschrieben? Liegt´s ausschließlich daran, wo doch eigentlich die in Richtung Hard Boiled abzielende Krimi-Sache eher deines ist?

Das Buch hab ich tatsächlich nur für meinen zehnjährigen Sohn geschrieben. Er wollte auch gern mal was von seiner Mutter lesen.

Wenn du, wie in deiner Kurzbiografie beschrieben, „Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn“ magst – welchen Stellenwert hat das Reisen in deinem Leben? Und was meinst du mit der weiterführenden Aussage: „…aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters“?

Ich reise wahnsinnig gern und berufsbedingt auch ziemlich viel, und diese vier Orte sind tatsächlich die, die ich am allerschönsten fand – wobei da natürlich auch London dazu gehört, ist glaub ich meine absolute Lieblingsstadt, passte aber irgendwie nicht in die Reihe. Was ich am Reisen nicht mag, sind Flughäfen und Flugzeuge, und Autos finde ich eigentlich auch blöd, bleibt also meistens nur die Bahn, und die nervt ja auch manchmal. Am liebsten würde ich gern alle meine Reisen mit dem Schiff machen. Von Hamburg aus. Wegen des Wetters. Weil, wenn kein Wind weht, trägt es einen auch nicht fort.

Wenn man sich auf deiner Webseite umsieht, stellt man fest, dass du recht viel unterwegs bist. Auch auf der Salon-Bühne des Corvus e.V. in Gera bist du ja im April diesen Jahres gewesen und hier fiel mir auf, dass deine Lesungen auch sprachlich sehr mitnehmend sind. Das ist leider bei vielen AutorInnen nicht der Fall. Hast du einen gewissen Anspruch an dich selbst, wenn du auf der Bühne sitzt?

Ja klar. Wenn sich nur eine oder einer langweilt, hab ich was falsch gemacht, dann hätten auch alle auf der Couch bleiben können. Ich finde, sich auf eine Bühne zu stellen, impliziert eine Verantwortung für gute Unterhaltung.

Woran arbeitest du aktuell? Ermittelt Chastity Riley wieder und gibt es schon eine Ahnung, wann wir die sympathische Staatsanwältin wieder erleben dürfen?

Im Moment arbeite ich am achten Band, aber es ist noch viel zu früh, darüber was zu sagen, das bringt ja Unglück. Im September erscheint der siebte Band, „Mexikoring.“

Wie viel Simone Buchholz steckt in deiner sympathisch verwegenen Hauptfigur Chastity Riley?

Du findest Riley sympathisch? Interessant. Ich finde die ja eher schwierig. Also, ich mag sie natürlich, aber sie hat schon ordentlich einen an der Waffel. Das habe ich eventuell auch, aber wir sind uns nicht besonders ähnlich. Ich glaube, es ist so: Wir schauen in ähnliche Abgründe. Und wir sehen da auch das Gleiche.

Hast du schon einmal eine Flaschenpost gefunden?

Ja, an einem Neujahrsmorgen am Hamburger Hafen. Ich war mit einem Freund unterwegs und da war plötzlich diese Flasche mit dem Brief drin. Werde ich nie vergessen, das war ein sehr schöner Moment.

Woher kommt diese Marotte, am Neujahrsmorgen den Hafen nach Flaschenpost abzusuchen?

Eben genau daher.

Ok… wir müssen leider schon wieder zum Ende kommen. Letzte Frage: gibt es etwas, das du dir für die Zukunft im Allgemeinen und für dich ganz persönliche wünschst?

Ich wünsche mir das Ende der patriarchalen Systeme, auf allen Ebenen. Ich glaube, unsere Welt könnte eine viel bessere, friedlichere und schönere sein, wenn die Männer sich endlich mal ein bisschen zurückhalten würden. Für mich selbst wünsche ich mir, dass ich gesund bleibe, dass meine Familie gesund bleibt, weil ohne Gesundheit ja doch alles nichts wert ist.

Ich danke dir für das Interview und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen.

Das hoffe ich auch.

Immer am Neujahrsmorgen suche ich den Hafen nach Flaschenpost ab. Falls Sie also irgendwo festsitzen und dringend Rum und Zigaretten brauchen: Versuchen Sie ruhig, mit mir Kontakt aufzunehmen.“

Das Interview zeichnete M. Kruppe auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Gerald von Foris
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Tomas Jungbluth „Hochentzündliche Grenzgänge“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf die Rezension zu seinem aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinenden Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Es lehnt sich also schon an real Erlebtes an, ist aber, wenn ich dich richtig verstehe, ein Puzzle aus vielem? Oder gibt es hier eine konkrete Beziehung aus deiner Vergangenheit, die hier Modell stand? Hast du eigene Erfahrungen in Sachen „Grenzverletzung“?

Ich selbst habe eine sehr fordernde Beziehungserfahrung hinter mir, wovon sich einige Verhaltensmuster meiner Partnerin deutlich im Spannungsfeld Narzissmus bewegten. Grenzverletzungen, mangelndes Abgrenzungsvermögen und Projektion gingen Hand in Hand. Insofern war das Thema für mich schon auch Kernthema der letzten Jahre. Nicht zuletzt, um mich selbst zu fragen nach meinen destruktiven Anteilen oder, warum ich solche Charaktere angezogen habe.

Und mein Protagonist, dessen innere Welt sich tatsächlich aus verschiedenen Schicksalen zu einem ganzen, fiktiven, eigenen zusammensetzte, sagt dazu: Dieselbe Frau, die mich in der Beziehung immer wieder wegstieß, konnte mich nach ihrer Trennung nicht gehen lassen. Grenzen wurden beständig überschritten. Und in dem Zustand eines noch voller Liebe steckenden Trennungsschmerzes meldete sich die Frau monatlich immer wieder unter verschiedensten Gründen, obwohl ich um Stille bat und darunter litt, weil es einem dauerhaft unerfüllten Versprechen und dem gelegentlichen Abernten meiner Flammen glich. Das klingt genauso, wie es ist bzw. war: eine sehr reiche, komplizierte, kaum zu verarbeitende Bindung unter andauernder emotionaler Ausreizung meiner komplexen Gefühls- und Verletzungsresonanzen.

Meinst du, Künstler brauchen solche Niedergänge? Braucht die Kunst das Absacken in die Keller der Emotionen?

Ja, Kunst braucht meiner Meinung nach mehr noch Schmerz als höchste Höhen, um großartig sein zu können. Unzählige Werke verschiedenster Disziplinen beweisen das sehr eindrucksvoll. Aber ich bin mir nicht sicher, ob „Niedergang“ und „Absacken“ die passendsten Worte sind. Ich bin ein sehr tiefer und in der Liebe mitunter auch sehr hochfühlender Mensch, der ebenfalls fiktive Charakter meiner Ex-Partnerin, mit der ich im Buch ja einen Monolog führe, sprach im Trennungsgespräch von ihrem Wunsch nach Leichtigkeit und ihrer Sucht nach Tiefe, an der sie scheiterte. Das Buch zu schreiben lässt sich mit dem Trennungsgefühl des Protagonisten vergleichen, nur eben „geliehen“ und komprimiert: ich war unter Wasser, wie im Tunnel, durchtauchte meine tiefe Gefühlswelt und schrieb darüber. Und bekam ganz nebenbei eine Ahnung davon, was Schauspieler beim Einnehmen intensiver Rollen aushalten können müssen. Und klar, mit Narzissmus, im Buch abgebildet, haben auch die Begriffe Leichtigkeit und Tiefe im Beziehungs- und Trennungsverlauf ziemlich dunkle Schatten bekommen.

Was heißt das genau?

In der stärksten emotionalen Wachstumskurve der Liebe der beiden, quasi am Anfang noch dazu obendrein zu Weihnachten, geht sie fremd. Ein Muster, was sie bei jeder der drei Liebesbeziehungen ihres bisherigen Lebens bereits frühzeitig vollzog. Und auf dem absoluten Zenit der Beziehung, die beiden haben ihre schönste Zeit und schwingen vollständig synchron, fragt sie ihn in einer der innigsten gemeinsamen Sommernächte bei Rotwein und Gesprächen plötzlich, ob es okay sei, auf Partys andere Männer zu küssen. Zu einer anderen Gelegenheit fährt sie mit ihrem Ex, den sie noch immer liebt, baden, er nackt, weil er keine Badesachen dabei hat. Und zwar an derselben Stelle, an der die beiden kurz vorher ebenfalls nackt badend ihr höchstes Liebesglück genossen haben. Eine stärkere Entweihung ist kaum vorstellbar. Auch gab es diverse Rauswürfe, On/Offs und Erniedrigungen. Solche Dinge werfen dunkle Schatten auf diese von ihr gelebte Leichtigkeit vor dem Hintergrund ihrer enormen Verletzlichkeit und lassen den beständigen Hang zur Grenzverletzung erkennen.

Nun ist „Kammerflimmern“ ja ein für dich insofern untypisches Buch, als dass deine Texte stets eher kurze, wenn auch intensive Abrisse eines Zustandes waren. Hier liegt uns nun ein Monolog von einer recht ausführlichen Länge vor. Wie fühlt es sich an, wenn der letzte Punkt gesetzt ist? Kannst du, nach dem letzten Zeichen direkt aufhören oder modellierst du noch an deinen Sachen herum und wenn ja, wie lange?

Das Schreiben selbst war ein Ventil, ein Verbrennungsprozess und Verstehenwollen sehr intensiv erlebter Borderlinewelten, wenn man so will. Meinem Wesen entsprechend durchdenke ich bis zu einem Ende des Loslassens immer wieder Passagen, Fragmente, Ebenen, Zusammenhänge, fehlende Aussagen. Erst heute sagte mir eine gute Freundin, ihrerseits Therapeutin, dass ich ein ganzes Stück weit der komplexen Art des Erzählers, zu fühlen und zu durchdenken, gleiche: im Grunde sehr weiblich. Es sind ja im Übrigen weit mehr Frauen als Männer von Borderline betroffen, der Protagonist ist da ein untypischer Fall.
Du würdest mich für verrückt erklären, wie oft ich das Skript, nachdem es sein endgültiges Gerüst hatte, gelesen und bearbeitet habe. Heißt, das Schreiben selbst war in einer extrem kurzen Zeit vollendet, der Spannungsbogen und Feinschliff dauerte aber mindestens weitere drei Wochen täglicher Stundenarbeit.

Du bist also so etwas wie ein Perfektionist? Einer, der die Finger einfach nicht still halten kann, weil hier und da immer wieder ein Gedanke einschießt, der das Ganze vielleicht noch besser machen kann?

Ich hab mich als Chaot nie als solcher gesehen, aber ja – Du hast Recht. Ich scheine tatsächlich ein extremer Perfektionist beim Entstehungsprozess des Buches gewesen zu sein. Ich bekam eine Ahnung davon, dass andere Autoren, die ihr Skript lieben, es an manchen Tagen einfach nur grundbeschissen finden und am liebsten entsorgen würden, oder was es für Künstler heißt, irgendwann loslassen zu müssen, weil man sonst beginnt, den Zenit des Werkes zu überschreiten und den Glanz wieder abzutragen, quasi zu dekonstruieren, was man geschaffen hat.

Das impliziert ja, dass du gewissermaßen ein Problem mit dem Loslassen hast?

Nun ja, ich als Autor, der Erzähler in Position des Liebenden definitiv auch, jedenfalls aus herkömmlicher Sicht… er liebt diese Frau ja noch heute, hat ja mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt klar zu sehen, wie scheiße er sich in der Beziehung über die Maßen lange hat behandeln lassen. Nicht, dass er es nicht schon immer reflektiert hätte… Insofern kam er in seiner tiefen Liebe auch nie los von ihr, die sie sich über Monate immer wieder in seinem (Gefühls-)Leben sichtbar machte, ihn bewusst oder unbewusst immer wieder triggerte. Und natürlich manifestierte sich mit dem Buch die Frage, wie lange ein Verarbeiten und Loslassen denn eigentlich braucht oder maximal brauchen sollte und wer das überhaupt sagen kann. Jeder Mensch liebt ja anders, und Borderliner beziehungsweise Narzissten wahrscheinlich noch einmal ganz anders.
Umso wichtiger empfinde ich Konsequenz, die in jeder Hinsicht wichtig ist: Ich kann nur um etwas kämpfen oder es loslassen, aber zwischen den Polen hin- und herspringen, wie es die Ex-Partnerin im Buch monatelang machte, ist Qual und verhindert beiden, weiterzukommen, zu heilen und sich irgendwann vielleicht gesünder wiederbegegnen zu können, weil es destruktive Reaktionsmuster aufruft. Klar, dass das Buch auch eine erhebliche Ladung an Zerrissenheit in sich birgt.

Und da sind wir auch thematisch bei deinem Buch. Wie war das für dich, dir die Erinnerungen an offenbar schmerzliche Momente deiner Vergangenheit hervorzurufen, sie zu vergegenwärtigen und zu analysieren bzw. einen Charakter zu schaffen, der verschiedene Trennungssituationen vereint? Würdest du die Arbeit daran Kraftakt nennen?

Es war ein enormer Kraftakt, ja. Das Einnehmen eines anderen Charakters zum Einen, das Eintauchen in eine Gefühlswelt, die der meinen nicht unähnlich ist. Man geht mit diesem Gedankenspiel in eine tiefrote Welt des Schmerzes und der Liebe. Leiden, um Schmerzschichten abzuschälen – vielleicht so. Dieses aus dem Buch heraus schimmernde Gefühlsprofil ist ja der stete Tanz von „zu viel“ Liebe und Schmerz in allzu enger Verwandtschaft. Was man liebt, versucht man zu zerstören bzw. man ritualisiert Ablehnung, die man durch das Zufügen von Schmerz dem Anderen gegenüber erreicht. Das Buch hat diese Gefühlswelten komplett nach vorne geholt.

Du sagtest mir vorhin im Vorgespräch, dass du „Kammerflimmern“ in weniger als drei Wochen geschrieben hast. Offenbar nagten Dinge aus deiner Vergangenheit an dir, die du loswerden wolltest. War das eine Art Druck, eine Art Zwang zum Loslassen, um los zu werden?

Ja, ab diesem im Buch erwähnten „Point of no Return“ gab es keine andere Möglichkeit mehr. Ich musste schreiben, ich musste diese in mir gespeicherten Narben abtragen, ich musste den „geliehenen“ Vulkanismus bedienen. Ich rannte tagelang wie Falschgeld rum, wollte immer nur zum Skript zurück, weil der Kopf selbst unterwegs ständig weiterschrieb.

Du sprichst in „Kammerflimmern“ einige Mal das Wort Hochsensibilität in Bezug auf dich, aber auch die Protagonistin, an. Was macht aus Deiner Sicht Hochsensibilität aus?

Ich verstehe es so: Hochsensibilität ist eine Gabe, aber auch eine Last, ein tiefes, inneres Spannungsfeld. Es ist wie mit dem Tanz auf dem Vulkan, einem fast permanenten unter Spannung stehen, einem beständigem Switchen zwischen diversen Wahrnehmungs- und Verständnisebenen vergleichbar und erklärt sich mit einer oftmals oder dauerhaft sehr hohen Wahrnehmung. Vom Erinnerungsvermögen von vor Monaten besprochenen Gesprächsdetails ganz abgesehen. Allerdings: Das normale Leben hat seine Unwuchten, ist aber als Single im Sinne zu verarbeitender Impulse und Energien um Einiges leichter.

Als Mann ist es allerdings tatsächlich schwieriger, in seiner Hochsensibilität und Verletzlichkeit angenommen zu werden. Das öffentliche Bild impliziert den starken, souveränen Macher – ein fast schon „ewiggestriges“ Bild. Und Frauen, die dieses Einfühlsame, Feinempfindende und Verständnisvolle als so wundervoll empfinden, vermissen nicht selten irgendwann, krass formuliert, doch auch wieder einen Alphatypen, der nicht hinterfragt, sondern einfach entscheidet, wo es lang geht. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Wir Menschen haben noch jede Menge Spielraum nach oben, um Urmuster in uns zu etwas Größerem, Besserem reifen zu lassen. Und für mich ist eine einfühlsame und „gefühlsehrliche“ Welt definitiv die bessere als diese Maske der Härte und Coolness, die so über die Maßen viele glauben, vor sich hertragen zu müssen.

Ich hatte mit Fertigstellung ja auch einige Telefonate mit Tami Weissenberg, der ja quasi zeitgleich mit seinem Buch „Darjeeling Pur“ in der „Edition Outbird“ erscheint, worin er seine vielen Jahre erfahrener Ehegewalt erzählt. Ich entschuldigte mich fast bei ihm, weil die von mir literarisch gespiegelte Leidenswelt wesentlich geringer gewesen sei. Er sagte „Wer will das entscheiden? Schmerzempfinden ist ja bei jedem anders.“ Und natürlich sprachen wir über weiche, sensible Männer, die wie umgekehrt Frauen in gewissen Beziehungen Herabwürdigung, Respektlosigkeit oder gar Misshandlung erfahren müssen und da nicht herausfinden. Kurz gefasst: es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und bedarf einer gewissen Reife und feiner Antennen, einem/r gereiften, in sich ruhenden PartnerIn zu begegnen, die / der diese Eigenschaften achtet.

Ich weiß ja auch von dir, dass es zumindest die Verdachts-Diagnose Borderline gibt. Meinst du, es gibt einen Bezug zwischen Hochsensibilität und Borderline?

Das ist eine gute Frage. Erstens: die Diagnose ist mittlerweile widerlegt, die Schnittmenge der Aussagen verschiedener Therapeuten, auch aus dem Freundeskreis und mit entsprechender Nähe zu mir, ist „einfach“, dass ich sehr reichhaltig an Emotionen und Wahrnehmung bin und sich daraus auch beständige Spannungszustände ableiten lassen. Selbst gewisse Reaktionsmuster in einer Liebesbeziehung treffen darauf nicht zu. Vielleicht greift bei dieser Fehldiagnose das noch mangelhafte Fachwissen hochsensibler Männlichkeit.

Zweitens: Hier fehlt mir die Kenntnis, aber vermutlich ist die Schnittmenge sehr hoch, wenn man bedenkt, dass Borderliner in der Regel hochintelligente und sehr sensible Menschen sind. Ich denke, dass die Defizite fehlender Regulierungswerkzeuge der Gefühls- und Spannungswelten sehr ähnlich sind. Manchmal kann man deren Wesenswelten mit Naivität vergleichen: sie wissen einfach nicht, wie man diese massive Menge täglicher Spannungen, Impulse und Energien effizient, gelassen und möglichst schadlos verarbeiten kann, wo die eigenen und anderen Grenzen liegen und wie man seinen Bedarf zum Auftanken und Runterkommen erkennen und organisieren kann. Man will ja auch beständig äußeren Anforderungen und Bedürfnissen gerecht werden.

Freilich ist ein Buch, so steht es im Abspann, fiktiv, aber ein bisschen Wahrheit, das haben wir ja nun festgestellt, als wir vom Puzzle diverser Erlebnisse in deiner Vergangenheit sprachen, ist ja in jedem Werk. Hattest Du Gewissensbisse mit Fertigstellung des Buches?

Ja, weil es hochverletzliche Menschen widerspiegelt und das da draußen tagtäglich vielfach Realität ist. Und weil ich mit dem „Okkupieren“ der Liebesgefühle der Protagonisten ja nicht nur in deren beider Welt eindrang, sondern auch noch mit chirurgischer Präzision all die Fasern und Prozesse aus einer zerbrochenen Liebe sichtbar machte. Dabei will das Buch nur dieses so unbegreiflich Hochverletzliche verstehen und schützen. Ein scheinbarer Widerspruch. Neben der Gefahr, darin nicht die alles tragende einzigartige Liebe, sondern die Risse, Blutungen und Spiegelungen zuvorderst wahrzunehmen, hatte ich auch lange mit dem Punkt der künstlerischen Freiheit zu tun, sprach aus eigenem Interesse auch viel mit meinem Verleger, anderen Autoren, Freunden, einem Dramaturgen.
Oft stellte sich meinem vorhin schon erwähnten Freund in der Zeit seiner Männerarbeit und diesen sich so oft wiederholenden Mustern scheiternder Beziehungen die Frage, wie weit man gehen kann, weil sie alles an einer Borderlinebeziehung in ihrer beständigen Grenzüberschreitung sich und dem Anderen gegenüber ausdrückt. Und klar hab ich auch die Position des Karma hinterfragt, weil ich diese so fragilen wie wundervollen Charaktere schützen will. Für einen Schutz aber braucht es Klarheit, beispielsweise in Form der Offenlegung von Mechanismen, die so einfach ein klares „No Go!“ erkennen lassen, aber in abhängigen Paardynamiken so selten durchbrochen und überwunden werden können. Solche Reflektionen finde ich wichtig.

Zum Schluss interessiert mich noch, ob es aus deiner Sicht ein Konzept gab, was den Sprachstil angeht. Du hättest ja auch wesentlich direkter und klarer schreiben können, nutzt aber eine sehr poetische, ja fast lyrische und an Metaphern reiche Sprache. Woran liegt das?

Darauf gibt es eine für mich einfache Antwort: Ich kann nicht anders. Meine Sprache kann gerade, wenn sie von Emotionen angetrieben wird, sehr bildreich und intensiv sein. Unter dem Antrieb, dieses Buch zu schreiben, bewegten sich viel Liebe und Schmerz aus eigenen früheren Erfahrenswelten. Sicher hat das ganz wesentlich dazu beigetragen.

Ich danke dir für das Interview und wünsch dir viel Erfolg mit deinem Buch…

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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Andrea Cochius „Empfindsamkeit und Träumerei als Vision“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Als bekennende Realitätsverweigerin träumst Du oft und gerne. Du selbst sagst, diese Verweigerung sei kraftaufwendig. Worin liegt abgesehen von monetären Zwängen dieser Kraftaufwand?

Ich muss ständigen Widerstand betreiben: Ich stelle der Realität meine Fantasie gegenüber. Manchmal streiten sie heftig miteinander, manchmal scheint die Realität über meine Fantasie höhnisch zu grinsen. Das ist natürlich anstrengender, als die Dinge so hinzunehmen wie sie sind und Fantasie und Wirklichkeit klar voneinander zu trennen. Ich werde die beiden jedoch so lange gemeinsam in einem Raum lassen, bis sie sich vertragen. Ich kreiere eine Welt – zunächst in meiner Einbildung, dann in der Realität. Letzteres ist nur möglich, wenn ich konsequent bemüht bin, diese Welt in meiner Vorstellung lebendig aufrecht zu erhalten.

Oftmals leben Menschen äußerlich falsche Werte und Mechanismen, weil sie sich damit zu schützen glauben. Wie lebt es sich Deiner Meinung nach in einer Welt so weit verbreitet falscher Werte, ohne daran (noch mehr) Schaden zu nehmen?

Nicht gut genug. Daher tue ich vieles, um dies zu ändern. Ich als Einzelperson – als Mensch und mit meiner Kunst – aber auch innerhalb einer Gemeinschaft, innerhalb des Vereins „Arbeit an Europa“ (arbeitaneuropa.com), in dem sich junge, engagierte Zeitgenossen für ein Europa einsetzen, welches positiv konnotiert werden kann. Es ist wichtig, sich in Gemeinschaften zusammenzuschließen – besonders als empfindsamer Mensch.

Du sagst, für eine positive Welt muss man die Dinge sehen, wie sie sein könnten anstatt wie sie sind. Heißt, man sollte alles träumerisch weiterspinnen, was man sieht? Mir persönlich sind die hinter dem Sichtbaren liegenden Ebenen offen gestanden nicht immer die besseren…

Das Gute an Tagträumen ist, dass man sie im Gegensatz zu denen im Schlaf aktiv steuern kann. Ich bin ihnen nicht ausgeliefert. Ich erträume mir ganz bewusst eine Welt, in der es sich in meinen Augen zu leben lohnt. Anschließend denke ich ganz pragmatisch darüber nach, wie ich jene umsetzen kann und tue es dann auch Schritt für Schritt. Ich nehme das Träumen als Handlungsaufforderung und nicht als Realitätsflucht und halte diese Methode für die einzig richtige, aktiv und optimistisch am Leben teilzunehmen.

Was macht Deine Kunst einzigartig? Wie würdest Du Dich als Künstlerin beschreiben? Wie erkennt man die künstlerische Handschrift einer Andrea Cochius?

Meine Aufgabe sehe ich darin, Werte, von denen ich weiß, dass sie Menschen glücklich machen, zu vermitteln. Das tue ich dadurch, dass ich versuche ein Vorbild zu sein und selbst diese Werte zu leben. Und durch meine Kunst, deren Ziel es ist, ein Werk zu schaffen, welches uns daran erinnert, was Schönheit bedeutet und in diesem Sinne ein Gefühl der Erhabenheit erzeugt. Ich denke an meinem Stil lässt sich erkennen, dass ich ein Freundin von Schönheit sowie eine Optimistin bin. Es lässt sich sagen, dass meine Bilder „Vorbilder“ sind und ich sehe für mich keinen Grund, etwas nicht Erstrebenswertes abzubilden. Man erkennt dies etwa an der Farbwahl – ich kombiniere Farben ausschließlich auf eine Weise, die angenehm für das Auge ist. Zudem stelle ich Menschen nicht in einem ungünstigen, sondern in ihrem besten Licht da.

Ich würde übrigens niemals einen Beruf annehmen, der mir nicht entspricht. Daher bin ich Künstlerin. Ich habe ein starkes Bewusstsein für das Grundrecht auf Freiheit und Selbstverwirklichung.

Wie bekommst Du Deine Fähigkeiten und Interessen zwischen Malerei, Grafik, Fotografie, Film und Digitalkunst koordiniert?

Ich bin der Ansicht, dass die Kunst frei ist und dass ich somit als Künstlerin die Freiheit habe unterschiedliche Medien zu verwenden. Das Wesentliche, was mich als Expertin ausmacht, ist mein Sinn für Ästhetik. Dieser kann sich in der Schrift, in der Musik, im Film zeigen und auch in der Malerei oder Zeichnung. Ich sehe, höre, lese, fühle, schmecke und rieche Qualität und lasse nicht eher nach, bevor ich diese in meinen Arbeiten erkenne. Das kann mitunter lange dauern, gerade weil ich mich in so unterschiedlichen Bereichen bewege und das Handwerk der jeweiligen Disziplin natürlich auch erst erlernt werden will. Die Mühe aber lohnt sich: Ich lerne unheimlich viel, langweile mich nie und schule permanent eine Form ganzheitlichen Schönheitssinns. Abgesehen von der Freiheit, die ich mir damit erkämpfe. Wobei man ja auch sehen muss, dass es einem heute durch Benutzerfreundlichkeit in vielen Bereichen leichter gemacht wird, Experte auf unterschiedlichen Gebieten zu sein als noch vor 100 Jahren.

Wo geht Dein Weg hin? Welche Projekte sind von Dir zu erwarten? Wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Von dem Indien-Projekt 2012 an bis zu meinem heutigen künstlerischen Konzept hat mich das Bedürfnis, in die Herzen der Menschen zu sehen und ihnen beim Träumen zu helfen, zum Glück nicht verlassen. Ich möchte diesbezüglich z. B. eine Umfrage starten, in der ich Menschen bitte, ein Kunstwerk nach ihren Wünschen zu beschreiben. Es gibt dabei die Vorgabe, dass dieses Fantasieprodukt weder durch finanzielle noch materielle noch sonst irgendwelche Grenzen in seiner Entfaltung behindert werden soll. Zunächst werde ich diese Ideen skizzieren und in einem Buch veröffentlichen. Langfristig gesehen wäre es natürlich wunderbar, wenn man The Artworks of Other People tatsächlich realisieren und in einer Ausstellung zeigen könnte.“

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Bruce Jessop
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Steve Bauer „Dunkle Kunst als Bewusstseinsquelle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Du verortest Deine Wurzeln in der Subkultur. In welcher Szene verbrachtest Du Deine früheren Jahre?

Ich komme aus den Subkulturen der frühen 90er Jahre. Graffiti und der gesamte Weg darum schafften meine Basis. Ich beschäftigte mich mit vielen Musikgruppen, deren Philosophien und Sichtweisen auf Gesellschaften, lernte autonome Entwicklungsweisen und führte diese dann durch eigene Sichtweisen unbewusst in mein jetziges Leben ein. Ich habe dabei immer stark an meinen eigenen Idealen festgehalten. Zum Leid vieler, aber zum Vorteil meiner selbst.

Deine Partnerin Beatrice und Du sind ein wunderbares Team, auch Deine MitarbeiterInnen strahlen Wärme und Sympathie aus. Ist das ein menschliches Zusammenfinden oder wählst Du Deine MitarbeiterInnen intuitiv aus?

Würde ich rational und analytisch auswählen, wäre ich nicht Kunstschaffender. Dies beißt sich meiner Meinung nach. „Intuition ist die Trophäe der Gerechtigkeit„ – diesen Satz formte ich einst für mich. Somit ist sie eine große Triebfeder meines Schaffens und meiner Entscheidungen. Ich habe ein wunderbares Team, welches mir über die Zeit zugetragen wurde. Ich habe keinen gesucht – es gab immer eine überirdische Verknüpfung (großes Gelächter im Raum) und Zusammenführung. Jeder ist für mich von großer Wichtigkeit. Nur durch viel Hilfe kann ich meiner eigentlichen Bestimmung nachgehen. Und das ist wichtig!! Entwicklung heißt ent-wickeln. Meine Frau hat meine Garnrolle sozusagen komplett abgewickelt und neu aufgewickelt. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre Geduld und Sichtweise.

Beatrice als Fotografin scheint sehr innig mit Deiner Kunst in Resonanz zu stehen. Wie wirkt Ihr als Künstler aufeinander ein, wie würdest Du ihre Handschrift beschreiben?

Sie bildet einen ähnlichen Part wie meine Helfer. Nur ist ihrer um Weiten grösser und ausgeprägter. Sie inspiriert und sensibilisiert mich jeden Tag. Ich bewundere ihre Geduld, das Gute zu sehen, zu schaffen oder zu halten. Ihre Bilder wirken immer ehrlich und ungestellt auf mich. Sehr nahe am Detail. Wir geben uns oft Tipps, helfen uns in allen Bereichen und treten uns auch oft in den Arsch. Jeder Kreativschaffende kennt die Löcher des Alltags. Wenn jedoch jemand Bretter über diese Löcher legt, ist es einfacher, darüber hinweg zu schreiten. Darauf kommt es immer an! Kraft zu sparen und gezielt einzusetzen.

„Der denkende Mensch“

Eine letzte Frage noch: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Was planst Du, woran arbeitest Du?

Uh, da weiß ich nicht genau, wo ich anfangen soll. Ich habe zu viele Ideen. Die nächsten Projekte liegen im Ausland. Kleinere Ausstellungen, um meine Sachen auch Anderen nahe zu bringen . London im September steht fest. Andere Galerien sind angefragt. Ich hoffe noch etwas mehr in Deutschland ausstellen zu können. Im Frühjahr 2019 möchte ich mein zweites Kunstbuch veröffentlichen. Und für 2020 ist die nächste große Ausstellung mit neuen Werken geplant. Dafür investiere ich gerade die meiste Zeit. Alles, was dazwischen kommt, ist ungewiss. Ich finde spontane Sachen immer interessant. Ob Events oder Kooperationen – ich habe Spaß an allem.

Steve, wir danken Dir für das Gespräch.

Ich danke Euch für die Möglichkeit!“

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Beatrice Bauer
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Susanne Agnes Fauser „Schamanismus und literarische Tiefenreisen“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf die Rezension zu ihrem aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinenden Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Immer neue Erfahrungen zu machen und mich immer wieder selbst neu zu erfinden, das ist für mich ein Lebenselixier. Ich wäre geradezu tödlich gelangweilt, wenn alles immer vorhersehbar und geplant wäre.

Dieses Schamanische, das habe ich viele Jahre einfach gemacht, ohne dafür überhaupt einen Namen zu haben. Das wurde mir im Grunde erst klar, als ich vor 15 Jahren bei Clemens Kuby Seminare besucht habe.

So richtig ernsthaft damit begonnen habe ich, als der Vater meiner Tochter an AIDS erkrankt ist. Wir waren damals schon kein Paar mehr, aber ich habe ihn gepflegt bis zu seinem Tod und in dieser Zeit und den 15 darauffolgenden Jahren, in denen beinahe mein gesamter damaliger Freundeskreis starb, war ich quasi gezwungen, mich mit diesen Themen zu befassen. Tod. Krankheit. Sinnfragen. Alles, was man ja eigentlich von sich fernhalten will oder erst in einem hohen Alter beginnt, sich damit auseinander zu setzen, wenn überhaupt, das brach in mein Leben schon sehr frühzeitig ein. Doch durch all den Schmerz, all die Verluste traten mit einem Mal aber auch Fähigkeiten in mir zutage und Connections zu, ich sage mal, anderen Wesenheiten, nenn es Lehrer, nenn es Spirits, die mich sehr viel gelehrt haben und es immer noch tun.

Manchmal durch Träume, manchmal durch Begegnungen mit Tieren und Pflanzen, manchmal durch Stimmen, die mir irgendetwas erklären oder innere Bilder… das ist für mich alles miteinander verwoben.

Ich war schon immer eine Gefühls-Synästhetikerin. Das heißt, ich habe zu allem, was geschieht, zu allem, was ich wahrnehme, Bilder, manchmal regelrechte Filme.

Um dem Ganzen aber auch einen rechtlichen Rahmen zu geben, habe ich eine Ausbildung als psychotherapeutische Heilpraktikerin gemacht. Mich hat auch die schulmedizinische Sicht interessiert.

Davor habe ich bei Wolfgang Döbereiner in München 9 Jahre lang Astrologie studiert.

Wie muss man sich die Arbeit einer Schamanin vorstellen, welche Arbeitsfelder gibt es?

Ich sehe mich als moderne Schamanin. Ich brauche das ganze Brimborium drum herum nicht. Und ich bin auch nicht der Typ Frau, der sich in Felle hüllt oder sowas. Das sind ja nur Äußerlichkeiten. Und wir leben in der heutigen Zeit.

Die Leute, die zu mir kommen, haben ganz unterschiedliche Anliegen. Die einen haben regelrechte Odyseen hinter sich an Psychotherapien, die ihnen nicht helfen konnten, andere wiederum haben schwere Erkrankungen, wieder andere haben geliebte Menschen verloren oder haben andere schwere Lebenskrisen. Depressionen, Ängste, spirituelle Krisen… da ist alles dabei.

Ich arbeite mit jedem Klienten, jeder Klientin anders. Es ist immer ganz individuell. Was ich sagen kann, ist, dass ich mich leiten lasse von meinen Helfern, nennen wir das mal so. „Sie“ wissen dann immer, besser als ich es täte, was zu tun ist.

Wie ich arbeite… je nachdem, was die bestmögliche individuelle Methode ist. Ich bringe Klienten dazu, sich an die längst vergessene Situation zu erinnern, die ihrer Symptomatik oder ihres Problems zugrunde liegt. Das ist wie ein Film, dessen Drehbuch man dann schlussendlich umschreibt. Die Gehirnforschung hat ja längst bewiesen, dass Gefühle IMMER echt sind und wirken, selbst wenn wir im Kino sind und wissen, dass es nur ein Film ist.

Wenn jemand erkrankt ist oder unter Mobbing leidet oder was auch immer, liegt dem Ganzen stets eine bestimmte Situation zugrunde, die man zumeist verdrängt hat. Doch dieses Gefühl, das man dabei hatte, das erlebt man wieder und wieder in den unterschiedlichsten Begebenheiten.

Ich lese das morphogenetische Feld aus und kann dort sehen, was los ist. Und was man tun kann, um eine Veränderung herbeizuführen. Manchmal ist es auch besser, schamanisch zu reisen, um mit den Spirits zu verhandeln. Zu erfahren, was man tun kann, was nötig ist. Das kann manchmal auch eine Entschuldigung sein, die vor langer Zeit getanes Unrecht wiedergutmacht.

Also wie Du siehst, gibt es da sehr viele Möglichkeiten. Und jedes Symptom, jeder Mensch und auch jeder Weg zur Heilung ist da ganz individuell.

Gestatte mir eine Doppelfrage: Worin unterscheidest Du Dich von anderen SchamanInnen und wie kann ein spiritueller, Antwort suchender Mensch einen guten Geistarbeiter von einem Scharlatan unterscheiden?

Das ist eine gute Frage! Heutzutage ist es sehr „in“, sich „Schamane“ oder wie auch immer zu nennen. Ich kann nur sagen, dass die Menschen, die ich kennenlernen durfte, die wirklich etwas können, nie laut sind. Es sind immer Menschen, die selbst sehr viel Schweres erlebt haben und Ausstrahlung, Charisma besitzen. Bescheidenheit. Und doch sehr klar sind.

Ich denke Vorsicht ist immer geboten bei Leuten, die anderen ihre Ideologie verkaufen wollen oder solchen, die so wahnsinnig „erleuchtet“ daherkommen. Da bin ich immer ganz schnell weg ^^

„Lilian“ spiegelt zu einem Gutteil Deine Lebensgeschichte wieder. Gibt es schon Ideen für weiteren Romanstoff?

Ja! Eine neue Geschichte voller Farben… und Morbidität ^^

Und eine Sammlung von Kurzgeschichten, die darauf warten, geschrieben zu werden.

Susanne, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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Pablo Mattarocci „Ich sehne mich nach Klarheit“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Was macht Pablo F. Mattarocci, wenn er sich nicht mit Filmen beschäftigt oder anders gefragt: Hast du weitere künstlerische Interessen? Was wünschst du dir für die bzw. für deine Zukunft?

Ich esse, geh kacken, habe Sex, verzweifele, schiebe Zeit vor mir her und beschäftige mich manchmal zu sehr mit mir selbst, was mir dann wiederum ein Dorn im Auge ist. Nebenbei mag es vorkommen, dass ich lese oder Filme schaue. Gerade bin ich dabei, mein Studium der Soziologie und Filmwissenschaft abzuschließen. In zwei Monaten ist es soweit und dann beginnt die harte Arbeit an meinem Debütfilm, den ihr nächstes Jahr zu Gesicht bekommen werdet. Was ich mir wünsche? Ich werde Filme drehen, in der Hoffnung, die Lügen demaskieren zu können, die wir uns alle selbst zu gerne vorlügen. Das werde ich machen und nichts anderes – im besten Falle, ohne dabei selbst zu einer Lüge zu werden.

Ein sehr schönes Schlusswort. Ich danke dir für das Interview und würde sagen: Prost!“

Das Interview zeichnete M. Kruppe auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Tomas Jungbluth „Kammerflimmern“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihm sowie sein aktuell in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Mutig ist dieses Buch also ebenso, wie es emotional ist und das Thema Trennung auch aus einer gewissen Entfernung beleuchtet.

Aber nicht nur die Thematik selbst wirkt wie eine Fessel, die den Leser / die Leserin an das Buch bindet und sich erst dann löst, wenn das letzte Wort der letzten Seite gelesen ist. Es ist auch das Sprachbild, das sich zwischen Poesie und Lyrik, Prosa und analytischem Essay bewegt. Es sind die Bilder, die Jungbluth zeichnet, die nicht Kontinente, nicht Welten, die beinahe Universen sind. So schiebt er sein durchaus hartes Thema in eine sprachliche Weichheit, die ihre Vergleiche sucht.

Diese reich bebilderte Sprache fasziniert ebenso, wie der unübersehbare innere Trieb, das Faktische in Metaphern auszudrücken. Oftmals ist eine an Metaphern reiche Sprache aufdringlich, wirkt gekünstelt und ist nicht selten nervig. Nicht so bei Tomas Jungbluth. Der schafft es tatsächlich, seine Gefühle sprachlich dicht zu bebildern, ohne dass man irgendwann übervoll ist und das Buch weglegt. Es sind gerade auch jene Bildwelten, die der Autor zeichnet, die eine Art Zwang bilden, weiter und immer weiter zu lesen. Ein Zwang, der in keiner Minute, in keiner Zeile unschön wirkt.

Zum Ende hin wird es stiller, das Licht seiner Schreibtischlampe scheint dunkler geworden zu sein. Ein Hauch von Alkohol und Zigarettenrauch scheint durch die Stube zu wabern und irgendwie ist da dieses Bedürfnis, ihm auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Well done Brother! We all now this feeling! Come on… your nose need the smell of heaven!“

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Susanne Agnes Fauser „Lilian“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihr sowie ihr aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinendes Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Ich entdeckte Frühlingslaub darin und eine Sonne, welche gesprenkeltes Licht auf das Grün eines Waldes warf. Eine Melodie, keine Worte. Zuletzt sah ich Liebe. Golden glitzerndes Blutrot, marmorierte Flügel der Engel. Das zarte und blasse Silber der Furcht.“

Leichthändig umreißt sie mit dem Vertiefen der Geschichte die Lebenswelt der beiden, die sie in einer Kommune leben und damit die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt gewiss haben. Einer Aufmerksamkeit, der letztlich religiöser Hass entspringt. Hier allerdings mehr zu verraten, würde die Leserschaft spoilern. Insofern: dieses Buch lohnt sich, es ist atemlos, verursacht Gänsehaut und bringt so einige Male das eigene tiefe Rätsel und Empfinden der Liebe in innere Resonanz. Danke für dieses Werk!“

Die Rezension verfasste Marius Grün. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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In Kürze erhältlich: Outscapes-Magazin #9

Mit der frühmorgendlich kühlen Spätsommerluft weht in Kürze auch die mittlerweile neunte Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins für alternative (Genuss)Kultur heran. Unbeabsichtigter, weil aus dem Fluss der Redaktionsarbeit heraus entstandener Themenschwerpunkt: Sensibilität. Interviews mit der Schamanin und Romanautorin Susanne Agnes Fauser zu ihrem fesselnd-dunklen Debüt „Lilian„, mit der Künstlerin Andrea Cochius zu ihrer Position, wir alle bräuchten mehr Verletzlichkeit, mit Tomas Jungluth ob seiner sprachgewaltigen Novelle „Kammerflimmern“ einer zerstörerischen Borderline-Liebesbeziehung, geben dem Thema ein Profil. Aber auch die preisgekrönte Krimiautorin Simone Buchholz, das Multitalent Tommy Krappweis, der Filmemacher Pablo Mattarocci, der Fotomanipulateur Martin Geisler, Kruppes neue Kolumne sowie einige spannende Rezensionen sind zu entdecken… wie einiges mehr.

Bestellt oder gar abonniert werden kann das Magazin ab sofort in unserem Onlinestore unter diesem und diesem Link – mit dem Hinweis, dass wir unter den ersten NeuabonnentInnen die beiden obengenannten Bücher „Lilian“ und „Kammerflimmern“ von Susanne Agnes Fauser und Tomas Jungbluth der Edition Outbird verlosen.

Herzlich willkommen und vielen Dank!
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