„Den einen oder anderen dazu bringen, Flüchtlinge als Menschen zu sehen“ – Mona Krassu im Interview zu „Freitagsfische“

Von Mona Krassu, Geraer Schriftstellerin und Romanautorin, ist dieser Tage bei Edition Outbird ihr zweiter Roman „Freitagsfische“ erschienen. Ein Roman, der den Leser schnell glauben lässt, in die Nachkriegszeit versetzt worden zu sein, so authentisch und genau ist Monas Blick.
Merkwürdiger Name, denkt man, bevor man auf den Klappentext schaut und neben Feridun Zaimoglus unbedingter Leseempfehlung das Thema erfasst: Flucht aus Breslau in die Sowjetische Besatzungszone und damit in ein schweres Leben voller Feindseligkeiten und Schwierigkeiten mit dem System.

Mona, was hat Dich bewogen, dieses Buch zu schreiben? Worum geht es darin?

Schon in frühester Kindheit lauschte ich den Gesprächen zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester. Da hieß es immer: „Unsere Mutti hat es so schwer gehabt. Da hat sie Tag und Nacht genäht und wir lebten trotzdem von der Hand in den Mund.“ Nähere Erklärungen dazu gab es nicht. Ich wollte aber wissen, warum und wieso das so war. Die Mutter meiner Mutter, also meine Oma, war aber schon tot, als ich noch nicht mal auf der Welt war. Sie konnte ich also nicht fragen. Mutter und Tante antworteten ausweichend.
Um diesen Roman zu schreiben, befragte ich andere Zeitzeugen. Zu Flucht und Vertreibung, zu Anfeindungen in der neuen Heimat und so weiter. Wie im Roman üblich ist einiges, das hier erzählt wird, fiktiv. Es ging mir darum, diese Zeit für mich selbst begreifbar zu machen und auch darum, meiner Oma ein Literarisches Denkmal zu setzen und damit auch all den anderen Frauen, die in jener Zeit ihre Kinder allein satt kriegen mussten.

Das Buch weist deutliche Parallelen in die Gegenwart auf, Stichwort Flüchtlingspolitik. Ist und war das Deine Absicht, angesichts der seit Jahren laufenden Einwanderungsdebatte einen Rückblick zu gestatten? Welche (gesellschaftliche) Aufgabe siehst Du in Deinem Roman?

Ehrlich gesagt nein. Als ich mit der Arbeit an diesem Roman begann, war dieses Thema noch nicht so präsent. Die Parallelen sind mir erst, während wir zusammen lektorierten, bewusst geworden. Aber ich muss zugeben, es würde mich freuen, wenn dieser Roman den einen oder anderen (möglichst viele Menschen 🙂 ) dazu bringen würde, Flüchtlinge als Menschen wie du und ich zu sehen. Da steht ein Mensch vor mir, ich betone das Wort Mensch. Und dieser Mensch hat Schreckliches erlebt, Kriege, Tod, Armut usw.. Wir, denen es so gut geht, vergessen manchmal, dass es das Geburtsrecht eines jeden Menschen ist, ein Leben in Gesundheit und Freude zu leben. Das könnte also Aufgabe des Romans sein, wenn man in der Literatur überhaupt von Aufgaben sprechen kann. Ein anderes Lesegeschenk, dass der Roman machen kann, ist hauptsächlich an die jüngere Generation gerichtet. Was wissen junge Menschen heute über diese Zeit? Es ist sehr ernüchternd, wenn man manchen 16- bis 25-jährigen diese Frage stellt.

Wenn man sich mit Dir unterhält, merkt man rasch, dass Du das Schreiben sehr ernst nimmst. Wie sieht bei Dir der Schaffensprozess des Schreibens aus?

Ja, das Schreiben hat sich den ersten Rang in meinem Leben erobert. Die Themen finden mich, ich suche nicht nach ihnen. Sie entstehen durch intensives Beobachten der Welt, in der ich lebe oder mir erzählt jemand direkt etwas aus seinem Leben. Es ist, als würde ein Hund mich beißen, meist weiß ich sofort, das ist aber ein packendes Thema. Wenn ich also auf diese Art infiziert bin, mache ich mir Notizen. Ich kann dann genau sagen, wie meine Hauptfigur aussieht, wie alt sie ist, was sie will. Mehr aber nicht. Ich entwickle Romane von Szene zu Szene. Das heißt, die Figuren entwickeln den Roman weiter. Ich kann vorher kein Handlungsgerüst erstellen. Das habe ich versucht. Aber das waren dann keine Menschen, sondern Figuren, die auf Stelzen daher kamen und schnell umkippten. Geschrieben wird möglichst jeden Tag nach dem Brotjob. Das heißt auch an Feiertagen und im Urlaub.

Wie kamst Du zum Schreiben?

Schon als Kind las ich lieber, als draußen zu spielen. Die Bibliothek in Weida war nicht gerade groß, die Auswahl nicht so umfangreich, wie man das heute kennt. Schon im Alter von 13 Jahren hatte ich da alles gelesen, was mich mehr oder weniger interessierte.
Meine Mutter gab mir das Buch „Christa“ von Jurij Brèzan. Das war mein erstes großes Leseerlebnis, weil ich mit Christa fühlte, und wie sie aus Liebeskummer weinte. Mit ihr litt ich, als sie erkannte, was für ein Mensch ihr leiblicher Vater wirklich war. Auch später dachte ich hin und wieder an Christa. Jurij Brèzan hatte es also geschafft, dass Christa eine reale Person für mich wurde. Es dauerte trotzdem noch viele Jahre, bis mich das Schreiben fand. Meine erste Leidenschaft war nämlich die Musik. Meine Kindheit war geprägt durch das Singen im Chor. Singen machte mir Freude und ich kam mit dem Chor viel rum.
Und als ich mein Idol fand, Udo Lindenberg, da träumte ich, zu sein wie er, zu leben wie er, Lieder zu singen wie er, mit den gleichen Inhalten, was natürlich in der DDR unmöglich war. Der Traum platzte, als ich mich kurz nach der Wende bei einer Band als Sängerin bewarb. Ich erschrak selbst darüber, wie schräg mein Gesang beim Vorsingen klang. Ganz zu schweigen von dem Versuch, das Gitarrespielen zu erlernen.
Ich war unzufrieden mit dem öden Leben, als 22-jährige zur Arbeit zu gehen, nach Hause zu kommen, zu putzen, fernzusehen. Das konnte nicht alles sein. Durch die Kölschrock-Gruppe BAP wurde ich auf Heinrich Böll aufmerksam. Als ich „Wo warst du Adam“ und „Und sagte kein einziges Wort“ las, war es endgültig mit mir passiert. Ich wollte schreiben lernen und zwar so großartig wie Heinrich Böll.

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Was sind Deine Träume als Autorin und Mensch?

Natürlich träume ich wie jeder Schreiber davon, vom Verkauf der Romane leben zu können. Außerdem lese ich sehr gerne vor Publikum, auch wenn ich dann kurz vor einer Lesung immer denke: Warum tust du dir das an? Es ist einfach bewegend zu erleben, wie der Text auf die Zuhörer wirkt, wie sie ihn in eigenes Erleben umwandeln. Man wohnt dann einer Metamorphose bei, selbst wenn die Reaktionen negativ ausfallen sollten. Mir wurde ja schon mehr als einmal gesagt, dass meine Texte düster seien. Dazu stehe ich, weil es ein Ansinnen und somit auch ein Traum von mir ist, die Leser für Mitmenschen zu sensibilisieren, denen es nicht so gut geht. In einer Welt, wo Geld und Konsum bei vielen (vielleicht unbewusst) an erster Stelle stehen, finde ich es wichtig, dass wir uns wieder auf die eigentlichen Werte besinnen. Die liegen meiner Meinung nach im Miteinander, im gegenseitigen Austausch, im Ausdruck des Selbst, im Entdecken der Natur und im Weitergeben an nachfolgende Generationen. Amen. Große Worte, und ich zeige dabei auch auf mich, denn ich lebe selbst nicht immer nach diesen Werten. Aber ich bemühe mich.

Wie schätzt Du den Buchmarkt der (nahen) Zukunft ein? Welche Risiken und Chancen siehst Du?

Es wird viel gejammert über rückläufige Verkaufszahlen. Ich aber sage, Totgesagte leben länger. In Büchern steckt ja so viel mehr, als eine Geschichte. Obwohl alle dasselbe Buch lesen, liest doch jeder etwas anderes, weil der Leser eben sich selbst beim Lesen mit einbringt, seine Phantasie, seine Erfahrungen. Lesen kann Anregung oder Entspannung sein, es kann Nachdenken sein und Erkennen. So ein Medium stirbt nicht aus. Die Zahl der Leser wird wieder steigen. Was mich oft ärgert, ist die Vielzahl der Bücher, die auf den Markt geworfen werden. Weil das kein Mehrwert ist, sondern nur der Profitgier großer Verlagsgesellschaften geschuldet ist. Du bist da zum Glück eine positive Ausnahme.

Nicht selten sind kreative Geister sehr selbstkritisch und streng zu sich selbst. Was glaubst Du, woher das rührt? Was rätst Du solchen Skeptikern?

Jetzt hast Du mich aber voll erwischt. Ich bin auch so ein Schreiber. Ich finde immer wieder Textstellen wo ich denke: „mein Gott, was hast Du da bloß für Mist geschrieben?“. Aber ein paar Tage später ist dieselbe Textstelle dann wieder richtig gut.
An Tagen, an denen ich vor Beklemmung und Angst gar nicht schreiben kann, zwinge ich mich, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und trotzdem zu schreiben. Man kann es ja notfalls wegwerfen oder löschen, aber man ist in Gedanken in der Geschichte geblieben, das ist wichtig. Mein Rat also: „Sitzen bleiben!“

Horst Sakulowski, Thüringer Künstler (entwarf die Covergrafik)

Eine letzte Frage: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Wo wirst Du lesen, welcher Romanstoff wird auf „Freitagsfische“ folgen?

Lesen möchte ich gern überall. Feste Termine für den Roman Freitagsfische gibt es bisher in Suhl am 22. 8. in der Kulturbaustelle, in Weida am 8. 9. im Rahmen des Tages des offenen Denkmals in der Lohgerberei (bereits ab 11 Uhr), in Gera am 10. 9. in der Stadtbibliothek, am 3. 10. im Clown-Museum Leipzig und in Saalfeld am 2. 11. um 17 Uhr in der Saalegalerie (die fehlenden Uhrzeiten bitte erfragen, d. Red.).
Der nächste Roman ist in der Rohfassung schon fertig. Er spielt wieder in der ehemaligen DDR. Anhand der Hauptfigur, einem Mädchen, 1966 geboren, wird für den Leser sowohl geistig als auch körperlich erfahrbar, wie es war, in einer Diktatur aufzuwachsen. Das wurde schon in einigen Nachwenderomanen erzählt, ich weiß. Aber hier geht es um die Disziplinierung durch Medizin. Ein Thema, dass bisher nur in einem Sachbuch aufgearbeitet wurde. Die Opfer kämpfen noch heute um Entschädigung.
Es wird aber auch weitere Kurzgeschichten und Gedichte geben. Und mich hat schon wieder ein Thema für einen Roman gebissen. 🙂

Liebe Mona, ich wünsch Dir viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat.
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„Ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen“ – Frank Hildebrandt im Interview zu „Gedankenspiele“

Kurz vor der Leipziger Buchmesse 2019 erschien von Frank Hildebrandt in der „Edition Outbird“ sein Buch „Gedankenspiele“, eine Sammlung aus Gesprächen, Gedanken und Aphorismen. Ähnlich wie in Tomas JungbluthsKammerflimmern“ finden sich auch hier Elemente einer Gesprächsführung, die die Aussagen und Antworten des Gegenübers im Dunklen oder bestenfalls erahnen lässt. Fast könnte man vermuten, „Gedankenspiele“ würde auf moderne Art christliche Werte und Sünden auf den Prüfstand stellen, ohne sich mit religiösen Lebensentwürfen jedoch gemein zu machen. In unaufdringlicher, leichter Sprache stößt Hildebrandt zu Themen wie „Neid“, „Schuld“, „Verlust“, „Schubladendenken“ oder „Schwächen der anderen“ Antworten an, die wir selbst mitnehmen oder für uns finden können.

Frank, mit „Gedankenspiele“ ist es Dir gelungen, Philosophie als etwas Leichtes greifbar zu machen, etwas, dass es uns fernab von elitär-akademischem Theorien ermöglicht, viele Fragen des Lebens zu betrachten und Antworten darauf zu finden. Fast scheint es manchmal, als lösten Deine kurzen Betrachtungen zu verschiedenen Themen deren Schwere auf, die uns so oft in Medien und gesellschaftlichen Debatten glauben gemacht wird. Woher nimmt ein eigenen Aussagen zufolge so tiefer Mensch diese Leichtigkeit?

Ich denke, wer sich einmal mutig auf die Komplexität der Themen des Lebens eingelassen hat, ohne deren Schwere zu verdrängen, der trägt weniger Ballast.

In manchen Deiner Texte, beispielsweise „Das Gute“, reißt Du es als quasi Allgemeingut an, dass wir Menschen in ständiger Auseinandersetzung mit dem Destruktiven in uns stünden. Eine Aussage, die ich so nicht teilen kann. Mir sind immer wieder auch Menschen begegnet, die ihr Inneres bei aller Destruktivität in einer solchen Klarheit und damit mit der Gewissheit, nicht nur perfekt, gut und schön zu sein, nicht ertragen können, es vielmehr ausblenden, verdrängen oder projizieren. Folgt „Gedankenspiele“ mitunter einer Utopie, einem Wunschdenken für ein besseres menschliches Miteinander?

Ja, ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen, die die Auseinandersetzung mit dem Destruktiven, den Mustern in uns, nicht scheuen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Vorstellung von dem hat, was er leben will. Kommt er darüber mit sich und mit anderen nicht ins Gespräch, in den Dialog, bleibt sein Wert auf der Strecke, d.h. sein Entwicklungsprozess stagniert. Und die Utopie verhilft dem Wert wieder auf die Sprünge.

Wenn man Dir begegnet, begegnet man einem angenehm unaufdringlichen, beinahe stillen Menschen, dessen Worte und Beobachtungen nicht erahnen lassen, dass Du in früheren Lebensjahren sehr politisch warst und dafür auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen hattest. Willst Du uns etwas über Dein Engagement sagen und wie es dazu kam?

Ich war schon in der DDR ein politisch denkender Mensch, der seiner inneren Stimme, dem moralischen Gewissen folgen wollte. Ich setzte mich damals für die Einhaltung von Menschenrechten ein, dafür riskierte ich Gefängnis. Auch heute, in unserer Vorstellung von Demokratie, gilt es, etwas dem Zeitgeist entgegen zu-setzen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Glaubst Du, dass wir Menschen, wir einzelnen Individuen etwas an einem ungerechten System ändern können? Was ist in Zeiten des Hasses und der Spaltung das Gebot der Stunde, worin liegt Deiner Meinung nach die größte Not für uns alle, zu handeln? Und vor allem: Wie können wir Konsumenten und Wähler und angesichts der alles durchdringenden Manipulation durch Politik und Werbung eine eigene, klare Meinung bilden? Kann „Gedankenspiele“ da nicht ein wichtiger Baustein sein?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas gegen den Hass und die Spaltung tun kann. Je bewusster wir uns der eigenen Stärke sind, je gründlicher wir die Analyse unseres Selbst und der gesellschaftlichen Situation betreiben, je besser werden wir in der Lage sein, uns und die Gesellschaft zu verändern. Gewiss, es kommt auf die kleinen Schritte an. Wir haben mehr Einfluss, als wir denken.

Ich hatte vorhin den Vergleich zur Narzissmus-Novelle „Kammerflimmern“ gezogen, deren Lektüre Dich im vergangenen Jahr sehr berührt hat. Auf der Buchmesse hatten wir das Gespräch, in dem klar wurde, dass diese (Un)Tiefe und bisweilen empfindsame Schwere Jungbluths auch in Dir angelegt ist. Wie kann man aus Deiner Sicht ohne Selbstzensur vermeiden, zu viel davon in engste Beziehungen einzubringen, quasi das Gegenüber zu überlasten?

Du kannst mit deiner Art zu sein, andere belasten. Trotzdem ist man so, wie man ist, ein Teil der Gesellschaft. Man trägt Verantwortung, für sich und für den Umgang mit anderen. Wenn man den anderen Menschen sieht, wer er ist, lässt sich möglicherweise ein Ausgleich finden.

Du sprichst so viele Themen an, die ich immer wieder als „Druckerzeuger“ wahrnehme – Gutmenschen zum Beispiel (in einer neuen, unbelasteten Definition), Schuld (ein sehr schweres Wort, wie ich finde) oder einer moralischen Instanz. Für mich gibt es in dieser Gesellschaft(sdebatte) nur noch die Möglichkeit, sich dem Sturm an Meinungen, Manipulationen, Negativität und Angsterzeugung zu entziehen (beispielsweise durch Vermeidung von Nachrichten) oder sich mit voller Kraft für eine bessere Utopie zu engagieren. Viele Menschen gehen ja in die innere Migration – sie verdrängen, schalten den Kopf ab, berauschen sich, folgen der frustrierten Masse, Stichwort AfD. War „Gedankenspiele“ für Dich eine Art Ventil, eine Art Notwendigkeit zum Druckausgleich?

Sicherlich war „Gedankenspiele“ eine Art Therapie. Etwas aufzuschreiben bedeutet für mich, etwas loszulassen. Und mit dieser Art Notwendigkeit, wie Du es sagst, suchte ich meinen Weg. Ich denke, andere könnten sich auch durch meine Themen mitgenommen fühlen.

Mitunter taucht in mir die Frage auf, wieso Du bisher so wenig veröffentlicht hast. Gibt es dahingehend Zukunftspläne? Was hast Du mit dem frisch erschienenen Buch „Gedankenspiele“ vor?

Jetzt war die Zeit reif dazu, dieses Buch zu schreiben. Ich wünsche mir, mit dem Leser, in Cafe’s, in philosophischen Runden, auch in Schulen vielleicht, in einen anregenden Gedankenaustausch zu kommen, über das Leben, wie es sein könnte. Gegenseitiges Lernen sehe ich als Voraussetzung dafür.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Ingo Heine.
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„Vertrauen und Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte“ – Corina Gutmann im Interview zu „Kopfkino“

Corina Gutmann, Leiterin der Stadtbibliothek Greiz, ist seit vielen Jahren hochengagiert in Sachen kulturelle Vielfalt in der Region wie auch in der Gefängnisarbeit. Sie arbeitet in der JVA Hohenleuben mit Häftlingen, gibt beispielsweise Schreibworkshops. Aus diesen Workshops ist im vergangenen Jahr die unlängst in der „Edition Outbird“ erschienene Anthologie „Kopfkino“ entstanden, die Lyrik, Prosa, Kurzgeschichten, aber auch einen Songtext beinhaltet und die Workshoparbeit in zahlreichen Fotografien abbildet.

Corina, was war Deine ursprüngliche Motivation, Dich ausgerechnet in der Gefängnisarbeit zu engagieren?

Das passierte eher zufällig, damals zu Zeiten ohne Smartphone etc. kamen die Freigänger in die Greizer Bibliothek und nutzten die Internet-Arbeitsplätze. Na und mit der JVA-Beamtin Anke Hartmann arbeitete ich schon länger zusammen. Und wenn zwei Kreative die Köpfe zusammen stecken, entsteht etwas… Zwei Wochen später führten wir im Knast einen Vorlesewettbewerb durch und bald folgte Poetry Slam. Tja, und wenn man einmal dabei ist…

Du kommst im Rahmen dieser Arbeit sicher mit den verschiedensten Menschen zusammen, ist es angesichts dessen und der Bedingungen leicht, eine kreativ schöpferische Arbeit zu koordinieren?

Das ist eine Parallelwelt und doch ist es genauso wie „draußen“. Der Anstaltsleiter (mittlerweile der dritte) muss hinter dieser Arbeit stehen. Und man braucht in der Einrichtung einen Partner, mit dem man vertrauensvoll und auf Augenhöhe arbeiten kann. Das ist Anke Hartmann, einfach unglaublich gut, wie wir zusammen funktionieren. Und dann bin ich immer auf Sponsoren- und Künstlersuche für die Projekte. Das gleicht der Polarisierung in der öffentlichen Wahrnehmung, Begeisterung pur oder totale Ablehnung. Die Koordinierung ist im Knast natürlich immer aufwendiger, da geht es zum Beispiel um Sicherheit.

Wie kann man sich eine solche Workshoparbeit vorstellen?

Es geht um erwachsene Menschen, die Basis ist Freiwilligkeit. Also für mich ist das genau so wie „draußen“, man stellt sich vor und tastet sich heran und man weiß genau, wenn es nicht passt, kommt keiner mehr. Anders ist im Knast die Intensität. Es gibt keine Ablenkung zwecks Telefone oder Internet, da wird schon intensiver gearbeitet. Und bitteschön, das sind erwachsene Männer, „draußen“ arbeite ich doch eher mit Jugendlichen. Vertrauen und Respekt sind ganz wichtig.

Die Menschen, mit denen Du arbeitest, sitzen wegen ganz unterschiedlichen Fällen im Gefängnis. Kann man das differenzieren? Wieviele sind beispielsweise unverbesserlich, wieviele „mitgehangen und reingerutscht“, wie hoch ist schätzungsweise der Prozentsatz derer, die ihre Fehler bereuen und sich fest vornehmen, sich in der Zukunft ein anderes und besseres Leben aufzubauen?

Dazu bin ich nicht aussagefähig. Die Gefangenen erzählen mir während der Projekte oder als Justizhelferin von ihren Straftaten – oder nicht. Und fest steht auch, nicht jeder wird bei solchen Projekten mitmachen. Also ehrlich, all die, die ich kennengelernt habe und die sich mir anvertraut haben, waren nicht stolz auf ihre Straftaten und wollen draußen ihr Leben führen.

Du sagtest unlängst, dass Du aufgrund dieser Arbeit auch Ablehnung und Vorurteile erfährst. Wo liegen die Ursachen dafür?

Na sicher polarisiert diese Arbeit im Gefängnis. Da sind wir schon wieder beim „Kopfkino“, Bibliothekarin und Knast, das passt nicht zusammen. Man darf auch nie die Opfer vergessen, zu oft werden sie allein gelassen oder sie müssen sich rechtfertigen. Das verstehe ich sehr. Aber einfach wegsperren, wie es oft heißt „bei Wasser und Brot“, ich glaube nicht, dass das der bessere Weg wäre. Ursachen der Ablehnung für diese Projekte liegen gewiss auch in Unkenntnis, das Thema ist emotional. Ich bin gewiss keine Sozialromantikerin, aber was ich sehe an Resozialisierung in der JVA Hohenleuben macht Hoffnung. Da gibt es beispielsweise die Suchtberatung, Sozialarbeiter, Schul- und Berufsausbildung, so wird ein eigenverantwortliches Leben nach dem Knast gut vorbereitet. Und unsere Projekte passen da gut rein.

Wie unterscheidet sich aus Deiner Sicht das gesellschaftliche Miteinander im Gefängnis von dem in Freiheit?

Es ist eine Welt in sich, eben hinter dicken Mauern, alle müssen miteinander leben und auskommen. Ich werde immer sehr anständig behandelt und gehe mit allen normal und selbstverständlich um.

Deine Arbeit kommt nicht ohne starke Partner zustande, Du erfährst enge Unterstützung vom Leiter der Haftanstalt Jürgen Frank und der Freizeitbeamtin Anke Hartmann. Wie sieht so eine Kooperation aus?

Die ist eben genau wie alle anderen Kooperationen. Das ist sehr schön, dass der Anstaltsleiter die Kooperation so positiv unterstützt, sonst könnte diese überhaupt nicht stattfinden. Vertrauen und Augenhöhe sind wichtig. Anke Hartmann, die Freizeitbeamtin ist im Agieren meine Ansprechpartnerin. Ohne sie gäbe es diese Kooperation gar nicht. Das ist ein richtig gutes Zusammenarbeiten, also so ein bisschen verrückt sind wir beide, da entstehen eben auch außergewöhnliche Projekte.

Wie würdest Du „Kopfkino“ beschreiben, was bedeutet dieses Buch für Dich, was macht es aus und was spiegelt es wider?

Also ich bin so glücklich, das Buch macht mich froh. Und stolz bin ich, dass sie alle mitgemacht haben und dann auch ihre Texte unbedingt im Buch wollten. „Kopfkino“ – der Weg war das Eigentliche, was da miteinander beim Schreiben passiert. Wir haben ja um die 50 Stunden zusammen geschrieben, über das Geschriebene gesprochen und selbstverständlich auch über andere Dinge geredet, fotografiert, das macht etwas mit einem. Da wird Vertrauen aufgebaut und natürlich habe ich hinsichtlich der Veröffentlichung alles getan, um niemanden zu enttäuschen. Das wäre desaströs. Dieses Vertrauen und die Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte. Ja, da schenkst du jedem das gedruckte Buch und siehst in den Gesichtern den Stolz, die Freude?!

Hast Du einen Wunsch hinsichtlich des gesellschaftlichen Umgangs mit diesem Thema?

Joachim Fritzsche, Anstaltsleiter a.D., sagte immer, es gibt ein Leben nach dem Knast. Genau nach ein paar Jahren leben sie wieder unter uns. Das soll doch gut werden!

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Corina.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Frank Gutmann, Edition Outbird, Corina Gutmann.
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„Ich bin ein höriger Diener meiner Ideen und immer wieder gespannt, wohin die mich führen“ – Interview mit Andreas Hähle zu „Wahnsignale“

Andreas Hähle, Autor, Songtexter und Redner und 51 Jahre alt, veröffentlichte bei Edition Outbird Ende des vergangenen Jahres den verstörenden Roman „Wahnsignale“. Verstörend, weil er einen Lesesog entfaltet, der seiner Leserschaft keine Alternative des Entrinnens aus der zunehmend wahnhaften Welt des Protagonisten gewährt, die ihn mit den Wendejahren innerlich zerreißt. Andreas, der seit geraumer Zeit mit und gegen Krebs anzukämpfen hat, sprach mit uns über sein Buch und sein derzeitiges Leben.

Andreas, wann entstand „Wahnsignale“? Und war das Buch neben einem Rückblick auf die Verwerfungen der Wendezeit vielleicht auch ein unbemerktes Gleichnis, eine Ahnung auf das auf Dich Zukommende?

Die Idee zu dem Projekt „Wahnsignale“ kam mir bereits Anfang der 90er Jahre. Ich lebte damals noch in Stralsund und war tagtäglich mit den Verwerfungen und Traumata dieser Jahre bei den DDR-Bürgern konfrontiert. Es begann ja mit einer unglaublich wärmenden Kraft des Aufbruchs und des Neubeginns und da war auch ein riesiger Sog an Gestaltungswillen ganz unterschiedlicher Art und Intentionen. Die Menschen begannen Ideen zu entwickeln und zu entfalten. Plötzlich wurde alles umgedreht, die Ideen und Aktivitäten hatten keinen Wert mehr, sie passten nicht zu dem neuen Land, in welches die Menschen eingesogen wurden. Es sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte werden, aber sie wurde länger und länger. Ich fand in meinem Kopf immer mehr Material dazu und die Handlung wollte sich weiter entwickeln. Irgendwann habe ich die Arbeit dann unterbrochen, weil ich mit dem Sujet nicht mehr weiterkam, aber auch, weil ich natürlich sehr viele andere Dinge im Kopf hatte und nicht wirklich eine Möglichkeit gesehen habe, bei einer eventuellen Fertigstellung dieses Projekts auch eine Veröffentlichung herbeiführen zu können. Irgendwann fand ich auf der Suche nach einer anderen Materialsammlung für ein anderes Projekt diesen Text wieder, las und stellte ihn fertig. Er wurde dann ganz anders als gedacht, aber so fand ich ihn gut. Eine Ahnung ist vielleicht immer da, von dem was kommt, was kommen könnte, was sein könnte, jedenfalls immer dann, wenn man sehr in die Tiefe schaut. Und bei diesem Roman habe ich sehr in die Tiefe geschaut. Der Protagonist bin ja nicht ich, das ist ein Konglomerat aus anderen Menschen, denen ich begegnet bin und auch ein Resultat aus vielen Gesprächen mit Freunden.

Wie würdest Du mit wenigen Worten „Wahnsignale“ beschreiben und wie erklärst Du Dir seinen Erfolg?

Erfolg? Nun, wenn der Roman ein Erfolg ist, kann ich ihn mir nicht erklären. Ich finde, es ist das schwerste Stück Literatur, welches ich je geschrieben habe. Schwer für mich beim Schreiben und ich dachte, er wäre auch sehr schwer zu lesen. Einige haben mir das auch bestätigt, wiederum andere kamen sehr gut damit zurecht und empfanden es eher als ein leicht zu konsumierendes und nachzuvollziehendes Werk. Vielleicht trifft es einfach den Zeitgeist, den Stand der derzeitigen Aufarbeitung der eigenen persönlichen Erlebnisse aus den 90er Jahren und der Erkenntnisse, zu denen man dabei gelangt. Und es werden viele tiefgehende Gedanken in Selbstmonologen des Protagonisten geäußert, die vielleicht doch für viele leichter nachvollziehbar sind als ich es beim Schreiben annahm. Ein bisschen kann es auch an der Sprache liegen, derer ich mich bediene. Diese und die Stilistik ist meine ureigene. Ich erzähle schon anders als andere Autoren. Nicht um mich abheben zu wollen, ich erzähle einfach so. Ich liebe Metaphern und Allegorien und Gedankenspiele sehr.

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Welche Bedeutung, welche Umbrüche brachten für Dich die Wendejahre? Wie nahmst Du diesen gravierenden, für viele entwurzelnden Umbruch wahr?

Für mich persönlich war die Wendezeit erst einmal das Ende meines Kabarettkollektivs „Die Wunderkinder“. Die Ereignisse überstürzten sich, ich schrieb jeden Morgen neue Texte, die dann am Abend der Aufführung bereits überholt waren. Also verordnete ich meinen Mitstreitern 1991 ein Jahr Zwangspause, um die Entwicklungen abzuwarten. Diese Pause dauert bis heute an. Erst vor einigen Tagen fragte mich zufällig ein Mitstreiter erstmalig nach dieser langen Zeit, ob wir nicht wieder zusammen auftreten mögen. So lange ging die Pause vorerst.

Aus meiner Sicht allerdings gab es keine eine Wende, es gab mehrere davon. Das eine war der Wille zum Aufbruch in ein humanistisches Land, „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ war das Label. Doch dann folgte die Gewalt der rein materiell interessierten Masse. Mit der hatte ich nicht gerechnet. Mit der konnte ich auch überhaupt nichts anfangen. Die überrannte – quasi konterrevolutionär – den aufkeimenden Humanismus und konterkarierte ihn sogar und spätestens mit der Einheit wurde der Humanismus durch den Turobokapitalismus in sein Gegenteil verkehrt. Die DDR wurde zum Ramschladen. Das kann man sich vorstellen wie früher Kolonialisten mit Insulanern gehandelt haben. Sie tauschten ihren Müll gegen Gold, das sie dann einfach verramschten. Die DDR wurde ausgeschlachtet und die Biographien entwertet. Es blieb nichts mehr übrig und der Humanismus, die Freiheit blieben dabei vergessen auf der Strecke.

Würdest Du der kursierenden Theorie zustimmen, die die Ursache des vornehmlich im Osten vorherrschenden Problems faschistischer Strömungen und Aktivitäten in dieser Entwurzelung und Herabwürdigung alldessen sieht, was einst die DDR ausmachte?

Ich stimme ja schon gar nicht zu, dass faschistische Strömungen kein gesamtdeutsches Problem sind. Mittlerweile sind sie eher sogar ein europäisches Problem. Die Ursachen liegen nicht nur in der Entwurzelung, wenn man in den Osten schaut, aber sicher auch. Man darf doch nicht vergessen, dass das Staatsgebilde DDR bis zum November 1989 ein sehr nationalistisches war und teilweise, in der staatlichen Doktrin, auffällig faschistoid. Mit Sozialismus hatte das ja schon gar nichts mehr zu tun. Nein, was da kaputt gemacht wurde, auch im Zusammenhang mit der Überbewertung des militärischen Aspekts, das haben diejenigen schon im vierzigjährigen Kopfbürgerkrieg hinbekommen, die den Sozialismus verwalten sollten. Im Westen wiederum gab es nie eine ernsthafte Aufarbeitung des Faschismus. Viele können Nazismus und Faschismus nicht einmal voneinander unterscheiden. Da fängt es ja schon an. Ich neige eher zu der sehr pessimistischen Einschätzung, dass der Faschismus des deutschen Michels alltägliches Grundempfinden ist. Das ist noch lange nicht weg. Man kann nur hoffen, dass der gerade aufkeimende Hypernationalismus schnell in einen im Vergleich dazu wesentlich intelligenteren Regionalismus strömt. Die Tendenzen dazu sind deutlich absehbar, das wäre schon gesamtgesellschaftlich beruhigender. Daraus könnte man etwas Neues gestalten, aber vom Humanismus sind wir leider noch weiter entfernt als Anfang der 90er, spätestens seit Schröder mit seiner Arbeitsmarktpolitik Deutschland zurück in die Feudalgesellschaft katapultiert hat.

Die Zöllner

Du hast in Deinen Schaffensjahren nicht nur als Redner gearbeitet, sondern auch zahlreiche Songtexte verfasst, beispielsweise für Die Zöllner, Transit und viele andere Bands und Musiker. Du warst als Produzent tätig, als Dramaturg, Redakteur, Kolumnist und auch im Comedy-Bereich. Woher kommt Deine Energie? Wo ziehst Du Deine Grenzen?

Meine Grenzen sind da sehr eindeutig und resultieren aus mittlerweile über vierzig Jahren Schaffens- und Lebenserfahrung. Ich mache nichts, aber auch gar nichts, was ich nicht kann. Ich habe vieles lernen und mir aneignen können, aber dabei auch gelernt, dass ich zu manchem nicht befähigt bin, was ich vielleicht auch mal machen wollte. Das habe ich sein lassen. Ansonsten bin ich ein höriger Diener meiner Ideen und bin selbst immer wieder gespannt, wohin die mich führen.

Wie ergab sich Deine Zusammenarbeit mit so vielen verschiedenen Musikern?

So seltsam es klingt: meist ergab es sich von selbst. Ich war ja bereits als Jugendlicher, so mit 16/17 Jahren kein unbeschriebenes Blatt in der sogenannten „Szene“. Ich wurde von Musikern angesprochen und sehr häufig sprach ich selbst Musiker und Bands an. Mit manchen wurde ich absichtlich bekannt gemacht. Zudem bin ich sehr viel unterwegs gewesen, auf Konzerten und man darf auch die eigenen Radio- und TV-Sendungen nicht vergessen, die ich gemacht habe. Auch dabei kam es zu vielen interessanten neuen Kontakten und Zusammenarbeiten. Und da ich kein Stubenhocker war, traf man sich auch außerhalb von Konzerten und ähnlichen Anlässen sehr viel. Und immer mal kommt jemand mit einer Idee zu mir oder ich habe eine. Man darf bei all dem allerdings nicht unerwähnt lassen, dass wohl über die Hälfte der anvisierten Projekte aus ganz unterschiedlichen Gründen doch nicht funktionierte. Was man dann am Ende sieht, ist immer nur so etwas wie die Spitze des Eisberges der ganzen Arbeit, die man miteinander leistet.

Du machst kein Geheimnis daraus, sprichst vielmehr immer wieder in längeren Postings in einer sehr einfühlsamen und klaren Sprache aus, wie es Dir mit Deiner nunmehr zweiten Krebserkrankung geht. Aus der Situation, nach einer Genesung wenige Monate später wieder erkrankt zu sein, entwickelte sich nicht zuletzt wegen der ausbleibenden Einnahmen als freier Künstler eine ziemlich große Spendenresonanz: Menschen rücken zusammen, Geld wird gesammelt, Die Zöllner und Die Seilschaft verkaufen Deine Bücher auf ihren Konzerten, Benefizkonzerte finden statt, eine Buchversteigerung des legendären ehemaligen Leipziger Szeneverlags Edition PaperONE steht bevor. Wie gehst Du damit um, was bedeutet dieses so starke Feedback?

Ich bin diesbezüglich sprachlos. Ich habe mit solchen Aktionen nicht gerechnet, erst recht nicht mit so vielen und mit so viel Resonanz dazu. Mir kommen täglich die Tränen der Rührung, wenn ich davon mal wieder etwas Neues mitbekomme und richtig fassen kann ich es noch immer nicht. Ich bin so unendlich dankbar und ja, auch glücklich. Vor allem das Zusammenrücken sagt mir sehr zu, da sind wir ja wieder beim Humanismus. Das gibt mir Hoffnung, nicht für mich alleine, die Krankheit geht ihren eigenen Weg und hat ihre eigenen Gesetze, aber gesamtgesellschaftlich erkenne ich zutiefst beeindruckt, dass es möglich ist, dass die Menschen sich an den Händen nehmen und sich Wärme, Liebe und Zuversicht spenden können, beieinander stehen, füreinander stehen. Das ist eine Wende nach meinem Geschmack und möge diese Haltung noch sehr sehr vielen anderen Menschen zugute kommen. Vor kurzem schrieb mir eine der Initiatorinnen, Grit Maroske, dass es allen Helfenden selber sehr gut tut, diese Kommunikation untereinander, diese Kreativität und vor allem: die Liebe, diese Liebe. Das ist es, was ich als Demut bezeichne. In manchen Momenten in jüngster Zeit aufgrund dieser ganzen Bewegung möchte ich die ganze Welt umarmen. Ich verneige mich zutiefst davor. Es gibt mir auch Kraft und Positivismus. Die Psyche spielt ja auch eine ganz große Rolle bei so einem täglichen Überlebenskampf.

Tumorzelle

Gestatte mir die Frage: Was bedeutet Krebs für Dich und für die Gegenwart? Selbst für mich nehmen die Fälle im direkten Umfeld zu; mitunter bekommt man den Anschein, dass die Krebserkrankungen rapide zugenommen haben. Teilst Du diese Ansicht? Kann und muss sich etwas in unserem Lebenswandel, in unserem Umgang mit Konflikten und Ernährung ändern?

Ich bin mir sicher, dass Krebserkrankungen massiv zugenommen haben. Eine medizinische Erklärung habe ich dafür nicht. Bestenfalls eine gesamtgesellschaftliche. Wir beuten uns alle zu stark selber aus, weil wir dazu gezwungen werden. Das Arbeitsklima, das menschliche Miteinander in diesem Turbokapitalismus ist krank und muss krank werden lasssen. Ernährung spielt da sicherlich auch eine große Rolle. Aber vielleicht ist Krebs tatsächlich eine Art spirituelle Metapher für das System, in welchem wir Menschen leben und leiden und auch andere leiden lasssen. Da muss sich etwas ändern. Ich halte Krebs nicht für ein rein medizinisches Problem, er ist auch eine psychische Seuche. Wir sind alle zu gestresst und zu wenig glücklich.

Es ist leicht vorstellbar, dass man viel Kraft braucht in einer solchen Situation – Du wie auch Deine Ehefrau Lika. Verändern sich damit die Träume und Pläne von einer Zukunft? Wird man sachlicher, minimaler oder vielmehr noch stärker?

Die Träume und Pläne haben sich tatsächlich maßgeblich verändert. Nicht so sehr wie es sich am Anfang anfühlte, als es erst einmal von ärztlicher Seite hieß: „Rien ne va plus“. Aber von einem Tag auf den anderen war alles anders. Sachlicher sind sie nicht geworden, ich bin nicht so materiell eingestellt, aber auch nicht wirklich minimaler. Da ich mich in Richtung Verrentung und Pflegestufe bewege, geht so manches nicht mehr. Vor allem der Hauptbrötchenerwerb, meine Rednertätigkeit, wird nicht mehr möglich sein. Es ist eine sehr schöne, aber unglaublich kräftezehrende Arbeit. Vor der Erstdiagnose wollten wir ja Landflucht begehen, also raus ins Grüne ziehen, auf unserem Grundstück im Leipziger Umland ein Haus bauen. So zum Leben an den Abenden im Frieden, als Kreativ- und Rückzugsraum. Meine Frau und ich wünschten uns dort einen kleinen Salon, wo sich unsere Freunde treffen und auch künstlerisch arbeiten können, auch miteinander. Einen Raum für weite Gedanken und natürlich, um sich gegenseitig kennenzulernen und kreative Netzwerke zu spannen. Daraus wird wohl nichts werden. Wir laborieren gerade mit Ach und Krach an der ganz schmalen Variante, unser kleines Häuschen winterfest zu machen und ein bisschen zu vergrößern, aber auch das wird wohl nicht bezahlbar sein. Wir werden wohl eher in eine kleine Neubauwohnung umziehen müssen. Was die künstlerischen Pläne betrifft, da weiß ich nur, dass ich nicht mehr so schnell und intensiv wie vorher arbeiten kann, dafür reicht die Kraft nicht aus. Dennoch will ich an der Kunst bis zum letzten Atemzug festhalten. Ich werde mit Sicherheit nicht vor meinem Tod in ein starres Schweigen verfallen. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich beeilen muss, um noch dies und das und jenes zu bewerkstelligen. Was ich hinkriegen werde, kriege ich hin. Ich habe ja so viel Material, das würde selbst bei Büchern für zehn Jahre posthumes Veröffentlichen einmal pro Jahr reichen.

Du sagtest unlängst, dass Du Deine Termine weiterhin wahrnehmen wirst, nicht zuletzt bist Du am 21. 3. im Leipziger Clownmuseum, am 22. 3. beim Literarischen (Messe)Salon in der Leipziger Kunstgalerie Raum 16, am 17. 4. gemeinsam mit dem „Stern Meißen“-Sänger Manuel Schmid in der Geraer Stadtbibliothek und am 17. 5. in der Kulturbaustelle Suhl zu hören und zu erleben. Was wird von Dir literarisch in naher Zukunft zu erwarten sein? Arbeitest Du bereits an neuen Manuskripten?

Tatsächlich arbeite ich weiter. Ich habe bereits vor der Krebsdiagnose einen Satireroman begonnen, an dem ich weiter schreibe und neue Anfragen nach Liedtexten gibt es auch, denen nachzugehen ich bereits zugesagt habe. Ja, da kommt noch einiges. Das Schaffen ist mein Lebenselixier. Ohne könnte ich nicht sein. Gerade jetzt ist es für mich sogar wichtiger denn je. Und Ideen habe ich glücklicherweise noch sehr sehr viele.

Lieber Andreas, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Volly Tanner, Edition Outbird, Detlef Liedmann, Wellcome Images
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[ Rezension ] Susanne Agnes Fauser „Lilian“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihr sowie ihr aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinendes Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Ich entdeckte Frühlingslaub darin und eine Sonne, welche gesprenkeltes Licht auf das Grün eines Waldes warf. Eine Melodie, keine Worte. Zuletzt sah ich Liebe. Golden glitzerndes Blutrot, marmorierte Flügel der Engel. Das zarte und blasse Silber der Furcht.“

Leichthändig umreißt sie mit dem Vertiefen der Geschichte die Lebenswelt der beiden, die sie in einer Kommune leben und damit die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt gewiss haben. Einer Aufmerksamkeit, der letztlich religiöser Hass entspringt. Hier allerdings mehr zu verraten, würde die Leserschaft spoilern. Insofern: dieses Buch lohnt sich, es ist atemlos, verursacht Gänsehaut und bringt so einige Male das eigene tiefe Rätsel und Empfinden der Liebe in innere Resonanz. Danke für dieses Werk!“

Die Rezension verfasste Marius Grün. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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„Manchmal bekommen Menschen Hilfe und erleben diese gegen ihre Selbstbestimmung.“ – Jennifer Sonntag im Interview zu „Seroquälmärchen“

Jennifer Sonntag, MDR-Moderatorin der „Sonntagsfragen“, langjährige Autorin und mit dem Inklusionspreis ausgezeichnete Inklusionsbotschafterin, veröffentlichte unlängst in der „Edition Outbird“ gemeinsam mit der Illustratorin Franziska Appel das „Seroquälmärchen“. Ein Erwachsenenmärchen, was den depressionsbedingten, stationären Aufenthalt in der Psychiatrie thematisiert und in eine merkwürdig „schwerelose Schmerzform“ bringt. Gründe für ein Interview gibt es auch darüber hinaus mehr als genug:

Jennifer, aufgrund Deiner Erblindung und damit verbundenen Sensibilisierung bist Du schon seit vielen Jahren und auf verschiedenen Ebenen Inklusionsbotschafterin: Du stellst an Prominente und aus Sicht beeinträchtigter Menschen „Sonntagsfragen“ beim MDR, Du steckst viel Herzblut in eine größere Wahrnehmung der Problematik, dass eingeschränkte Menschen allzu oft (noch) auf Alltagshindernisse stoßen, setzt Dich für die Selbststärkung von Menschen mit Behinderung ein, siehst inklusive Sexualität als eines Deiner Herzblutthemen, schreibst Bücher, vertonst mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde Hörbücher… und hast unlängst obengenanntes Buch veröffentlicht. Woher nimmst Du diese Energie? Was treibt Dich und was strebst Du an?

Als „Outbird“ bringt man sicher häufig eine höhere Energie auf, weil man alternative und kreative Lösungen für das eigene Leben und auch für die Menschen finden muss, für die gängige „Otto-Normalverbraucher-Strategien“ nicht funktionieren. Generell muss ich als blinde Frau an viele Dinge vollkommen anders herangehen und auch in meiner 16-jährigen Tätigkeit als Sozialpädagogin, in der ich mit Menschen arbeitete, die im Laufe ihres Lebens ihr Augenlicht verloren, ging es stets darum, die jeweils passenden inneren Lichtschalter der einzelnen Betroffenen anzuknipsen. Menschen kommen auf sehr unterschiedliche Weise zu ihren „Ansichten“ und Erkenntnissen, „erfassen“ und „begreifen“ verschieden und müssen für sich herausfinden, was für sie stimmig ist.
Aber egal ob blind oder sehend, im Grunde wünsche ich jedem Menschen seine eigenen individuellen Pfade zu finden, die oftmals gewundener, mühsamer und mit mehr Umwegen versehen sind als die geraden Wege. Wer man ist und wo man steht weiß man erst, wenn man sich mal verloren hat, viele Abzweige kennt, auch die brüchigen Straßen, die Wälder am Straßenrand, auch die Tunnel und Sackgassen und Möglichkeiten, wieder herauszufinden. Ich habe glaube ich nicht mehr Energie als andere, aber ich brauche mehr Energie und durch die Reibung am Leben zeigen sich mir sehr viele unbeackerte Landschaften, viele blinde Flecken, die ich beleuchten möchte.
Da das „sich Durchbeißen“ aber auch immer ein Mehraufwand ist und viel Kraft kostet, musste ich lernen, in die andere Schale der Waage Dinge hineinzulegen, die Körper und Geist entspannen. Klingt vielleicht abgedroschen, hat aber gedauert, eh ich das wirklich konnte. Ich bin noch mit dem Leitsatz „Blinde müssen immer zehnmal besser sein als Sehende, um in der Gesellschaft etwas wert zu sein“ aufgewachsen. Das kann schnell zur Überforderung führen, denn man ist ja auch nur ein Mensch. Ich strebe deshalb heute nichts mehr an, was mit den Erwartungen anderer zu tun hat und ich wünsche mir für jeden Menschen den passenden Lebenspullover, in dem er sich echt und frei von schädigenden Glaubenssätzen und den Strickmustern anderer in der Gesellschaft bewegen kann, der respektvolle Umgang miteinander und auch immer ein angemessenes Verantwortungsbewusstsein für sich und andere sei natürlich vorausgesetzt. Es kann unheimlich bereichernd sein, die unterschiedlichen Potenziale ganz verschiedener Menschen zu nutzen und zu leben, wie man es ja auch bei „Outbird“ sieht. Das lenkt dann auch weniger die Aufmerksamkeit auf die vermeintlichen Defizite, die ein Mensch mitbringt.

Besagtes Buch erschien bei „Edition Outbird“ und heißt „Seroquälmärchen“. Was steckt hinter dem ungewöhnlichen Namen? Was ist das Thema und was bewog Dich zu diesem besonderen Buch?

Ich habe einen nicht ganz so leichtfüßigen Schwerpunkt symbolisch in Pastell gehüllt. Mit „Seroquäl“ entschloss ich mich zur Veröffentlichung eines Psychiatriemärchens, welches ich in seiner Form und Thematik bewusst sehr schmal und sinnbildlich gehalten habe. Der Begriff „Seroquäl“ ist dabei als Literarisierung eines Medikamentennamens zu verstehen. Manchmal kämpfen Menschen händeringend um Hilfe und bekommen keine, manchmal bekommen Menschen Hilfe und erleben diese gegen ihre Selbstbestimmung. Das kann sehr quälend sein. Mein Text entstand, als ich Beobachterin dieser Kontraste wurde. Vielleicht können Kunst und Literatur etwas anstoßen, was fachliche Auseinandersetzungen manchmal nicht schaffen. Ich möchte mein modernes Märchen einerseits auf den Weg schicken, um auf mangelnde Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen in therapeutischen Einrichtungen aufmerksam zu machen und andererseits für den heiklen Tanz zwischen Stabilisierungsmedikation und Selbstbestimmung zu sensibilisieren. Nicht immer ist dieser Balanceakt leicht für die Ärzte. Mein Märchenbuch ist nicht für Kinder geschrieben und nicht für Menschen in schweren depressiven Episoden geeignet, ich habe es aber trotz oder gerade wegen seines nicht leichten Kontextes mit all meinen Sinnen dem Leben gewidmet. Und ich möchte mich für die Menschen äußern, die es nicht oder nicht mehr können. Das Buch will nicht werten, es will lediglich Denkanstoß sein und ein Bewusstsein für Entscheidungen und die daraus resultierenden Flügelschläge schaffen.
Ich persönlich spreche mich klar für die Aufnahme von Menschen in schweren psychischen Notlagen in therapeutische Einrichtungen aus (eine Behinderung darf hier kein „Handicap“ sein) und auch für die Stabilisierungsmedikation bei schweren depressiven Episoden. Leider habe ich erleben müssen was passierte, wenn Menschen zu früh aufgaben und von dieser Stabilisierung nicht mehr profitieren konnten oder aufgrund ihrer Behinderung von gesundheitlicher Versorgung ausgeschlossen blieben.
Als blinder Mensch kann man quasi schon den Strick um den Hals haben und die verantwortlichen Therapieeinrichtungen lehnen einen ab, weil sie sich mit nichtsehenden Patienten überfordert sehen. Die Berührungsängste in den Köpfen des Klinikpersonals sind hier die eigentlichen Barrieren.
Als Inklusionsbotschafterin wünsche ich mir den Zusatz im Portfolio aller Kliniken auch in anderen medizinischen Bereichen, in denen es oft die gleichen Probleme gibt: Wir öffnen uns der Barrierefreiheit und sind für Menschen mit Behinderungen gern Ansprechpartner. Leider ist dies noch alles andere als selbstverständlich und natürlich müssen auch für die Kliniken vertretbare Bedingungen geschaffen werden.

Die beinahe surrealen, zerbrechlich-zarten Illustrationen fertigte Franziska Appel an, ebenfalls Hallenserin und Trägerin des Inklusionspreises. Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit, was verbindet Euch?

Willst du das wirklich wissen? Das ist nicht ganz jugendfrei! Menschen die etwas miteinander anfangen können erkennen sich glaub ich am Geruch. Darf ich das kurz erklären? Um das Unschöne besser beim Kragen packen zu können, befasse ich mich sehr intensiv mit Schönem und das definiere ich nach meinen Sinnesfreuden. Ich feiere meine Sinnesfreuden und veröffentliche auch erotische Kurzgeschichten. Mit meinem sehenden Partner habe ich erotische Kohle- und Kreidezeichnungen zu unserem Buch „Liebe mit Laufmaschen“ angefertigt. Wie man als blinde Zeichnerin mit einem sehenden Partner auf Papier agiert und mehr zu meinen erotischen „Eskapaden“ findet man auf der Website „Liebe mit Laufmaschen„. Und hier kommt auch Franziska Appel ins Spiel. Da auch blinde Menschen an erotischen Bilderwelten interessiert sind, hat sie unsere Zeichnungen für die blinden Besucher unserer Homepage wunderbar wortmalerisch beschrieben. Für blinde Menschen Bilder zu beschreiben und dann auch noch erotisch, das ist nicht einfach und es ermöglicht einen wahnsinnig aufregenden Dialog. Aber mit Franzi und mir ist es eine Art magnetische Anziehung und wir passen mit unseren Ideen immer wie ein köstlicher Cocktail zusammen. Sie kann nicht nur super Bilder beschreiben und Texte verfassen, sie ist eine sehr vielseitige Malerin und Zeichnerin und für mein „Seroquälmärchen“ fragte ich sie ob sie sich vorstellen könnte für mich Bilder zu entwickeln, die so oder so ähnlich auch in einer Psychiatrie hätten entstehen können. Wir verstehen uns in dieser Hinsicht blind und Franzis Stifte machen meine Gedanken immer wieder auf beeindruckende Weise sichtbar.

Stichpunkt Depression: Depression ist ja schon für Menschen ohne Behinderung ein schwarzes Monster; wie kann Mensch sich das zuzüglich einer Behinderung vorstellen? Haben es Menschen mit Behinderung ungleich schwerer, sich Selbstvertrauen und Souveränität anzueignen?

Behinderung plus Depression ist tatsächlich ein ungünstiger Doppel-Whopper. Nicht jeder behinderte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens eine Depression, aber wie bei jedem anderen Menschen ohne Behinderung auch, kann das natürlich vorkommen. Das ist jedoch leider ein Tabuthema und man erlebt den Behinderten lieber als Optimisten und Frohnatur, der seinem Gegenüber mit einem Lächeln auf den Lippen die Befangenheit und die Berührungsängste nimmt. Betroffene fallen tragischer Weise allzu häufig aus dem System, da dieses nur auf „normale“ Depressionen ausgelegt ist. Ich habe psychiatrisch Tätige z. B. oft sagen hören: „Was soll ich denn mit einem Blinden in der Ergo- oder in der Sporttherapie anfangen? Ich weiß doch gar nicht, was ich mit dem machen soll!“ Diese Ablehnungserfahrungen verbessern natürlich nicht gerade das Selbstwertgefühl des Hilfesuchenden, der vielleicht kürzlich durch einen Unfall sein Augenlicht verlor. Ich arbeitete viele Jahre lang in einem helfenden Beruf und musste später leider auch in einer schwierigen Lebenslage am eigenen Leib erfahren wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein und keine zu bekommen, weil man mit der Blindheit fremdelte. Dann kam immer die Aussage: „Ach Sie sehen gar nichts mehr, überhaupt nichts mehr? Dann können Sie nicht kommen, Sie können sich ja gar nicht zu den einzelnen Therapiestationen orientieren und wir haben kein Personal, was Ihnen die Therapieinhalte erklärt“. Ein Mensch mit Behinderung ist auch nur ein Mensch und er kann, wie jeder andere auch, psychisch erkranken. Dabei muss die Behinderung nicht die Ursache sein, sie wiegt aber schwerer in einer depressiven Episode, wenn ohnehin die Welt um einen herum in schwarz versinkt, dann wird man auch die Blindheit nicht gerade als „Lichtblick“ empfinden.

Du bist aufgrund einer Krankheit allmählich erblindet. Wie kann man sich das vorstellen, immer weniger bis irgendwann gar nichts mehr sehen zu können? Wie ist es überhaupt möglich, damit umzugehen und den Lebensmut nicht zu verlieren?

Wir alle verarbeiten herausfordernde Lebensveränderungen in Phasen. Am Anfang ist man natürlich schockiert, will das nicht wahr haben, lehnt das ab, verdrängt, rebelliert, zieht sich zurück, ist neidisch auf alle, die noch sehen können, da ist das volle Programm an Gefühlen dabei. In meinen Vorträgen nenne ich das Modell zur Behinderungsverarbeitung „Hinter den sieben Bergen“ und am Ende des Tunnels ist metaphorisch gesprochen immer Licht, wenn man selber will und sich Zeit gibt. In der Mitte der sieben Phasen kommt die Trauerarbeit, die ist ganz wichtig und auch hier muss man den Gefühlen Raum geben, um in die nächsten Phasen übergleiten zu können. Manchmal stagniert das auch oder man überspringt eine Phase, später beginnt man aber zu schauen, wie man sein Leben neu strukturiert und organisiert, welche Potenziale, Menschen, Talente man aus dem Leben davor mitnimmt, man lernt seine Grenzen zu kommunizieren und viele neue Lichtschalter zu aktivieren. Leben heißt nicht Sehen, man kann blind selbstbestimmt und glücklich leben.
Rückfälle in eine frühere Verarbeitungsphase sind möglich, z. B. wenn ein sehr belastendes Ereignis hinzukommt, etwa Mobbing am Arbeitsplatz, der Tod eines geliebten Menschen, eine zusätzliche Erkrankung. Bei mir war es die Depression, die mich unter Wasser zog und ich kann sagen, die macht es erst wirklich finster, nicht die Blindheit, mit der kann man lustvoll und sinnlich leben, nicht aber mit der Grabesplatte der Depression auf der Seele. Die legte sich auf mich wie ein verzehrender Schleier und das nicht wegen meiner Behinderung sondern wegen einer zermürbenden und unfairen Situation am Arbeitsplatz, die zu einer gesundheitlichen Abwärtsspirale führte.

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Eines Deiner Lebensthemen ist (inklusive) Sexualität. Brauchen Menschen mit Behinderung eine Lobby für dieses Thema? Was unterscheidet sich vom sexuellen Selbstverständnis nichtbehinderter Menschen?

Ein großes Anliegen ist für mich die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen, die im Vergleich zu ihren nicht behinderten Geschlechtsgenossinnen überdurchschnittlich häufig von sexuellen Übergriffen betroffen und bedroht sind. Hier spielt die Sozialisation durch Schule und Elternhaus auch eine entscheidende Rolle und die eigene Körperbildwahrnehmung ist im Falle der Blindheit oft auf eine bestimmte Weise durch sehende Bezugspersonen geprägt, die ihre Vorstellungen auf das blinde Mädchen oder die blinde Frau übertragen. Das ist oft gut gemeint, kann aber im negativen Fall nachhaltig Narben hinterlassen. Oft mussten sich blinde Frauen sehr selbstwertschädigende Sätze anhören, wie ich während meiner Arbeit an der Anthologie „Hinter Aphrodites Augen“ erkennen musste. Sie berichteten von Sätzen wie: „Du kannst froh sein, wenn du überhaupt einen Mann abbekommst“, „Deine Augen sehen zum Kotzen aus“, „Als Blinde kannst du keine langen Haare tragen, die kannst du gar nicht pflegen“, „Wer mit einer Blinden zusammen ist, muss ja einen Helferkomplex haben“ oder „Wenn du als Blinde einen kurzen Rock trägst, muss du dich nicht wundern, wenn dir was passiert.“
Mutige Seminarteilnehmer fragten mich manchmal, ob ich überhaupt schon mal einen Freund hatte und wie das so funktionieren kann mit dem Kennenlernen, dem Verlieben, der Sexualität und dem Beziehungsalltag, wenn ich doch blind bin. Nicht selten ging man auch davon aus, dass mein sehender Partner meine Outfits zusammenstellt und mich wie ein Püppchen zurechtmacht und man zollte ihm großen Respekt dafür, dass er überhaupt mit mir zusammen ist. Seine „Lebenslaufmaschen“ waren ihm ja nicht auf die Stirn geschrieben.
All das macht natürlich auch etwas mit dem erotischen Selbstverständnis oder der Selbstbehauptung von Frauen mit Behinderungen und zeigt, dass diese Themen noch nicht ausreichend angenommen und angekommen sind. Ich möchte natürlich in die andere Richtung, ich möchte Frauen und Mädchen mit Behinderungen in ihrer Selbstwahrnehmung und im Ausdrücken ihrer Bedürfnisse stärken und tue dies auch in zahlreichen Projekten, etwa in meiner verschriftlichten Workshop-Sammlung „Der Geschmack von Lippenrot“, die zur Leipziger Buchmesse 2019 erscheint und in welcher ich blinde und auch sehende Frauen zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem äußeren und inneren Spiegelbild anrege.

Liebe Jennifer, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Noch ein Wort zu Veranstaltungsreihen konkret zu Behinderung und Sexualität, ich erhalte dazu häufig Anfragen. Fachvorträge oder Schulungen diesbezüglich biete ich schon deshalb nicht an, weil wir Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich ticken und wie alle anderen auch, sehr unterschiedliche Vorlieben haben. Ich bin nicht der Weisheit letzter Schluss, ich bin nur eine Idee. Aber ich möchte mit meiner Arbeit Türen aufstoßen und Interessierte anregen, dahinter noch viele weitere Türen, Spielräume und Spielarten zu entdecken. Deshalb möchte ich die Lesereihe „Querschnitte für Querköpfe“ meiner „Verlagsgeschwister“ Franziska Appel und Benjamin Schmidt leidenschaftlich empfehlen, denn hier werden zahlreiche dieser Türen und ungeahnte Erkenntnisaugen geöffnet. Wir erfahren, wie sich blinde Menschen erotische Bilderwelten erschließen, wie die Klänge unkonventioneller Berührungen zu Ganzkörperorgasmen anschwellen und wir lernen Querköpfe mit und ohne Querschnittslähmung kennen, die uns eine Menge über Körperflüssigkeiten aller Art erzählen können. Auch wenn dies kein Fachvortrag oder keine Schulung im eigentlichen Sinn ist, so werden doch verschiedenste Aspekte im Zusammenspiel von Sexualität und Behinderung thematisiert und erklärt. Und sind erst einmal die Türen geöffnet und anfängliche Hemmschwellen mit einer Rampe versehen, kann zudem der anschließende Austausch in lockerer Atmosphäre sehr aufschlussreich sein. Neugierig geworden? Interessierte wenden sich bitte an: Franziska Appel (appel.franziska[at]gmail.com).“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: malsehn! Media.
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„Es gelang mir nicht den Kreislauf zu durchbrechen, obgleich mir die Faktoren bekannt waren“ – Tami Weissenberg im Interview zu „Darjeeling Pur“

Tami Weissenberg, 36 Jahre alt, erlitt in seiner Ehe viele Jahre lang zum Teil massive Gewalt durch seine damalige Partnerin. Um vor allem psychisch zu überleben, dokumentierte er das Geschehen akribisch. Aus der Aufarbeitung seiner Notlage entstanden zahlreiche Medienberichte und mit Plauen die mittlerweile dritte Gewaltschutzwohnung für Männer in Sachsen.

Seine Aufzeichnungen erscheinen aktuell im romanhaften Tagebuch „Darjeeling pur“ in der „Edition Outbird“. Es liegt auf der Hand, dass wir Tami zu seiner Person und zur Gewaltschutzsituation in Deutschland im Allgemeinen befragten.

Tami, warum verwendest Du ein Pseudonym?

Ich habe noch immer Bedenken und Respekt vor meiner Peinigerin. Die Trennung und Scheidung ist zwar Jahre her und sie ist nun wieder verheiratet und hat ein neues „Opfer“, aber ich kann noch immer nicht abschätzen wie sie reagiert wenn sie erfährt das ich ihre Misshandlungen zum Anlass genommen habe etwas gegen das Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ zu tun. Außerdem lege ich ja in meinem Buch ihren Charakter und ihre „Taten“ offen. Hier bestehen meine größten Bedenken das sie diese Offenlegung als Anlass nehmen könnte ihre Gewaltübergriffe – die am Ende sogar in der Öffentlichkeit stattgefunden haben – wieder aufzunehmen. All das möchte ich mir ersparen.

Wie erklärst Du Dir heute mit großem zeitlichen Abstand, dass es zu einer derartigen Abhängigkeit kam, die Dich viele Jahre lang nicht aus einer massiven Gewaltspirale hat ausbrechen lassen können? Wie kam es soweit?

Eine wirklich abschließende Erklärung habe ich dafür bis heute nicht. Ich war mir zu jedem Zeitpunkt bewusst in welcher Situation ich stecke und das diese nur durch Abhängigkeiten, Angst und Unterwürfigkeit aufrecht gehalten wird. Ich war hier völlig reflektiert. Dennoch gelang es mir nicht den Kreislauf zu durchbrechen, obgleich mir die Faktoren bekannt waren. Sie schuf anfangs eine Umgebung die einen Beschützerinstinkt in mir hervorgerufen hat. Diese Charaktereigenschaft erkannte sie sehr schnell an mir, nämlich meine Schwäche für hilflose und benachteiligte Menschen. Ich kann es bis heute nicht ertragen, wenn Menschen in hilflosen Situationen ungerecht behandelt werden. Da sie damals angab von ihrem Ehemann misshandelt zu werden rief sie sofort diese Eigenschaft in mir hervor. Diese Verletzlichkeit hielt sie sehr lange aufrecht.
Nach ihren ersten Gewaltangriffen folgten stets Tränen und Einsichtigkeit. Dies machte sie, trotz ihrer Angriffe, für mich verletzlich und bedauernswert. Dies war meines Erachtens nach eine bewusst ausgeführte Handlung von ihr, da sie deutlich merkte, dass sie mich damit immer wieder halten konnte. Darauf folgten dann immer intensiver ihre Wünsche und Forderungen die, sofern sie nicht erfüllt wurden, stets in Gewalt und Misshandlung ausuferten. Da ich von klein auf jegliche Form der Gewalt ablehne, hatte ich stets große Angst vor ihren Übergriffen und den damit verbundenen Schmerzen – physisch wie psychisch. Ich ging immer den Weg des geringsten Widerstandes. Folgte ich ihren Forderungen, konnte ich ihre Übergriffe abschwächen.
Dinge wie ein gemeinsames Konto, eine gemeinsame Wohnung, das Abschaffen meiner persönlichen Dinge, das Unterbinden sämtlicher Kontakte zu Freunden und Familie sowie die ständige Kontrolle über meinen Alltag schlichen sich mehr und mehr in die Beziehung ein. Sie stellte dies stets sehr geschickt an, da sie jede Sanktion mit vermeintlichen Vorteilen und positiven Aspekten verband. Außerdem gab sie mit jedem Gewaltübergriff immer deutlicher zu verstehen was mir widerfahren würde wenn ich ihre Forderungen missachte. Trotz klaren Bewusstseins war es eine Spirale aus Angst, Abhängigkeit und dem Hoffen, dass es aufhören würde. Mit Angst und Abhängigkeit kann man Menschen aller Bevölkerungsschichten auf der ganzen Welt kontrollieren. Dies beherrschte sie in Perfektion.

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Du erzähltest in einem unserer Gespräche, dass besagte Ex-Partnerin nach Gewaltexzessen wie dem, in dessen Resultat Du mit gebrochenem Bein und blutüberströmt im Keller des Hauses lagst, regelmäßig in einen Swingerclub fuhr und Sex mit anderen Männern hatte. Wie muss man sich das psychische Profil eines solchen Menschen vorstellen?

Ob ich diese Frage wirklich beantworten kann, vermag ich nicht einzuschätzen. Ich kann im Nachhinein teilweise sagen wie die Entwicklung dieser Frau verlief, vielleicht gibt dies einen Einblick in die Gründe wieso sie das alles getan hat – und heute noch tut. Sie wuchs in einem winzigen Ort innerhalb der Deutsch-Deutschen Grenze auf. Schon in jungen Kinderjahren lebten ihre Eltern in Streit, Trennung und Scheidung. Dies wurde auch in großen Teilen zu ihren Lasten ausgetragen. Sie erfuhr viel Ablehnung, Gewalt, Missachtung und Gleichgültigkeit. Auch wurde sie in sehr jungen Jahren mit dem Verlust geliebter Menschen konfrontiert – so zum Beispiel verstarb ihre Großmutter am Tag der Jugendweihe. Diesen Verlust konnte sie durch die besagten Umstände nie wirklich verarbeiten. Auch lernte die Mutter einen neuen Mann kennen. Die Mutter hatte wohl nur den neuen Mann im Sinn und demzufolge stand sie als Tochter stets ganz am Ende der Kette. Diese stetige Ablehnung und Missachtung kompensierte sie zunehmend mit Ersatzbefriedigung. Diese bestand aus finanziellen und materiellen Ersatz. Besaß sie etwas tolles, so staunten die Leute um sie herum. Die fehlende Aufmerksamkeit konnte man also mit Geld und Besitz kaufen. Dies erkannte sie sehr schnell. Das immer größer werdende Bedürfnis nach Geltung war ab einem Zeitpunkt nur noch mit Hilfe anderer Menschen umsetzbar, da sie von ihrem Ausbildungsstand her keinen Beruf ausüben konnte der ihr diese enormen finanziellen Mittel in Aussicht stellte. Aus dem Bedürfnis hat sich eine regelrechte Sucht entwickelt.

Bekommt sie nicht was sie will oder spielt das Umfeld nicht mit, wie sie will, wird sich das Geforderte erzwungen – mit Gewalt. Sie hat schnell erkannt, dass sich Menschen mit Gewalt, Kontrolle und Unterdrückung perfekt kontrollieren und benutzen lassen – und ihr damit jeden Wunsch erfüllen. Wieso sie die Eigenart entwickelte am Höhepunkt ihrer Gewaltexzesse stets ein Abreagieren in Form von Sex mit fremden Männern zu suchen kann ich bis heute nicht erklären. Diese Methode kommunizierte sie jedoch stets sehr offen und lebte dies als völlige Normalität.

War eine körperliche Gegenwehr nie Thema für Dich?

Körperliche Gegenwehr war nie ein Thema für mich. Ich verachte bis heute jegliche Form von Gewalt. Ich lebe streng nach der Annahme, dass sich jegliche Konflikte gewaltfrei lösen lassen. Sie gab mir auch jederzeit unmissverständlich zu verstehen, dass sie – sollte ich mich wehren – mich jederzeit wegen Ausübung häuslicher Gewalt anzeigen würde. Zu oft verletzte sie sich vor meinen Augen selbst, fotografierte dies, und sagte dann das dies ein Beweis wäre das ich sie misshandle, sofern ich mich trauen würde mich zu wehren oder ihre Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Wie bist Du der Situation letztlich entkommen? Welche Hilfe wurde Dir zuteil und wie wirksam sind Therapien in Fällen wie deinem?

Welcher Impuls mich letztendlich hat gehen lassen ist mir bis heute unbekannt. Ich kann nur sagen, dass ich an einem Tag starke Halsschmerzen hatte. Ich war so unendlich sauer, dass ich mir es nicht mal erlauben kann Medizin dagegen zu kaufen (da jede Sekunde meines Tages kontrolliert wurde), dass ich aus einem mir bis heute unbekannten Impuls das Handy ausschaltete und nicht nach Hause fuhr. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte Halstabletten, kaufte mir danach ein paar Unterhosen und fuhr ab diesem Moment nie wieder zu dieser Frau zurück.

Meine größte Hilfe war damals, dass ich all meine Erlebnisse aufschrieb und mich Tag für Tag bewusst mit dem Erlebten auseinandersetzte. Eine Männerschutzwohnung oder gar ein Männerhilfsnetzwerk gab es damals noch nicht. Mit Freunden, Bekannten oder gar meiner Familie redete ich nicht darüber, da ich schnell merkte, dass in der Gesellschaft eine gewisse Ablehnung beim Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ besteht. Eine kurzzeitige Hilfe erhielt ich damals von meiner Arbeitskollegin und deren Mann, welcher Pfarrer ist. Ihnen konnte ich in Bruchteilen erzählen was mir widerfahren ist und ich fand Unterkunft im Pfarrhaus. Ein weiterer wichtiger Hilfsaspekt war eine gezielte Psychotherapie um das Erlebte aufzuarbeiten. Das Niederschreiben meiner Erlebnisse und die gezielte Psychotherapie waren im nachhinein betrachtet eine für mich sehr gute Verarbeitungshilfe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen – und dass ich mich im Nachhinein nicht als Opfer sehe – war mir die beste Basis. Ohne die hätte ich es nie geschafft ein eigenes Hilfsnetzwerk zu gründen.

Wie ist die statistische Opferquote zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?

Anbei ein paar Zahlen aus dem ‚Lagebild Häusliche Gewalt‘ des LKA Sachsen. Dort gab es im Jahr 2016 1804 männliche und 4277 weibliche Opfer über 18 Jahre. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 beträgt die männliche Betroffenheitsquote 25,7%. Überproportional häufig mit 43% werden Männer Opfer in der Kategorie „schwere Körperverletzung“. Um Missverständnissen vorzubeugen sei aber darauf hingewiesen, dass Männer auch etwa 78% aller Tatverdächtigen (bei genereller Gewalt) ausmachen.

Bundesweit lag die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe auf Männer im Jahr 2012 bei ca. 20.000, 2015 lag diese bei ca. 23.000. Sachsenweit wurden letztes Jahr ca. 1.700 Fälle zur Anzeige gebracht, 3 davon endeten tödlich. Auf die Polizeidirektion Zwickau herunter gebrochen gab es 86 Fälle, 61 davon fanden im Vogtland statt.

Im Januar 2018 wurde im Freistaat Thüringen eine Statistik veröffentlicht, aus welcher hervorging, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Die Studie zog sich über den Zeitraum von 2011 bis 2016 und wurde vom Innenministerium sowie der Polizei geführt. Bei den aufgelisteten Fällen handelte es sich u. A. um versuchte und vollendete Tötungsdelikte im sozialen Nahraum (Quelle: www.inSüdthüringen.de ).

Wie schätzt Du die derzeitige Situation in Deutschland, spezielle Mitteldeutschland und Sachsen ein, was Gewalt- und Opferschutz sowie Interventionsarbeit betrifft? Wie weit sind wir diesbezüglich in Sachen Gleichstellung?

Hier muss man eingangs sagen, dass man hier wirklich noch recht am Anfang steht. Sachsen zeigt sich stark engagiert, da es nunmehr seit Ende 2016 ein Pilotprojekt „Männerschutzwohnungen in Sachsen“ gibt, welches vom Freistaat Sachsen finanziert wird. Es existieren zwei Männerschutzwohnungen sowie dazugehörige Trägervereine. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen begleitet das Pilotprojekt fachlich und zusätzlich durch die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen.“ (www.gib-dich-nicht-geschlagen.de). Grundsätzlich können von Gewalt betroffene Männer jede Anlaufstelle aufsuchen die auch Frauen aufsuchen, wie z.B. die Interventions- und Koordinierungsstellen, die es in verschiedenen Bundesländern gibt, sowie die Beratungsstellen der Opferhilfe und des Weißen Rings. Jedoch existiert hier eine große Scham seitens der betroffenen Männer, sich zum einen erst einmal zu outen und zum anderen, sich an eine Stelle zu wenden, welche Gewalt mehr oder weniger im „Allgemeinen“ behandelt.
In Sachen Gewaltschutz sollte es zuerst eine einheitliche Regelung in allen Bundesländern sowie deutschlandweit geben, denn ohne diese Grundlage wird man keine wirkliche Gleichberechtigung schaffen. Sachsen z. B. verfolgt das Thema intensiv. Das Pilotprojekt Männerschutzwohnungen wird 2019/2020 für zwei weitere Jahre gefördert, um noch mehr Erfahrungen für den Betrieb von Männerschutzprojekten zu sammeln. Thüringen als benachbartes Bundesland hat zwar in den letzten Jahren große Versprechungen seitens der Politik gemacht – aber es wurde weder eingehalten noch umgesetzt. Somit musste der Thüringer Männerschutz, welcher in Gera einen sehr guten Anfang nahm und mit einem durchdachten Konzept eine Gewaltschutzwohnung umsetzte, nach nur kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden.

Gerade in Anbetracht der erst im Januar 2018 veröffentlichen Studie, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt im sozialen Nahfeld waren, ist dies nicht nachzuvollziehen. Hier herrscht, neben der allgemein fehlenden Lobby für dieses Thema, ein massives Ungleichgewicht, was die Wichtigkeit des Themas angeht.

Warum haben wir dieses extreme Ungleichgewicht? Abgesehen von der absolut indiskutablen AfD und in Teilen der FDP fahren ja alle Parteien ausschließlich frauenrechtliche Programme – wie kann daraus ein humanistisches Hilfesystem ohne diskriminierende Geschlechtergrenzen entstehen?

Dies ist eine Frage die mich sehr beschäftigt, auf die ich aber keine Antwort parat habe. Ich grüble momentan auch nicht über diese Frage nach, denn sonst wäre die Arbeit die wir leisten nicht machbar – sondern würde mich und uns nur resignieren lassen. Ich denke jedoch das es hier ein grundsätzliches Problem gibt von welchem alles ausgeht: der Mann ist jeher das stärkere Geschlecht. Er ist groß und stark und zeitlebens der Beschützer und Macher in der Entwicklung der Menschheit. Das auch dieser vermeintlich starke Mensch Hilfe benötigt und in Angst, Gewalt und Hilflosigkeit leben kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft praktisch nicht existent – in den Köpfen wie auch im wahren Leben. Dies gilt es zu allererst zu überwinden – es mangelt an Aufklärung.

Welche Akteure arbeiten in Deutschland derzeit am und für den Männerschutz? Wie viele Männerschutzwohnungen gibt es bei wie vielen Frauenhäusern?

In Oldenburg (Niedersachsen) engagieren sich Männer über den Männerwohnhilfe e.V. seit 2002 und bieten seitdem eine Zufluchtsstätte für gewaltbetroffene Männer an. Eine Zeitlang wurde das durch eine Beratungsstelle flankiert, die leider derzeit nicht mehr gefördert wird. In Sachsen betreiben der LEMANN e.V. in Leipzig sowie das Männernetzwerk Dresden e.V. Männerschutzwohnungen für jeweils 3 Männer und bei Bedarf auch ihre Kinder. In Plauen habe ich im Januar 2018 ebenso einen Verein zum Männerschutz gegründet – welcher auch eine Schutzwohnung betreibt. Seit Sommer 2018 existiert eine weitere Männerschutzwohung in Stuttgart, die durch die Sozialberatung Stuttgart betrieben wird. In Berlin und Ketzin (Brandenburg) werden Schutzprojekte ehrenamtlich ohne Förderung betrieben. Die Männerschutzwohnungen in Osterode am Harz und in Gera mussten leider inzwischen aufgrund mangelnder Rahmenbedingungen wieder geschlossen werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 353 Frauenschutzhäuser mit insgesamt über 6.000 Plätze. Hinzu kommen ca. 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. In Deutschland existiert ein sehr dichtes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Den 5 Männerschutzprojekten stehen somit bundesweit 353 Frauenschutzprojekte gegenüber. Politisch und fachlich werden derzeit 3 – 5 Männerschutzprojekte für jedes Bundesland gefordert.

Seit 2016 tauschen sich die existierenden Projekte sporadisch in bundesweiten Netzwerktreffen aus.

Symbolfoto

Du selbst hast in Plauen den Weissenberg e. V. initiiert, in dem zahlreiche hochrangige Fachleute sitzen bzw. ein kompetentes Netzwerk besteht – vom Fachanwalt über Therapeuten bis hin zu Ärzten und Leuten aus Politik und Medien. Darüber hinaus interessieren sich seit geraumer Zeit Leitmedien wie ZDF info, der Spiegel oder MDR Kultur für Deine Geschichte. Wie erklärst Du Dir diesen Zuspruch und dieses Vertrauen?

Ich gehe sehr offen mit meinem Erlebten um, berichte darüber und zeige mich als einen Mensch der daran nicht zerbrochen ist. Ich sehe mich nicht mehr als Opfer – sondern als einen ehemaligen Betroffenen, der noch auf beiden Beinen steht und sein Erlebtes nutzt um anderen Betroffenen zu helfen. Ich glaube, dass diese offene und selbstbewusste Art, die ich zu diesem Thema habe, dem ganzen ein Gesicht gibt – bzw. anfängt, dem ein Gesicht zu geben.

Dieser offene Umgang scheint ein Signal gesetzt zu haben. Ein Signal, was da heißt „dies ist kein Tabuthema“. Und gerade weil es bisher so ein Tabuthema ist, wird es als sehr willkommen gesehen das hier jemand so offen und selbstverständlich damit umgeht. Dies ist der erste Schritt dem Thema ein Gesicht zu geben und eine Lobby zu schaffen. Die Mitglieder und Unterstützer meines Vereines kennen mich als lebensfrohen, witzigen und stets offenen und hilfsbereiten Menschen. Dass auch ich viele Jahre von häuslicher Gewalt und Misshandlung betroffen war zeigt vielen Menschen die Gegensätzlichkeit und Unfassbarkeit auf – besonders im Hinblick darauf, dass es weder einen bestimmten Typ Mensch noch eine gewisse soziale Struktur bedarf, um von Gewalt betroffen zu sein.

Welche Ziele hast du dir über die Errichtung der Gewaltschutzwohnung und das nun erschienene Buch hinaus gesetzt?

Das wichtigste Ziel ist für mich, dass ich durch Offenheit und durch selbstbewusstes Umgehen mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ eine Lobby und ein Gesicht für dieses Thema schaffe. Kein Wegschauen mehr, keine Scham, kein Belächeln – sondern volle Akzeptanz, Gleichberechtigung und vollen Respekt. Jedes Lebewesen auf der Erde hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit !

Tami, wir bedanken uns für das Gespräch und dein Vertrauen.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat / Stockbroker.
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„Ich finde, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, mehr Sensibilität“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Fick die Musen“

Benjamin Schmidt, vor Jahren nach Berlin ausgewanderter Thüringer, im Brotjob bei einer Veranstaltungsagentur tätig, kann´s einfach nicht lassen, gute Bücher zu veröffentlichen und ganz nebenher auch diverse Lesungen und Touren abzuhalten. Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit seinem Lyrikneuling „Fick die Musen“ ein ziemlich berührendes Stückchen Lyrik, dass im Kern facettenreich die Zerbrechlichkeit und Verlustgefahr von Liebe thematisiert.

Benjamin, das ebenso wunderschöne wie morbide Cover Leo Rumerstorfers für Dein neues Buch „Fick die Musen“ verspricht nicht zu viel, vielmehr zeigt es 1:1 auf, was Deine Leserschaft erwartet: verletzte, verletzliche, manchmal trotzig-resignierende, manchmal beschwingte Lyrik, die zutiefst unter die Haut geht. Man bekommt den Eindruck einer mitreißenden Zäsur, die ihren Weg in Deine Verse fand. Hast Du den Glauben an die Liebe verloren?

Vielen Dank für die lieben Worte zu meinem Buch. Aber natürlich habe ich den Glauben an die Liebe nicht verloren, sofern es da einen Glauben gibt. Ich liebe einfach und höre auch nicht damit auf. „Fick die Musen“ zu schreiben war sehr aufwühlend für mich und mit vielen schlaflosen Nächten verbunden. Lyrik ist für mich immer etwas sehr Intimes und auch Mitreißendes, deshalb würde ich mir wünschen, dass „Fick die Musen“ auch die schönen Seiten des Liebens und des Schreibens aufzeigt, auch wenn die Grundtonart natürlich eher Moll ist. Besonders freue ich mich darüber, dass das Cover so gut ankommt, denn ich halte Leo für einen der größten noch lebenden Künstler und seine dämonischen Musen haben genau das zur Geltung gebracht, was ich versucht habe in Worte zu kleiden. Dabei macht der Mann seit Ewigkeiten keine Federzeichnungen mehr, was mich einfach sprachlos macht.

Wer sich mit Deinen Texten auseinandersetzt und Dich etwas näher kennenlernt, nähert sich auf sehr sympathischer Weise hoher männlicher Sensibilität an. Magst Du wider abgehangener Klischees eine Lanze für sensible Männer brechen (die ja allzu oft ihren Weg in Literatur und Kunst finden, um sich auszudrücken)?

Nein, also… nein. Ich finde generell, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, vielleicht auch mehr Sensibilität. Bei all der Rohheit und Verhärtung der Gemüter wäre es mehr als nur erfreulich, könnte ich mit meinen Büchern ein wenig dagegenhalten. Das bezieht sich dann aber auf einen gewissen Zeitgeist, der keine Tiefe mehr kennt, sondern nur noch Härte. Als Mann erfülle ich sicher selbst ein paar abgehangene Klischees – aber bei weitem nicht alle!

Du bist ja schon eine ganze Weile aktiv – als Autor, charmanter Bühnenquerkopf, Multiprojektjunkie. Was treibt Dich an, was füllt Dich aus, was ist die Botschaft hinter Deiner Literatur?

Schwierig. Ich bin nicht intelligenter als jeder andere auch und somit kann die Botschaft oder der Sinn dahinter nur sein, meine Kunst zu teilen und auf diese Weise dazu beizutragen, dass Menschen sich darüber unterhalten, nachdenken, weiterdenken. Es ist schön, zu jemandem durchzudringen und ihm ein Gefühl zu geben, das sein Leben bereichert. Ich verkünde keine Weisheiten, aber ich gebe Denkanstöße, so wie die Kunst keine Befehle erteilen oder Wahrheiten verkünden kann. Aber sie kann, sie sollte wahrhaftig und fühlbar sein und Türen öffnen, nicht verschließen.

Was mich dabei antreibt? Ich weiß es wirklich nicht… Ich habe schon oft darüber nachgedacht, es einfach sein zu lassen, aber am Ende ist es wie eine Sucht, eine Form der Abhängigkeit, die manchmal sehr erbärmlich und hässlich sein kann. Aber eben auch unheimlich berauschend. Kreativität ist meine Droge. Ich brauche das einfach für mich und anders als bei anderen Süchten: Neben der Zerstörung, kann ich etwas erschaffen, was auch anderen etwas bedeutet. Wenn das nicht ein großer Antrieb ist…

Unter anderem engagierst Du Dich mit Jennifer Sonntag und Franziska Appel in (kreativ)literarisch inklusiven Projekten, Du selbst bist durch eine, wie Du auf Deiner Website schreibst, „verhängnisvolle Entscheidung“, körperlich behindert. Willst Du uns mehr darüber erzählen? Welche Projekte sind das, was steckt dahinter?

Mit Franzi arbeite ich derzeit an einem erotischen Kurzgeschichtenband, der Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Wort und Bild beim Sex oder anderen sinnlichen Abenteuern zeigen wird. Die Zusammenarbeit ist so spannend und vielseitig. Ich freue mich wie ein Kind, wenn ich auf ihre Bilder und Texte warte. Mich langweilen bei erotischer Literatur eben oft Stereotypen, überhaupt diese strahlende Überblendung, wenn es um Sex geht. Sex hat weniger mit dem Körper zu tun als mit dem Kopf und den haben Behinderte ja auch. Auch sie haben ein Recht anspruchsvolle, erotische Kunst zu genießen, mit der sie sich identifizieren können und auch für alle anderen soll es eine spannende Erfahrung sein. Das Zusammenspiel zweier gesunder und dem Schönheitsideal entsprechender Körper macht noch keinen guten Sex aus. Das Behinderte auch als sexuelle Wesen wahrgenommen werden, wäre daher schon ein wichtiges Anliegen. Abgesehen davon, macht es mir aber einfach nur Spaß darüber zu schreiben – durch meinen Selbstmordversuch und die daraus resultierende Querschnittslähmung habe ich ja selbst so meine Erfahrungen machen dürfen und auch Franzi weiß zu diesem Thema einiges zu sagen. Die Welt ist vielseitig. Sex ist vielseitig. Also schreiben wir darüber, um diese Vielfalt zu erhalten.

Für Jenny habe ich lediglich das Grafikdesign für ihr wundervolles „Seroquälmärchen“ übernommen. Ich liebe wirklich alles, was sie schreibt und in Zukunft wird es sicher noch die eine oder andere Überschneidung unserer Arbeit geben, weil es einfach eine Herzensangelegenheit ist.

Seit vielen Jahren schon bist Du mit M. Kruppe freundschaftlich und als Autoren- und Tourkollegen verbunden. Die letzte „Sex & Drugs & LiteraTOUR“ ist nun aber schon eine ganze Weile her. Wann gibt´s eine Neuauflage?

Ja, M.Kruppe und mich verbindet eine sehr innige Freundschaft und natürlich bewundere ich ihn auch für seine Texte, die kein anderer so schreiben könnte – davon bin ich überzeugt. Ich trinke oft nach einem Solo-Auftritt den ersten Schnaps auf ihn, aber das habe ich ihm nie erzählt. Die SDL-Touren sind deshalb immer etwas Besonderes für mich und auch in diesem Jahr soll es einige Auftritte geben. Dazu kann ich aber derzeit noch nicht viel verraten.

Leider habt Ihr beim damaligen Tourtermin in Gera die Erfahrung machen müssen, wie ein Veranstalter ganz und gar nicht ticken sollte. Einer Deiner Texte greift das Desaster auf. Was war passiert und was sollte ein Veranstalter unbedingt tun und unbedingt vermeiden?

Haha, nicht nur in Gera. Es gibt hier und da immer mal wieder Probleme, wenn Veranstalter glauben, es wäre die Aufgabe des Künstlers, Werbung zu machen. Meistens ist das Desaster vorprogrammiert, wenn Veranstalter nicht an ihre Veranstaltungen glauben, dann sollten sie diese nicht annehmen. Es ist scheiße, als Künstler irgendwo zu Gast zu sein und dann nicht wie ein Gast behandelt zu werden, sondern wie ein Störelement. Es gibt aber auch wahnsinnig sorgsame und engagierte Veranstalter, was wir auch schon sehr oft erleben durften. Ein fairer Deal und Höflichkeit sind eigentlich schon mal gute Voraussetzungen und wenn es mal nicht so läuft, trotz aller Bemühungen – dann Offenheit und der Wunsch für beide Parteien einen annehmbaren Kompromiss zu finden.

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Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Und was magst Du Deiner und unserer Leserschaft mit auf den Weg geben?

Oh je – es gibt so viele Projekte, die in Aussicht zu stellen noch etwas gewagt wären. Das Kunstprojekt mit Franziska Appel liegt aber in greifbarer Zukunft, dazu soll es auch mehrere Lesungen und Ausstellungen geben. Mein Fantasy-Roman wartet auch schon ungeduldig auf Fertigstellung, sowie das ein oder andere musikalische Projekt – sehr spannend also!

Zum Schluss würde ich meinen Lesern gerne mein neues Buch mit auf den Weg geben in der Hoffnung, ihnen damit ein nachhaltiges Lesevergnügen zu schenken – und auch von ganzem Herzen im Interview genannte Künstler empfehlen: Leo Rumerstorfer, Jennifer Sonntag, Franziska Appel, M.Kruppe…

Benjamin, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken. Haut rein!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Nightqueen.
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„Der wichtigste Gedanke für uns ist, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen“ – Axel Kores & Christoph Liedtke im Interview

Ein dunkler Zuschauerraum. Eine große Bühne, die tiefrot beleuchtet ist. Im Hintergrund eine Leinwand auf der Bilder in schneller Abfolge als eine Art Film laufen. Die Szenen: schwarz, weiß und düster. Düster auch die gesamte Szenerie. An einem Tisch, auf dem allerhand technische Gerätschaften stehen, lehnt eine große Glasscheibe, über die eine dunkle Gestalt mit dem Finger reibt. Tonabnehmer sorgen dafür, dass jenes Geräusch durch die Kabel in einen Verzerrer und von aus in eine Loopstation geschickt werden.

Daneben die Silhouette eines weiteren Künstlers, der am Boden kniend seinen Bass bearbeitet. Auch dieser Sound verzerrt und geloopt, entsteht eine Komposition irgendwo zwischen Industrial und Avantgarde-Noise. Viele würden meinen, das sei Krach, aber hinter dieser musikalischen Symbiose steht ein Konzept. Das war im Februar auf der Bühne des Boots-Schuppen im längst aus den Grenzen des Geheimtipps getretenen Clubs „Hühnermanhattan“ in Halle/Saale zu sehen und zu hören. Mit dieser Performance schloss ein Abend des Kunstkollektives Rhizom Halle-Leipzig, der fast alles bot, was Kunst bereitzuhalten imstande ist.

Axel Kores und Christoph Liedtke, in Halle mit Sicherheit keine Unbekannten, waren als Gründer des Kollektives an jenem Abend die Veranstalter, dieses Abends, den sie „Aorta“ nannten. Der Leipziger Schriftsteller David Gray saß ebenso auf der Bühne, wie der Pößnecker Autor und Rezitator M. Kruppe. Auch lasen Axel Kores aus seinem bei Edition Outbird erschienen Buch „Verschwendete Jugend“, sowie Christoph Liedtke, dessen Lyrikband „Symmetrie der Risse“ noch in diesem Jahr im selben Verlag erscheinen wird.

Zwischendurch gab es Kurzfilme und weitere Sound – orientierte Performances, die Rhizom Halle-Leipzig vorstellten. Wir haben beide Gründer im Anschluss ins Interview genommen.

Hallo ihr beiden. Stellt euch doch bitte zunächst mal vor. Wer seid ihr, was macht ihr?

L.: Mein Name ist Christoph Liedtke. Ich bin 1985 in Saalfeld geboren, lernte Holzbildhauer und studierte 2010 bis 2016 an der University of Art and Design Burg Giebichenstein. Ich bin Bildhauer, Maler, Sound-Performer, Lyrik-Autor, spiele bei Klinke und bin Gründungsmitglied des Kunstkollektivs Rhizom Halle-Leipzig. Insofern habe ich an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen.

Momentan arbeite ich an der Veröffentlichung meines Gedichtbandes „Symmetrie der Risse“ und an der Publikation eines Bildbandes über Kunst mit mutmaßlich geistig behinderten Menschen.

Ich organisiere Kunstaktionen mit der Rhizom-Halle-Leipzig-Gruppe und trete auf verschiedenen Veranstaltungen auf, die mit den besagten Inhalten zu tun haben.

Christoph Liedtke

K.: Ich bin Axel Kores und bin ebenfalls Burg-Absolvent, allerdings im Bereich Grafik-Design, habe einige Jahre in einer Leipziger Design-Agentur zugebracht und arbeite seit 2010 freischaffend als Illustrator und Grafiker. Im Sommer 1993, das weiß ich noch wie heute, hat mir ein Freund sein altes Amati-Schlagzeug vermacht. Von da an ging´s mit der Musik los. ´94 standen wir dann mit unserer ersten Punk-Band auf der Bühne. Zum Schreiben bin ich erst später gekommen, einige Jahre nach dem Studium, glaub´ ich. Remarque, Beckett, Kafka, Sartre, Goetz und viele andere haben mir die entscheidenden Peitschenhiebe versetzt, um meine eigenen Worte zu finden. Dann feilt man lange am individuellen Stil. Ich bin froh, dass es im letzten Jahr mit der Veröffentlichung meines Debüt-Romans geklappt hat („Verschwendete Jugend“ – Edition Outbird). Jetzt bündeln wir unsere Energien im Rhizom-Projekt, Literatur, Musik, Performance. Das Einzelkämpfer-Dasein behagt uns nicht, da bleibt schnell etwas sehr wichtiges auf der Strecke: Freude! Die gibt´s nur, wenn man sie teilt.

Axel Kores

Warum lebt ihr in Halle? Was zog euch her, was hält euch?

L.: Ich studierte hier und hab hier eine Menge wunderbarer Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch gemeinsam verrückte Sachen mache und das auch nicht missen möchte. Warum Halle, ich weiß nicht, reines Verhängnis, wenn ich im Ruhrpott geboren wäre, würde ich jetzt vielleicht in Düsseldorf leben. Ich mag die Saale und schätze die günstigen Mieten, Halle hat Freiraum für künstlerische Aktivitäten, ohne dass man dafür ein Vermögen hinblättern muss.

K: Man kennt ja mittlerweile die eine oder andere Stadt recht gut und lernt deshalb Halle schnell schätzen. Hier gibt es zum Beispiel keinerlei provinziellen Hauptstadtstolz, logisch. Auf der Straße wird häufig das Gesicht zur Faust geballt, aber tief drinnen sind die Leute ziemlich kuschelig. Es ist rauer hier, aber immer gerade heraus. Wer das Klima einer alten Arbeiterstadt und den Esprit ihrer agilen Subkultur sucht, ist in Halle genau richtig.

Axel Kores´ Roman im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Ihr beide habt bei „Edition Outbird“ veröffentlicht: Du den Roman „Verschwendete Jugend„, Axel, Du den Lyrikband „Symmetrie der Risse„, Christoph. Worum geht es?

L.: „Symmetrie der Risse“ beinhaltet feinfühlige, bisweilen fast schwerelose Poesie, die sich im weitesten Sinne der organischen Wahrnehmung und Struktur der Welt widmet.

K: Mit „Verschwendete Jugend“ bin ich in mein eigenes Leben eingetaucht: Meine Prägung aus der Hausbesetzerzeit in einer mitunter wilden Community und mit spontanen Aktionen und Konzerten. Der Protagonist im Buch versucht, die Liebe seines Lebens, die er aus einer fehlinterpretierten Freundschaft heraus als solche erinnert, mit verschiedenen Maskeraden „zurück“ zu bekommen.

Christoph Liedtkes Lyrikband im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Wie kam es zur Gründung, wessen Idee war es, ein Kollektiv zu gründen und welchen Zweck bedient das?

C. L.: Wir haben eh schon die ganze Zeit zusammen Musik und Kunst gemacht. Die Gründe hängen auch damit zusammen, als Kollektiv größere Handlungsspielräume öffnen zu können. Kunst wirft für uns auch immer wieder die Frage auf: Wie wollen wir leben? Was können wir tun? Das ist ein Suchen nach neuen Anfängen. Und da stellt sich auch die Frage nach der Gemeinschaft, wir haben also beschlossen das Künstler-Ego einzudampfen, zu durchlöchern und einzuschmelzen. Das ist ein Versuch, Kontrolle abzugeben und Dinge passieren zu lassen. Das entspricht einer Form von kollektiver Weisheit. Zusammenarbeiten ist eine wunderbare Sache, wenn es funktioniert.

A. K.: Das ist auf Christophs und meinem Mist gewachsen, vermutlich im Proberaum; da haben wir die besten Ideen. „Rhizom Halle-Leipzig“ ist im Grunde nur eine nachträgliche Taufe für die gegenseitige Inspiration zwischen Leuten, die es schon zuvor gab. Wenn so etwas dann einen Namen bekommt, wird es plötzlich greifbar, lässt sich in der Welt verorten. Das erschien uns sinnvoll.
Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

C. L.: Das war mir gar nicht so klar, obwohl ich es mir hätte denken können. Hat uns eigentlich auch nicht interessiert. Die Idee des Rhizoms ist einfach sehr überzeugend. Ich bin während des Studiums darauf gestoßen, als ich mich mit Gilles Deleuze beschäftigt habe. Er und Felix Guattari haben diesen Begriff philosophisch vertieft und als Idee sehr interessant beleuchtet. Das sich davon Menschen inspirieren lassen, kann ich sehr gut nachvollziehen, hat aber nichts damit zu tun, was Menschen damit anfangen. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen dafür, dass auf einer gewissen Ebene Menschen gleiche Ideen befürworten.

Wie seht ihr das? Meint ihr, das ist ein Risiko oder seht ihr darin vielleicht sogar einen Vorteil?

C. L.: Risiko, vielleicht insoweit, dass man uns im Internet schwerer findet, aber daran soll die Unternehmung nicht scheitern. Ein Vorteil könnte darin liegen, dass ähnliche Ideen natürlich verbinden, aber ich hab mich bisher noch nicht mit anderen Kollektiven beschäftigt, das könnte man durchaus in Betracht ziehen.

Wer waren Deleuze und Guattari und wo seht ihr euren Verknüpfungspunkt zu den beiden?

C. L.: Deleuze und Guattari, Philosoph und Psychoanalytiker, haben in einer Co-Autorenschaft über diese Idee geschrieben. Der wichtigste Gedanke für uns daran war, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Ariadnefaden, aber auch als einen Raum der Vernetzung und zufälligen Begegnungen, in dem Ereignisse aufeinandertreffen können. Eine Art Generator, der die Karten neu mischt.

Genug des Theoretischen. Was wollt ihr erreichen, habt ihr Ziele und Strategien, diese zu erreichen? Was genau steht hinter Rhizom Halle-Leipzig? Gibt es kurz-, mittel- und langfristige Pläne?

C. L.: Wir verstehen uns als Plattform für künstlerisches Handeln. Wir verstehen künstlerisches Handeln ganz allgemein als Vorschläge, mit dem was da ist umzugehen. Der Künstler ist für mich jemand, der das Nichtkönnen kann und dafür nach neuen Ansätzen sucht, wie man das anstellt. Da draußen ist Chaos und Absurdität, der Künstler geht raus und macht was draus. Jenseits von „Ismen“, Gott und Utopie. Unsere Strategie: Alles was nützt, im Rahmen unserer Werte und Fähigkeiten Menschen zu mobilisieren, ihr gestalterisches Potenzial zu vergegenwärtigen, dass es besser wird, als es ist. Ich denke, alle Kunst zielt darauf ab, den Menschen zu erheben.

A. K.: Hinter allem steht im Grunde der Wunsch nach Verknüpfung. Rhizom soll möglichst interdisziplinär werden und wir stehen noch am Anfang der Reise. Im Videoformat lassen sich Arbeiten bestens dokumentieren bzw. präsentieren – deshalb der Youtube-Kanal. Wir haben mit den musikalischen und literarischen Projekten begonnen. Das muss wachsen. Verbissenheit ist uns jedoch fremd – es geschieht oder geschieht nicht. Wir experimentieren intuitiv und schauen, was sich auf der Bühne miteinander verbinden lässt.

Wie viele KünstlerInnen sind derzeit im Kollektiv aktiv, was machen sie, woher kennt ihr sie?

C. L.: Wir stecken in den Kinderschuhen und haben Frauenmangel. Es gibt einen organisatorischen Stamm und dann alle die bei Veranstaltungen auf der Bühne stehen. Du hast ja auch schon dazugehört (lacht).

Wieso Halle-Leipzig? Was ist der Beweggrund, Leipzig mit einzubeziehen, dass ja in Sachen Kunst schon ein bisschen overdosed ist? Also ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, aber die zunehmende Gentrifizierung hat in Leipzig ja nun schon erschreckende Ausmaße angenommen, was in Halle glücklicherweise (noch) nicht der Fall ist.

C. L.: Das ist lediglich eine lokale Verortung. Ein paar von uns kommen aus Leipzig. Was die da mit den Mietpreisen machen ist blöd, soll uns aber jetzt nicht davon abhalten. Uns interessieren da die Menschen.

A. K.: Diese Region ist sehr speziell und voller querschießender Energien, wie ich finde. Beide Städte liegen so dicht beieinander, dass sie in subkultureller Hinsicht gewisse Symbiosen bilden – spannende Wechselwirkungen, die man nur selten findet. Es gibt in unserem Umfeld etliche Leute, die sowohl hier, als auch dort aktiv sind. Da öffnen sich interessante Aktionsradien.

Seht ihr die Gefahr der Gentrifizierung auch für Halle und wenn ja, was meint ihr, wann es so schlimm sein wird wie in Leipzig? Und habt ihr vor, dem entgegenzuwirken? Wenn ja, wie?

C. L.: Das überschreitet meine Kapazität. Bevor ich mich direkt gegen Gentrifizierung engagiere, setzte ich mich in ein Schlauchboot und versuche damit, Öltanker zum Kentern zu bringen. Vielleicht gebe ich mal ein illegales Konzert auf ´nem Dach, aber dann würde ich auch eher Freedom und Peace von den Dächern schreien, als „Stoppt die Gentrifizierung“ (lacht). Bevor die Probleme nicht real sind, mache ich da wenig, es gibt einfach zu viele Probleme, für deren Lösung man sich einsetzen könnte.

A. K.: Gentrifizierung ist auch hier in vollem Gange. Ich will jetzt nicht zur umfassenden Kapitalismuskritik ausholen; aber die Raffgier hat sich an Allgemeingütern, zu der bezahlbarer Wohnraum definitiv gehört, einfach nicht zu vergreifen! Wenn wieder mal ein Hausprojekt platt gemacht wird, müssen alle loslegen, um das zu verhindern.

Halle ist das neue Leipzig. Würdet ihr dem zustimmen?

C. L.: Ich vergleiche diese zwei Städte ungern. Beide haben ihre Vorzüge und ich glaube nicht, dass Halle sich so urbanisiert wie Leipzig. Braucht es auch nicht, denn die Städte sind auch nur ´ne halbe Stunde voneinander entfernt und da ist es auch gut, dass sie verschieden sind.

A. K.: Ich halte wenig von solchen Vergleichen. Der Halle´sche Blick auf Leipzig ist häufig ein defätistischer; und ich frage mich stets: Warum? Man schwirrt doch eh in der halben Welt rum und erkennt überall Vielfalt. Wenn es jetzt heißt: Halle ist im Kommen. Umso besser! Hier geht auf jeden Fall was. Das ist allerdings schon seit Jahren so.

Allgemein gefragt: Kunst ist ein wirtschaftlich schwieriges Metier. Könnt ihr von eurer Kunst und dem, was ihr tut, leben?

C. L.: 2016 hab ich mein Studium beendet, vieles beginnt gerade anzulaufen. Davon richtig leben kann ich noch nicht. Viele Sachen die ich mache haben auch nichts mit „Schöner wohnen“ zu tun, da muss ich einfach durchhalten.

A. K.: Vom Grafik-Design kann ich leben. Vielleicht kommt in Sachen Literatur und Musik langfristig mal was rum. Aber was soll´s? Man fällt eh irgendwann einfach um, und das wird vermutlich deutlich vor ´m Renteneintrittsalter sein, gell. (lacht)

Wer oder was inspiriert euch?

C. L.: Das Geräusch von klappernden Pflastersteinen, wenn man mit dem Fahrrad darüber fährt.

A. K.: Brillanter Humor, der das Leid auffrisst.

Ich hörte, dass eure Band Klinke seit einigen Monaten immer erfolgreicher wird. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben und was meint der Begriff Erfolg in eurem Sinne?

C. L.: Axel hat das notiert: Irgendwas mit „Tataminimo mit autistischer Stimme und Hang zur Manie und Repetition“. Erfolg wie wir ihn verstehen, ich sag mal … Anerkennung und Moneten dafür was wir tun, ohne dabei unsere Seele an Dieter Bohlen zu verscherbeln.

A. K.: Christoph hat´s schon angedeutet. Ich konkretisiere: Klinke ist Post-Voodoo-Kraut mit autistisch beseelter Stimme und gesunder Aversion gegenüber Hörgewohnheiten – dekonstruktivistisches Tata-Minimo mit Hang zum Zwang. Erfolg ist, wenn man den ganzen Saal zum Explodieren bringt und das schon als Vorband.

Abschließend: Kann man Mitglied bei Rhizom Halle-Leipzig werden und wenn ja, was setzt das voraus? Was muss ich mitbringen, können und wollen, um mich dem Kollektiv anzuschließen?

C. L.: Er, Sie, Es sollte Telefonbücher zerreißen können, wir nehmen aber auch Leute auf, mit denen wir gerne Ideen aushecken und verrückt genug sein können, „es“ durchzuziehen. Ich glaube, das ergibt sich, wenn man aufeinander zukommt und wächst wie ein Rhizom.

Ich danke euch für das Interview und freue mich auf weitere Kooperationen.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweise: Privat.
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„Geschichten für die Sehnsucht“ – Antje Horn im Interview

Antje Horn, angesichts ihres Charismas unschätzbar jung, ist mit Herz und Seele Erzählerin und als solche unter anderem auch Mitglied unseres „Genuss & Kultur“-Künstlernetzwerkes. Sesshaft in Jena, tourt sie allein oder mit befreundeten KünstlerInnen durch die Lande – nicht ohne parallel mit schier endloser Energie zu netzwerken. Vorstandsmitgliedschaft im Lese-Zeichen e. V., alte und neue Kooperationen pflegen und eingehen, auftreten – eben brennen für die unzähligen Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Beispielsweise im Rahmen des Erzählkunstfestivals in Jena am 19. und 20. Oktober 2018.

Antje, wie bist Du zur Erzählkunst gekommen? Was hat Dich inspiriert und wann wurde Dir klar, dass Du Dein Brot als Erzählerin verdingen willst?

Eigentlich bin nicht ich zur Erzählkunst gekommen, die Erzählkunst kam zu mir. Ich bin eine Spätberufene. Vor 10 Jahren wusste ich noch nicht einmal, dass es hauptberufliche Erzähler gibt. Ich beschäftigte mich einige Zeit intensiv mit Trauerarbeit, Trauma- und Notfallpädagogik, und stieß dabei auf das Märchen- und Geschichtenerzählen. Beim Absolvieren meines ersten Seminares diesbezüglich bekam ich einen kräftigen Schubs von der Seminarleiterin Jana Raile in Richtung künstlerische Laufbahn. Ein Jahr lang hörte ich mir unzählige ErzählerInnen an und begann dann eine Ausbildung bei Jana Raile in Hannover. Zwei Jahre später erzählte ich während einer Veranstaltung gemeinsam mit Frau Prof. Kristin Wardetzky, welche mir nach der Veranstaltung einen kräftigen Schubs in Richtung UDK Berlin (Universität der Künste, d. Red.) gab. Ich hatte eigentlich keine zweite Erzählausbildung geplant, bekam aber ein Stipendium und in Berlin ganz viele wunderbare Lehrer aus aller Welt. Im Jahr 2014 reduzierte ich meine Arbeitszeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und begann mit dem Erzählen mein Brot zu verdienen. Ich bekam neben den Kopfschüttlern („…jetzt spinnt sie…“) unglaublich viel Rückenwind und Unterstützung. Die Stadt Jena , der Lese-Zeichen e.V. (speziell Dr. Martin Straub), ganz Thüringen und viele Menschen förderten mein neues Tun. Manchmal wurde mir selbst schwindelig von all den Veränderungen innerhalb weniger Jahre. Inzwischen kann ich vom Erzählen leben. Aber ohne all die Menschen, welche meine Geschichten hören wollen, wäre ich nicht dort, wo ich heute sein darf. Ich verspüre eine große Dankbarkeit und finde, ich habe den schönsten Beruf der Welt!

Du hast eine Ausbildung im Ausdruckstanz gemacht? Was ist das Elementare, das Spannende am Ausdruckstanz, und wo liegt die Brücke zur Erzählkunst?

Das stimmt nicht… ich habe Tanz und Bewegung während der Ausbildung (Storytelling) gehabt und tanze auch regelmäßig… habe aber keine Ausbildung im Ausdruckstanz… dafür studieren 2 meiner 3 Söhne zeitgenössischen Tanz 😉 ….

Du verbindest Künste miteinander, um deren Wirkung zu verstärken, aber auch mit sozialen Handlungsfeldern. Handelst Du hauptsächlich intuitiv, wenn Du Bündnisse eingehst?

Ich schließe meine Bündnisse absolut aus dem Bauch heraus. In erster Linie muss ich bei meinen „Partnern“ die gleiche Begeisterung und Freude am Arbeiten spüren, worin auch immer diese Arbeit besteht. Ich mag es, mich mit Menschen zu umgeben, welche für ihr Tun brennen. Das macht froh… auch das Publikum.

Nun ist das Erzählen ja in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus und auf die Bühnen des Landes gerückt, die Grenzen zwischen Märchen für Kleinkinder und mit vollem Körpereinsatz vorgetragenen Geschichten sind fließend, andererseits ist auch der Fantastikmarkt ein Wachstumsmarkt. Wie erklärst Du Dir das Interesse an guten Geschichten?

Wir leben in einer Zeit der schnellen Kommunikation. Die Welt scheint kleiner zu werden, viele Menschen verlassen ihre Heimat und suchen anderswo ein zu Hause. Ebenso viele Menschen sind hierdurch verängstigt und verunsichert. Es herrscht eine Zeit der kulturellen Verwirrung, eine Zeit hektischer Betriebsamkeit, eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Das Hören und Erleben frei erzählter Geschichten aus verschiedensten Kulturkreisen bietet die Möglichkeit der Entschleunigung, der Begegnung, der Identifikation, des Trostes und mehr. ErzählerInnen geben Geschichten weiter. Sie begegnen den Zuhörern ganz persönlich und schaffen mit dem Erzählen der verschiedensten Geschichten einen Raum, in welchem wir alle zuhause sein dürfen. Die Geschichten erzählen von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Liebe, Sinn und Glück. Sie sind zeitlos und universal. Sie beschäftigen sich mit den Grundfragen der Menschheit. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wie kann ein Miteinander gelingen? Es ist Zeit für Geschichten!

Narrare 2018 in der Villa Rosenthal Jena

Wie finden die Geschichten zu Dir? Treffen sich in regelmäßigen Abständen ErzählerInnen aller Windrichtungen am Lagerfeuer und tauschen ihre Geschichten aus? Gibt es Symposien, Netzwerke, Fachzeitschriften oder gar Erzählschulen?

Es gibt alles… vor allem aber Bücher…

Du sammelst ja gute Geschichten, nicht umsonst bietest Du verschiedene Programme an. Auch schöpft Dein Fundus aus Geschichten aus aller Welt. Muss bzw sollte man sich in die jeweiligen Landesmentalitäten hineinfühlen können, wenn man beispielsweise afrikanische Geschichten vorträgt?

Ich maße mir nicht an, mich in eine Landesmentalität einfühlen zu können. Ich suche immer nach der allgemeingültigen Botschaft der Geschichte. Oft gibt es die gleiche Geschichte in vielen Kulturen, mit nur minimalen Unterschieden. Es macht immer Sinn, dies zu recherchieren.

Was sollte, was muss ein guter (Nachwuchs)Erzähler an Talenten mitbringen? Was würdest Du an wichtigen Dingen mit auf den Weg geben?

In erster Linie Freude, Begeisterung, Selbstzweifel, Humor, Präsenz, Ausdauer… ach ich weiß nicht…

Wie schätzt Du das Potential, generell und insbesondere hinsichtlich Erzählen, Verlegen und öffentliches Lesen guter Geschichten wie auch mit Blick auf die vielen Aktiven, in Ostthüringen ein? Was bedarf Deiner Meinung nach kulturell noch einer besseren politischen Lobby?

Das weiß ich nicht wirklich…

Wenn man mit Dir zu tun hat, bekommt man schnell den Eindruck, dass Du ein enormes Arbeitspensum leistest. Wie sieht Dein energetischer Ausgleich aus? Und wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Ich brauche viel Zeit mit mir allein und gönne mir mehr und mehr Zeiten des Rückzuges. In zehn Jahren… bin ich sicher immer noch lernend und suchend und hoffentlich freudvoll erzählend.

Antje, wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch.

Bitteschön 😉

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Gerhard P. Bosche.
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