„Lesungen sind wie eine Belohnung für die monatelange einsame Schreibarbeit.“ – Peter Wawerzinek im Interview

Als wir Peter Wawerzinek 2017 für die Septemberausgabe unseres „Outscapes“-Magazins interviewten, hatte es gerade mal eine Begegnung zur damaligen Lesung auf Burg Ranis gegeben. Ein freundlicher, ja freundschaftlicher Mensch trat uns zu dieser Zeit entgegen.
Seitdem ist die Zeit gerannt, hat Wawerzinek gemeinsam mit Florian Günther unseren Literarischen Salon in der Geraer Theaterfabrik beehrt und mit „Geisterfahrten durch Südschweden“ im März diesen Jahres eine Roadnovel in der „Edition Outbird“ veröffentlicht. Am 14. 11. 2019 nun wird Wawerzinek ein zweites Mal in der Theaterfabrik auftreten, um Seit an Seit mit dem Klaviervirtuosen Lukas Rauchstein zum Einen „Geisterfahrt durch Südschweden“ sowie seinen unlängst erschienenen Roman „Liebestölpel“ vorzustellen sowie zum Anderen das zwei Jahre währende Gastspiel unseres Kooperationspartners „Corvus e. V.“ in der Theaterfabrik abzuschließen.
Hallo Peter, es ist schön, Dir einmal mehr auf diesem Weg zu begegnen. Du hattest im oben erwähnten Interview ja schon einige Fragen zu Deiner künstlerischen Laufbahn und Inspiration beantwortet. Im heutigen Gepräch soll es um die Gegenwart gehen. Du warst Stadtschreiber in Jena und hast eine enge Verbindung zum Lese-Zeichen e. V. und nun ja auch uns. Was bedeuten Thüringen und seine Akteure für Dich?

Ich habe mich Anfang des Jahres in eine Thüringerin verguckt, verliebt. Bin mit ihr zusammen in Rom, teile mit ihr das Leben, die Kunst, die Villa Massimo. Wir reisen zusammen herum, arbeiten jeder für sich an unseren Dingen, reden viel, bereden alles, suchen uns gegenseitig die Gegenden schmackhaft zu machen, aus denen wir jeweils stammen, also Ostseebereiche und Thüringer Landschaften, Städte, Bräuche, Sitten, Worte, Satzweisheiten, Sprüche, Namen, Leute, Gewohnheiten. Ich will am Ende von mir sagen können, ein Stück weit Thüringer zu sein, zumindest soll da was auf mich abfärben.

Du wirst in der Geraer Theaterfabrik am 14. 12. eine kleine Lesetour in Thüringen abschließen, nachdem Du am 11. 12. in der Kulturbaustelle Suhl, am 12. 12. auf Burg Ranis und am 13. 12. in der Jenaer Villa Rosenthal gelesen haben wirst. Um was geht es in den beiden Bücher des Abends – „Geisterfahrt durch Südschweden“ und „Liebestölpel“?

Ich lasse hinter mir Bilder erscheinen aus Südschweden und zum Thema Liebe. Die kann ich nicht sehen, will ich auch nicht. Die sollen jeden Abend andere sein, zufällig auftauchen und ich bin gespannt, wie die Reaktionen sein werden, auch wenn ich nicht weiß, warum die Leute sich aufführen, lachen oder murren, oder sonst was dabei von sich geben. Diese Bilder suche ich gewissenhaft aus und vermenge sie schön wie einen Teig für den Augenschmaus.

Wer Dich einmal auf der Bühne erlebt bzw. eines Deiner Werke gelesen hat, weiß zum Einen, dass Du sehr offen mit Deinem Leben umgehst. Du erwähntest zur Lesung in der Theaterfabrik 2018, dass Du in Sachen Liebe ein Tölpel seiest. Wie darf man sich das vorstellen?

Einfach reinlesen in mein Buch. Wird alles erklärt – Zitat:

„Es gäbe in der Familienbande ein Gen, das mache uns zu Trottellummen. Trottellummen sind lebenslustige, leider aber sehr unbeholfene Vögel. Auf Helgoland beheimatet. Grandiose Flieger, beherrschen ihr Flughandwerk gut. Tolle Segler, in der Luft unübertroffen. Exzellente Taucher. Unter Wasser unschlagbar. Fangen den Fisch mit unvergleichlicher Eleganz. Sehen gut aus mit ihrem weißen Gefieder, dem edlen blauschwarzen Kopf, Hals, Buckel. Mein Opa imitiert den Vogel, verrenkt sich, deutet einen Landeanflug an, schüttelt den Kopf. Versucht sich den Buckel zu kratzen, als wäre ihm dafür ein Schnabel gewachsen: Trottellummen heißen so aufgrund ihres trotteligen Ganges. Sie können nicht über ihre Zehen abrollen, sondern nur auf ihren Hacken staken. Und schon watschelt er vor mir herum, stakt auf seinen Hacken wie Chaplin. Sie leben an Land in Kolonien, sind jedoch in der Luft Einzelgänger. Nestbau und Brutpflege sind für sie eher problematisch, sie kommen damit nicht zurecht, es ist nicht ihr Metier. Mein Opa fliegt die Flügelarme ausgebreitet um mich herum. Sie sind unbestrittene Beherrscher der Lüfte, können nur eben nicht sonderlich sicher landen. Sie bauen ihre Nester an Felsklippen, Junge, legen je ein einziges Ei hinein und müssen es zu zweit auf engstem Raum ausbrüten in Nestern an steile Felswände gepappt. Nestbau und Brutpflege sind absolut nicht ihr Ding. Sind die Benachteiligten der Evolution.“

Peter Wawerzinek im November 2018 mit Florian Günther in der Geraer Theaterfabrik.

zum Anderen bist Du nicht nur der trockene Autor, der mit einem Glas Wasser vor dem Publikum sitzt, sondern Schauspieler, und zwar einer dieser scheinbar mühelosen, die da beim Lesen von einer Rolle in die nächste zu wechseln scheinen. Ist das so eine Art Instinktding, eine Naturbegabung bei Dir, physisch mit Deinen Büchern zu verschmelzen?

Lesen ist für mich die reine Belohnung. Ich schreibe immer im Winterhalbjahr. In diesen Monaten bekomme ich einen anderen Lebensrhythmus. Ich esse dann vor allem Spiegelei mit Spinat und Bratkartoffel, gehe nicht mehr ans Telefon, mache nur noch Internet, und schreibe dann einfach von früh morgens bis mittags. Werde ich müde, schlafe ich meinetwegen von 13 bis 16 Uhr, schreibe bis zum frühen Abend, gucke einen Film, schlafe dabei ein, erwache, schreibe weiter, lege mich um fünf Uhr zum Schlafen hin. So oder ungefähr. Das stehe ich mit mir allein in der Arbeitsbude aus. Das hält doch keine Partnerin aus. Ich beginne im November. Er ist mein Lieblingsmonat. Ich schätze an ihm die Klarheit der Bäume, wenn sie blattlos und nackig sind. Ich überwinde schreibend Winter und Frost und höre mit dem anfangenden Erblühen auf. Dann muss das Buch fertig sein. Welch eine Freude herrscht in mir, wenn ich im April wieder aus der Bude komme, Menschen treffe und bei Lesungen ein Publikum habe. Das Vorlesen ist dann wie eine Belohnung für die monatelange einsame Schreibarbeit.

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

2018 warst Du mit dem Fotografen Bernhard Freutel in Schweden unterwegs, eine Ausstellung vorbereiten, Freunde und befreundete Künstler treffen, das Land durchstöbern, genießen und lieben lernen. Woraus dann „Geisterfahrt durch Südschweden“ entstand. Was ist Schweden für Dich? Wie würdest Du den Menschenschlag beschreiben?

Schweden rufe ich gegen die hallenden Berge, was befindet sich in Schweden. Und das Echo schreit mir zu: Eden. Schweden lässt an Nebel, Schwaden und schweben denken. Ich sehe Schweden als einen schwebenden Schwan, der Richtung Eden fliegt. Schwedenpunsch denke ich, schwedische Gardinen machen mir Angst, schwedische Streichhölzer lassen mich trauernd und weinend an das bibbernde Mädchen barfüssig denken. Im Wort Schweden sind alle Buchstaben enthalten, die man für das Wort Schnee braucht. Schweden ist mit Schnee voll sozusagen.

Derzeit nimmst Du ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom wahr – laut Wikipedia „bedeutendste Einrichtung zur Spitzenförderung deutscher Künstlerinnen und Künstler durch Studienaufenthalte im Ausland“. Was ist Dein Auftrag dort, wie muss man sich das Schaffen in einem so renommierten Institut vorstellen?

Ich muss dort absolut nix tun und soll am Ende meiner zehn Monate Zwangspause darüber einen Bericht verfassen, was genau ich da nicht getan habe. Das ist ein Irrsinn und ich entziehe mich dem Ganzen, in dem ich gegen die Auflage verstoße, doch etwas anrichte, tue, also schreibe. Pasolini zum Beispiel. ich fahre ihm nach auf der Chaussee aus Sand, dem Titel seines Buches von 1959. Ich maile mit M. Kruppe über Themen wie wir sie aus dem Alltag und der Luft greifen. Daraus wird am Ende ein wichtiges Buch werden, darüber, wie wir denken, empfinden, drauf sind, trotz der Jahrzehnte Altersunterschied, oder eben grade deswegen.

M. Kruppe: Ich war recht überrascht, allerdings auch geehrt, dass Peter mit mir ein Buch machen will. Vor allem aber angetan von der Idee, ohne beschönigende Schnörkel in der Sprache das Ist zu analysieren. Das ist im Grunde auch anfänglich das ganze Konzept gewesen: Lass uns schreiben über alles, was unbedingt (noch) gesagt werden muss. Lass uns reden über Gott und die Welt, über Literatur und ihre Macher, lass uns reden über die Dinge, die uns ankotzen, lass uns deutlich sein ohne sprachlich zu übertreiben.

Wir wollen kein Irvine Welsh sein, aber auch keine angepasste verkaufsfreundliche Sprache verwenden. Auf alle Konventionen verzichtend, ohne dabei ein Mindestmaß an Niveau zu verlieren, entsteht ein auf einen Briefwechsel beruhendes Buch, das, wie Peter schon sagt, durchaus wichtig ist.

Was wird in nächster Zeit von Dir außerdem zu erwarten sein? Welche Zukunftspläne treiben Dich derzeit um?

Vieles habe ich noch nicht angepackt. Es fehlen mir immer noch der großartige Lyrikband, die wundersame Novelle, das umhauende Kinderbuch, der tolle Comic, die feinsinnigen Erzählungen. Und ich habe noch nie ein Songbuch verfasst, so mit Hits aus meiner Feder.

Lieber Peter, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Gerd Adloff, Corvus e. V., Edition Outbird
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